Kanadiern, Briten und Deutschen geht es bei ihren Visiten in China nicht zuletzt um bessere Wirtschaftsbeziehungen. Die westlichen „Mittelmächte“, um die Terminologie des Kanadiers Carney zu verwenden, suchen neue Freunde in der Welt – und gehen dabei auch auf den bisherigen Systemrivalen China zu. Dass das so ist, liegt in erster Linie an einem Mann: Donald Trump, der Verbündete mit Strafzöllen traktiert und Phantasien zur Übernahme Grönlands hegt.
Jetzt reagieren die vergrätzten westlichen Verbündeten. Den Ton dafür hat Carney vor zwei Wochen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gesetzt: „Die Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte“, sagte er in einer gefeierten Rede. Es gelte, „Koalitionen zu bilden, die funktionieren“.
Auch China rückt in den Blickpunkt, obwohl das Land nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch ein schwieriger Partner ist, etwa mit Blick auf den schwelenden Konflikt um Taiwan. Kanada hat jetzt dennoch ein Handelsabkommen mit China geschlossen und öffnet seinen Markt stärker für Importe chinesischer Elektroautos. Die EU wiederum hat nach zwei Jahrzehnten Verhandlungen einen Durchbruch über ein Handelsabkommen mit Indien erzielt. Die Zölle auf mehr als 90 Prozent der gehandelten Waren zwischen der EU und dem bevölkerungsreichsten Land der Welt sollen in Zukunft entfallen. Und auch das Handelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten ist trotz Störfeuer aus dem EU-Parlament auf der Zielgeraden.
Welthandelsordnung ohne Schiedsrichter
Wenn die Vereinigten Staaten sich vom Schutzpatron des regelbasierten Welthandels zu dessen Feind wandeln, dann muss Europa eben andere Partnerschaften schmieden. Der amerikanische Handelsökonom Richard Baldwin, Professor an der IMD Business School in Lausanne, formuliert es so: Es sei, als hätte beim Fußball der amerikanische Schiedsrichter mitten im Spiel den Platz verlassen. Die verdatterten Spieler hätten nun zwei Möglichkeiten: Sie können sich im Streit in die Haare kriegen und das Fußballspielen sein lassen – oder sie werden gemeinsam ihre eigenen Schiedsrichter und spielen weiter nach den Regeln. Baldwin ist optimistisch. Die anderen auf dem Platz spielten nämlich wirklich gerne Fußball.
Aber geht es wirklich ohne Schiedsrichter? In den beiden vorangegangenen Blütezeiten der Globalisierung im neunzehnten Jahrhundert und seit dem Zweiten Weltkrieg gab es jedenfalls stets einen Hegemon, eine dominierende Weltmacht, die den Laden zusammenhielt und für relativ freien Warenhandel sorgte. Im vorletzten Jahrhundert war das Großbritannien, in den Nachkriegsjahrzehnten die USA.
Der Rückzug der Vereinigten Staaten als Hegemon würde auch an Europa nicht folgenlos vorbeigehen. Hegemonen können selbst dazu beitragen, den Handel unter den übrigen Staaten zu intensivieren, wie eine Studie des Kieler Ökonomen Christoph Trebesch und seiner Kollegen vor Kurzem gezeigt hat. Die Zahl der internationalen Abkommen hat im Schatten solcher Ordnungsmächte im Laufe der vergangenen 200 Jahre immer weiter zugenommen. Dieser Trend wurde immer dann unterbrochen, wenn die Großen wankten – und noch nie fiel die Zahl der Abkommen so sehr wie im vergangenen Jahrzehnt. Fällt ein Hegemon weg, dann schadet das besonders dem Handel seiner engsten Verbündeten, zeigen die Autoren.
Flexible Koalitionen ohne klaren Anführer
Auf die Vereinigten Staaten entfielen allerdings nur 15 Prozent des Welthandelsvolumens, argumentiert Richard Baldwin. Das lasse im Rest der Welt genug Raum für einen weiterhin relativ freien und geordneten Handel. Er nennt Beispiele: Die USA blockierten über lange Zeit den wichtigen Streitschlichtungsmechanismus in der Welthandelsorganisation WTO, doch eine Koalition von Mitgliedstaaten hat als Übergangslösung eine neue Schlichtungsinstanz gegründet, das Multi-Party Interim Arrangement (MPIA). Und als sich die USA während Trumps erster Amtsperiode 2017 aus dem pazifischen Handelsabkommen TPP zurückzogen, schmiedeten andere Staaten ein Nachfolgeabkommen.
Es brauche informelle, flexible Koalitionen zwischen Staaten, die an offenen Märkten interessiert sind, ohne klaren Anführer, sagt Baldwin. Das sei zwar weniger geordnet und langsamer, aber auch widerstandsfähiger als die alte Welthandelsordnung, die von Wohlwollen und Partizipation einer einzelnen Großmacht, den USA, abhängig gewesen sei.
Neue Kontakte knüpfen
In der Praxis ist die Sache für Europa freilich kompliziert. Schon allein deshalb, weil es mit den Vereinigten Staaten aufs engste vernetzt ist, auch militärisch. Volker Treier, Außenhandelschef des Unternehmensverbands DIHK, spricht von einem Balanceakt: „Wir müssen neue Kontakte knüpfen, aber gleichzeitig die Beziehungen zu den USA so gut wie möglich bewahren. Einfach wird das nicht.“
„Die USA sind für Europa nicht zu ersetzen“, sagt auch Jörg Wuttke, viele Jahre lang Statthalter von BASF in China und mittlerweile Partner der Beratungsgesellschaft DGA in Washington. China jedenfalls sei sicherlich nicht der Partner, der Europa aus der Patsche helfen werde, warnt Wuttke. Das Land sei „zutiefst merkantilistisch“, es wolle exportieren, aber seinen eigenen Markt nicht öffnen.
„Europa und China haben gleichgerichtete Interessen“
Aber es gibt auch eine optimistischere Sicht. Der Politikwissenschaftler Amitav Acharya, Professor an der American University in Washington, hat ein Buch geschrieben über den Niedergang der vom Westen dominierten liberalen Weltordnung – und darüber, warum die Welt dennoch nicht im Chaos versinke. „Trump glaubt, dass die USA von der Globalisierung nicht profitiert haben, deshalb bekämpft er sie“, sagt Acharya. „Aber Europa und China haben beide Vorteile durch die Globalisierung, sie haben gleichgerichtete Interessen.“ Darauf lasse sich aufbauen.
Und er nennt noch einen zweiten Punkt: Der US-Markt verschwinde für chinesische Unternehmen immer stärker hinter Zollmauern. Schon Trumps Vorgänger Joe Biden hat prohibitiv hohe Zölle auf chinesische Autoimporte verhängt. Umso wichtiger sei es für China geworden, dass der europäische Markt für seine Exporteure offen bleibe. Deshalb habe China auch ein Interesse daran, im Gegenzug den Europäern Zugeständnisse zu machen.
Das könnte durchaus nötig werden, denn in Europa wachsen die Bedenken. Die Chinesen überschwemmen die EU, auch dank einer unterbewerteten Währung, mit billigen Industriegütern. Von einem „China-Schock“ spricht das Institut der Deutschen Wirtschaft. Solche Dinge ließen sich, folgt man Acharya, durch Vereinbarungen regeln. Sein Geburtsland Indien sei traditionell viel protektionistischer als China, sagt er. „Wenn die EU mit Indien ein Handelsabkommen vereinbaren kann, warum dann nicht auch mit China?“
Die Exporte in die USA sinken wegen der Zölle
Den Europäern dürfte kaum eine andere Wahl bleiben, als sich Alternativen zu Amerika zu suchen. Die amerikanischen Zölle gegen Europa sind mit 15 Prozent auf die meisten Güter zwar niedriger als die gegen die großen asiatischen Staaten. Dennoch zeigt sich in den Handelsdaten, dass sie bereits einen deutlichen Effekt hinterlassen haben. Die Exporte in die USA lagen im November 2025 um gut 20 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Das hat auch mit Unsicherheit zu tun. Schließlich hat Donald Trump gerade erst wieder weitere Zölle gegen die Verbündeten der Dänen im Grönlandkonflikt angedroht und dann zurückgezogen.
Die Zahlen sehen sogar noch robuster aus, als sie sind. Das hänge vor allem mit Irland zusammen, sagt Brian Coulton, der Chefökonom der Ratingagentur Fitch. Dort stellt der amerikanische Pharmakonzern Eli Lilly den Wirkstoff für seine Abnehmspritzen her und exportiert ihn zollfrei in die USA. Auch andere US-Pharmaunternehmen sitzen in Irland. Wenn man den Sektor aus der Betrachtung herausnimmt, wird deutlich: Der Schaden für das transatlantische Handelsverhältnis ist noch beträchtlich größer. Fitch sieht für das kommende Jahr in Europa vor allem einen Wachstumstreiber, der aber nichts mit dem Rest der Welt zu tun hat: die deutschen Staatsausgaben aus dem Sondervermögen.
Für die Europäer wird es höchste Zeit, engere Bande in die Welt zu knüpfen, wie eine Auswertung der Deutschen Bank zeigt. Bei aller Rhetorik rund um Freihandel und Exportmärkte: Im Welthandel ist Europa in den vergangenen Jahren eher zurückgefallen. Bis zur Finanzkrise 2008 wuchs das Handelsvolumen der Eurozone noch im Gleichschritt mit dem Welthandel. Seitdem geht die Schere auseinander. Während das globale Handelsvolumen sich inflationsbereinigt seit 2009 etwa verdoppelt hat, steht das Handelsvolumen der Eurozone heute noch in etwa da, wo es vor 17 Jahren war (siehe Grafik).
KI aus China als Chance für Europa
Auch in einer wichtigen Zukunftstechnologie könnte ein pragmatisches Verhältnis zu China den Europäern helfen: In der Künstlichen Intelligenz kommen die leistungsstärksten Modelle heute aus den USA und aus China, wobei Chinas Unternehmen auf sogenannte Open-Weight-Modelle setzen, bei denen die Parameter öffentlich zugänglich sind. Die Modelle können also von jedem auf dem eigenen Rechner betrieben werden, ohne dass Daten in andere Länder fließen. Es gebe zwar theoretisch die Möglichkeit, in Modelle eine Hintertür einzubauen, erklärt der Vorsitzende des Berliner Zentrums für KI-Risiken und Auswirkungen, Daniel Privitera. Es herrsche aber weitestgehend Konsens in der Szene, dass es in den aktuellen Modellen solche Hintertüren nicht gebe. Zöge die europäische Wirtschaft die Verwendung der chinesischen Modelle stärker in Betracht, böte das eine Alternative zu Amerikas Techkonzernen und würde den Kontinent weniger erpressbar machen.
Blind vertrauen sollte man den chinesischen Modellen ebenso wenig wie China in allen anderen Belangen. Problematisch wäre, dass der Einfluss auf die Modelle schon in der Trainingsphase beginnt. So hat sich gezeigt, dass etwa das bekannte chinesische Modell Deepseek-R1 gegenüber ChatGPT „systematisch zusätzliche chinesische Propaganda einspeist“, erklärt der digitalpolitische Leiter des Centrums für Europäische Politik, Anselm Küsters, „und das nicht nur bei explizit politischen, sondern auch bei Lifestyle- und Kultur-Themen“. Man sollte sich China gegenüber keinen Illusionen hingeben. Doch das gilt für die USA genauso.
Kühle Interessenspolitik gegenüber China und den USA
Wichtig ist es, einseitige Abhängigkeiten zu verringern, sowohl von Amerika als auch von den China. Und wenn Europa amerikanische wie chinesische KI-Modelle nutzt, dann bindet es sich nicht an einen von beiden. Das hilft im Fall neuer Erpressungsversuche Trumps, aber es gibt Europa auch mehr Freiheit zu reagieren, sollte China etwa Taiwan überfallen.
Das ist die neue Welt, die Mark Carney in seiner Rede beschrieben hat, in der die Europäer sich nun zurechtfinden müssen. Europa muss es schaffen, als Bollwerk des regelbasierten Handels Länder wie Indien oder die lateinamerikanischen Mercosur-Staaten an sich zu binden – und zugleich gegenüber den Weltmächten USA und China kühle und pragmatische Interessenspolitik betreiben, wenn diese nicht nach Regeln spielen.
