Hochschullehrer erzählen gelegentlich diese Anekdote: Wenn sie ihren Studenten die Aufgabe zuteilen, eine Institution zu entwerfen, die sich um die weltweite Gesundheit kümmern soll, dann kommt nach langem Grübeln fast immer ein Abbild der Weltgesundheitsorganisation WHO heraus. Bei all den Schwächen der Genfer Behörde, so lautet die Lektion für die Studenten, hat noch niemand etwas Besseres erschaffen.
Eine ähnliche Lektion scheinen derzeit auch die USA zu lernen. Vor sechs Wochen wurde der Austritt aus der WHO wirksam, seither sind die USA nicht mehr in Genf vertreten und damit von dem weltweiten Informationsfluss ausgeschlossen, der dort zusammenläuft. Frühe Warnungen über ungewöhnliche Krankheitsentwicklungen, Gensequenzen neuer Erreger, der Überblick über die gerade zirkulierenden Grippeviren, die für die Zusammensetzung der jährlichen Influenza-Impfstoffe wichtig sind – solche und andere Daten bekommen die USA nun allenfalls verzögert und aus zweiter Hand.
Dass dies ein Risiko für die Biosicherheit darstellt, ist auch der US-Regierung klar. Im September bereits hatte das Außenministerium im Rahmen seiner neuen „America First Global Health Strategy“ angekündigt, diesen Informationsfluss neu aufzubauen. Die USA wollen dazu lauter Einzelverträge mit anderen Ländern schließen. Diese sollen Daten liefern und im Gegenzug Hilfe für Teile ihrer Gesundheitsprogramme bekommen.
Tatsächlich geht das Projekt eher schleppend voran. Bis Anfang März wurden nur 24 bilaterale Abkommen geschlossen, wie die gemeinnützige Kaiser Family Foundation ausgewertet hat. Fast alle dieser Staaten liegen in Afrika, kein einziges in Asien, wo die jüngste Pandemie sowie mehrere große Epidemien ihren Ausgang nahmen.
Sam Halabi, Experte für Gesundheitsrecht an der Georgetown University, hält es für illusorisch, dass die USA es je schaffen werden, mit allen 193 WHO-Mitgliedsstaaten Einzelverträge zu schließen. „Die größte Hürde ist schlichtweg der Personal- und Zeitaufwand, der erforderlich ist, um solche Vereinbarungen mit 193 Ländern zu treffen“, sagte er der SZ. Ein weiteres Problem sei das mittlerweile geschrumpfte Vertrauen anderer Staaten in die US-Regierung, nämlich darin, dass die USA sich an alle Vereinbarungen zur Nutzung der Daten halten und die versprochenen Gegenleistungen auch erbringen.
Doch selbst wenn dieses Vorhaben doch halbwegs gelingen sollte, wird es vermutlich kostspielig. Die Washington Post berichtete kürzlich unter Berufung auf nicht genannte Regierungsbeamte, dass die USA etwa zwei Milliarden Dollar pro Jahr veranschlagt hätten, um ein System zur Überwachung weltweiter Krankheitsrisiken neu aufzubauen. Diese Summe entspricht dem Dreifachen dessen, was die USA der WHO zuletzt haben zukommen lassen. Also jener Organisation, die sie auch deshalb verließen, weil sie der Trump-Regierung für zu teuer erschien. Wäre dies ein Studentenprojekt, könnte man sagen: Da wurde eine Art WHO light zum dreifachen Preis des Originals entworfen.
Das alles steht im deutlichen Widerspruch zu den ambitionierten Ankündigungen der US-Administration: „Wir werden weiterhin weltweit führend im Gesundheitsbereich und die großzügigste Nation der Welt sein“, heißt es in der Strategie aus dem Außenministerium. Michael Osterholm, Infektionsexperte an der University of Minnesota kommentierte vor Kurzem in einem Podcast der Universität: „Dass die USA auch weiterhin eine führende Rolle in der globalen Gesundheit spielen werden, ist bestenfalls illusorisch und schlechtestenfalls geradezu betrügerisch.“ Er verweist darauf, dass die Regierung in den vergangenen Monaten auch die eigenen Institutionen geschwächt habe. Die Seuchenschutzbehörde CDC hat etliche erfahrene Mitarbeiter verloren und wird bereits vom vierten Direktor binnen eines Jahrs geführt. Osterholm sieht sie derzeit keineswegs gerüstet, eine Krise im eigenen Land, geschweige denn irgendwo anders auf der Welt, zu bewältigen.
Washington schuldet der WHO noch Geld für zwei Jahre
Auch die WHO bleibt geschwächt und verunsichert zurück. Sie ist nicht einmal ganz sicher, wie der Bruch juristisch zu bewerten ist. Nach den US-Regularien haben die Vereinigten Staaten das Recht, aus der WHO auszutreten, sofern sie bis dahin ihre finanziellen Verpflichtungen vollständig erfüllt haben.
Das ist eindeutig nicht der Fall. Washington schuldet der WHO noch etwa 280 Millionen Dollar Pflichtbeiträge für die zurückliegenden beiden Jahre, wie die Organisation auf Anfrage bestätigte. Was daraus folgt, soll nun die Versammlung aller Mitgliedsstaaten im Mai klären.
Unabhängig von der rechtlichen Unsicherheit bedeuten die ausbleibenden US-Gelder auch ein massives finanzielles Problem für die Behörde. Die Vereinigten Staaten haben in der Vergangenheit neben den Pflichtbeiträgen auch noch sehr hohe freiwillige Summen gezahlt, zuletzt mehr als 500 Millionen pro Jahr. Die Gesamtsumme entspricht fast einem Fünftel des WHO-Budgets.

:Wie Bill Gates die Arbeit der WHO beeinflusst
Die Gates-Stiftung zahlt viel Geld an die Weltgesundheitsorganisation – allerdings nur für Zwecke, die sie selbst bestimmt. Wie sehr dies den Interessen der WHO zuwiderläuft, haben Forschende nun analysiert.
Zugleich hat die WHO Expertise verloren. „Die USA haben in der Vergangenheit viel Fachwissen und Personal – Juristen, Epidemiologen, Ärzte und andere – für die Arbeit der WHO bereitgestellt“, sagt Sam Halabi.
Das alles ist ein schweres Erbe für den künftigen WHO-Generaldirektor. 2027 läuft die Zeit des bisherigen Amtsinhabers, des Äthiopiers Tedros Adhanom Ghebreyesus, aus. Bereits jetzt werden Namen gehandelt. Die Publikationen Lancet und Health Policy Watch nennen unter anderem der WHO-Europa-Direktor Hans Kluge aus Belgien, den Briten Jeremy Farrar, der aktuell einer von Tedros‘ Stellvertretern ist, und die aus Pakistan stammende Chefin der Impfallianz Gavi, Sania Nishtar. In der hiesigen Presse kursierte auch der Name des ehemaligen Gesundheitsministers Karl Lauterbach. Noch hat sich niemand offiziell zu einer Kandidatur geäußert.
