Eine der Zeitreisen, die für jeden Verehrer des amerikanischen Kinos mehr als verführerisch wäre, würde ins verrauchte New York der Fünfzigerjahre führen. 109. Straße Ecke Broadway, sechster Stock. Dort hatte sich eine sehr fidele WG zusammengefunden, deren Mitbewohner allesamt Hollywood umkrempeln sollten, auch wenn sie das damals natürlich nicht wussten. In dem Apartment wohnten zusammen Robert Duvall, Dustin Hoffman und zeitweise auch Gene Hackman.
Duvall studierte am „Neighborhood Playhouse School of the Theatre“ beim legendären Sanford „Sandy“ Meisner. Der bildete knapp drei Generationen von Stars aus, von Diane Keaton bis Tom Cruise, und auch Duvall sollte einer seiner prominentesten Absolventen werden. „Ich hatte das Gefühl, dass er der nächste Brando werden würde. Ich war mir sicher, dass er der Auserwählte sein würde, und ich wahrscheinlich nicht“, erzählte sein Mitbewohner Dustin Hoffman Jahre später bescheiden der Vanity Fair.
Robert Duvall wurde in seiner Karriere für stolze sieben Oscars nominiert (und gewann ihn für „Tender Mercies/Comeback der Liebe“, 1983). Aber das Wort „Star“ war ihm immer suspekt. „Dass jemand ein Star wird, ist der Traum des Agenten, nicht des Schauspielers“, sagte er. Und erzählte dann gern eine Anekdote von den Dreharbeiten zu „Der große Santini“ (1979): „Als ich dem Produzenten das erste Mal die Hand schüttelte – ich hatte mich noch gar nicht hingesetzt -, fiel schon das Stichwort ‚Oscars‘. Wir hatten noch nicht mal mit den Proben angefangen. Diese ganze Industrie ist so gierig auf das ganze Oscar-Star-System…“
Duvall kam 1931 in San Diego zur Welt. Im Gegensatz zu den meisten anderen großen Namen des New Hollywood, das er später so sehr mitprägen sollte, kam für ihn vor der Kunst die Army. Von 1953 bis 1954 leistete er seinen Militärdienst ab, zuletzt hatte er den Rang eines Private First Class. Diese Ausbildung sollte ihm später noch am Set von „Apocalypse Now“ nützlich sein.

:Alles war schön, alles tat weh
Der Schriftsteller Leif Randt hat die perfekt kuratierten Reflexionsschleifen seines Kultromans „Allegro Pastell“ für einen Kinofilm hergerichtet. Auf der Berlinale erntet er damit Ratlosigkeit.
Seine erste kleine, aber wichtige Kinorolle hatte er 1962 in der Verfilmung von Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“. Der Film wurde nicht weniger berühmt als das Buch. Er spielte den mysteriösen Arthur „Boo“ Radley. Dafür färbte er sich die Haare weiß und soll sechs Wochen lang das Sonnenlicht gemieden haben in der Vorbereitung, um möglichst blass und unheimlich auszusehen.
Der Film machte Duvall nicht nur beim Publikum bekannt, sondern auch bei einer Reihe junger Regisseure, die dabei waren, das alte, verstaubte Studiosystem Hollywoods umzukrempeln. Er drehte mit dem jungen George Lucas (vor dessen „Star Wars“-Durchbruch) „THX 1138“ und mit Robert Altman „MASH“ (1970). Aber der wichtigste Partner für den jungen Duvall (wie für so viele andere Newcomer damals auch, von Al Pacino bis Robert De Nir0) wurde der recht manische, aber eben hochtalentierte Francis Ford Coppola. Coppola besetzte ihn in „Liebe niemals einen Fremden“ (1968). Er gab ihm auch eine der wichtigen Nebenrollen in „Der Pate“ und „Der Pate II“. Vor allem aber schenkte er ihm die Rolle als Lieutenant Colonel Bill Kilgore in „Apocalypse Now“.
Coppolas delirierende Vietnamkriegsversion von Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ hat viele legendäre Szenen. Die legendärste ist aber wohl jene, in der Kampfflieger über Duvall als Kilgore hinweg düsen, der wie meist oben ohne unterwegs ist, und er sagt, während ganz in der Nähe auch noch die Explosionen dröhnen: „Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen.“

:„Ich kann die Zeit anhalten“
Francis Ford Coppola hat über 40 Jahre an seinem Traumprojekt „Megalopolis“ gearbeitet. Ein Gespräch über die Qualen des Filmemachens, den Vorwurf, er habe sich am Set ungebührlich verhalten, und den Tod seiner Frau Eleanor.
Über die Dreharbeiten zu Apocalypse Now (nicht im echten Vietnam, sondern auf den Philippinen) ist viel gesagt und geraunt worden. Die Crew im Drogenrausch, am meisten der Regisseur, und die meisten Anekdoten sind schlicht: wahr. Das hat Coppolas Frau Eleanor bezeugt, die über den Dreh einen ganzen, irren Dokumentarfilm gemacht hat. Aber Duvalls Szene (so viel Konzentration war dann wohl doch möglich) wurde in nur einem Take gedreht. „Da gab’s keine Zeit nachzudenken“, erzählte er später dem Filmkritiker Roger Ebert. „Ich hörte über den Funk, dass wir die Kampfjets nur 20 Minuten lang zur Verfügung hätten, also habe ich mich voll reingestürzt.“
Reingestürzt, das trifft es in der Tat sehr gut. Duvall machte Schluss mit der übertriebenen Pantomimerei des frühen Hollywood, mit der Tradition des Deklamierens und Grimassierens. Er brachte einen harten, rauen Naturalismus auf die Leinwand, weil er Leute wie den Lieutenant Colonel Bill Kilgore nicht einfach spielte. Er war Lieutenant Colonel Bill Kilgore.
Ob es ihn gestört hat, dass er trotz solcher Auftritte nie ganz den großen Ruhm anderer Helden jener Zeit eingeheimst hat? De Niro spielte längst in einer anderen Liga, seine alten Buddys Dustin Hoffman und Gene Hackman auch. Einerseits hat er das immer verneint – er wollte ja kein Star sein. Andererseits machte er zum Beispiel auch keinen Hehl daraus, warum er bei „Der Pate III“ (1990) nicht mehr mit von der Partie war: „Wenn Sie Pacino das Doppelte meines Honorars gezahlt hätten, ich hätte es eingesehen. Sie haben ihm aber das drei- oder vierfache bezahlt…“
Seine Stellung als Außenseiter hat Duvall aber auch fleißig selbst befördert. Lebenslang war er beinharter Republikaner, was im Mittleren Westen vielleicht nicht so aufgefallen wäre, im meist recht liberalen Hollywood aber durchaus. Er unterstützte George W. Bush (und war dafür auch zu dessen Amtseinführung 2001 eingeladen), später war er auch ein Förderer von John McCain.
Duvall war insgesamt viermal verheiratet. Mit seiner vierten Frau Luciana ist er seit 1997 liiert gewesen, 2004 heiratete das Paar, und diese Ehe hielt. Beide haben genau am selben Tag Geburtstag, dem 5. Januar.
Wie Luciana nun auf Facebook mitteilte, ist Robert „Bob“ Duvall am Sonntag friedlich im Kreis seiner Familie gestorben. Er wurde 95 Jahre alt.
