taz: Mr Powers, die Außerirdischen nehmen sich der Außenseiter an, heißt es bei Ihnen und der kalifornischen Punksängerin Alice Bag. Wer entführt da wen?
Kid Congo Powers: Sie sprechen von dem Song „DBWMGWD“ auf unserem Album „Juanita & Juan“. Sein Text stammt von Alice. Ich glaube, das ist eine universelle Geschichte. Alicia Armendariz, wie Alice bürgerlich heißt, und ich, wir haben beide auch unsere Autobiografien geschrieben, und viele Songs unseres Albums beziehen sich ebenfalls auf unsere Jugend in East Los Angeles. Wir waren seltsame Kinder, die dort seltsame Musik mochten. Als Kinder mexikanisch-amerikanischer Immigranten fühlten wir uns fehl am Platz; als queere Jugendliche, denen das gerade klar wurde, fühlten wir uns nicht im Einklang mit unserer Umgebung.
taz: Und David Bowie half dabei?
Powers: David Bowie in seiner Inkarnation als Ziggy Stardust gab uns das Ticket, so zu werden, wie wir sein wollten. Die Alien-Analogie ist perfekt für einen Teenager, der mit sich und der Welt hadert. Aber wir hatten viel Freude mit dem „Juanita & Juan“-Album. Nicht, dass wir keine Botschaft haben, aber wir sind dabei nicht so ernst, wie man es von uns gewohnt sein mag.
taz: Wo wir bei Bowie sind: Wie viel Rollenspiel steckt generell im Rock ’n’ Roll?
Powers: Unendlich viel und ultimativ. Ich musste erst einmal lernen, Rockmusiker zu werden, und da war es eine große Hilfe, zunächst Bowie und andere Helden von mir zu imitieren. Aber als ich meine Solo-Laufbahn einschlug, stand ich vor einer Identitätskrise. Ich wollte Musik machen, die sich vom Sound der Cramps, von Gun Club oder Nick Cave & the Bad Seeds, Bands, in denen ich mitwirkte, unterschied.
taz: Der Song „Jungle Cruise“ von Juanita & Juan ist elektronisch angereichert, ungewöhnlich, denn man kennt Sie eher als Garage-Rocker.
Powers: Nachdem ich 1983 wieder bei den Cramps ausgestiegen war, sah ich mir viele Jahre später ein Konzert von ihnen an und dachte nur, das darf nicht wahr sein: Sie spielen immer noch dieselben drei Akkorde, dieselben Songs und pflegen dieselbe Attitüde. Dann aber sagte ich mir, das genau ist ihre künstlerische Freiheit, und ich war zeitweise ein Teil davon. In dem Moment habe ich mich nicht mehr länger dagegen gewehrt, sondern diese Geschichte umarmt. Da bin ich nun. Eine seltsame Lektion, wenn du die 30 überschritten hast, aber eine gute.
Im Interview: Kid Congo Powers
Der Künstler: Kid Congo Powers, geboren 1959 als Brian Tristan, stand 1979 mit dem Sänger Jeffrey Lee Pierce in der Schlange zu einem Konzert der Avantrockband Pere Ubu in Los Angeles. Die Begegnung führte zur Bandgründung des Gun Club, für dessen Americana-Punksound Powers maßgeblich verantwortlich zeichnete. Ab 1981 spielte er darüber hinaus mit den Cramps, später auch bei Nick Cave & The Bad Seeds. Zahlreiche Solo-Projekte u.a. als Congo Norvell sowie bei den Knoxville Girls.
Die Alben: Juanita & Juan: „Jungle Cruise“ (In the Red/Indigo); Naim Amor & Kid Congo Powers: „Tucson Safari“ (In the Red/Indigo)
Die Tour: 20.3.2026, Berlin, „Quasimodo“; 21.3.2026, Halle, „Hühnermanhattan Kultur Klub“
Das Buch: Kid Congo Powers: „Some New Kind of Kick. A Memoir.“ Omnibus Press, London, 2022, 272 S., ca. 25 Euro
taz: Hinter das bewusst spielerische „Juanita & Juan“-Album setzt der Song „Put Your Weapons Down“ einen ernsten Schlusspunkt. Als ehemaliger Punk haben Sie einen Protestsong komponiert, der aus den Sechzigern, aus der Hippie-Ära kommen könnte.
Powers: Tatsache ist, Alice und ich, wir haben uns immer aktivistisch engagiert. „Put Your Weapons Down“ ist klar gegen den Krieg in Gaza gerichtet. Obwohl der Song die Kampfhandlungen in Nahost zum Ausgangspunkt hat, wollten wir damit ein universelles Anti-Kriegs-Statement setzen und haben beispielsweise an „War“, Edwin Starrs bekannter Interpretation des Temptations-Songs, gedacht, der zu Zeiten des Vietnamkriegs entstanden ist. Uns war, als wir mit Christopher Carlone das Video drehten, wichtig, dass es nicht nur Szenen aus Gaza enthält. Wenn ich das Privileg habe, ein Album zu veröffentlichen und Interviews zu geben, dann will ich auch den Mächtigen die Stirn bieten.
taz: Haben Sie sich das Super-Bowl-Finale mit dem Pausenauftritt des Latin-Rappers Bad Bunny angeschaut?
Powers: Ja klar. Bad Bunny ist spitze. Ich finde es toll, dass er dafür ausgewählt wurde, und mir gefällt besonders, dass er die MAGA-Typen und deren konservatives Weltbild angepisst hat. Außerdem ist Bad Bunny ein Geschenk für alle Latinos: Erst in dem Moment, in dem du so herausgestellt wirst, wird dir klar, wie unterrepräsentiert du eigentlich bist. Das war schon eine große Sache, auf die auch ich stolz war. Es ist verrückt, wie Bad Bunny Menschen gegen sich aufbringt. Er ist US-Amerikaner mit Wurzeln in Puerto Rico. Das ist der identitätspolitische Bullshit, mit dem ich mich schon mein ganzes Leben herumplagen muss.
taz: Leben Sie glücklich weitab von New York?
Powers: Sehr sogar! Mein Mann Ryan und ich haben uns bewusst entschieden, hierher nach Tucson zu ziehen. In New York sind die Häuser groß und der Himmel klein. In Arizona sind die Wüste und der Himmel weit. Dann habe ich den Film „Paris, Texas“ von Wim Wenders gesehen, und darin gibt es unglaubliche Bilder von Los Angeles in einer Dämmerung und Dunkelheit, von der ich wusste, dass sie auch hier aufziehen kann. Und in diesen Farben wollte ich leben.
taz: Sie haben Ihre Heimatstadt mit einem ganzen Album verewigt, „Tucson Safari“ zusammen mit Naim Amor. Es klingt nach Surf-Sound in einer Spielhölle …
Powers: … (lacht) ich erzähle mal, wie es dazu kam. Naim lebt seit 1997 hier und hat früher zum Beispiel mit der Band Calexico gespielt. Seine Musik ist sehr filmisch. Kurz nachdem ich 2020 nach Tucson gekommen bin, brach die Covid-Pandemie aus. Mir fiel die Decke auf den Kopf, er lud mich in sein Studio ein. Ich habe dann auf einigen seiner Songs gespielt und einige meiner Songs miteingebracht. Dann stellten wir fest, wir haben ein Album. Wir haben Drumcomputer und Synthesizer mit Rockabilly und Surf gemischt, Morricone mit Twang, im Sinne des ersten Alan-Vega-Soloalbums. Mir geht es immer darum, verschiedene Ansätze zusammenzubringen: das Schroffe und das Sanfte, das Heilige und das Profane. Für mich entsteht Schönheit aus Gegensätzen. Ich bin eher der Instinkt-Musiker, Naim eher der kühle Komponist.
taz: Sie scheuen nicht vor Kitsch zurück.
Powers: Ganz und gar nicht. Ich liebe Kitsch. Als ich bei den Cramps spielte, habe ich das gelernt, obwohl sie weniger kitschig als vielmehr kurios waren. Ich halte es mit dem Regisseur John Waters, einem meiner wichtigen Einflüsse. Er sagte, wer schlechten Geschmack verstehen wolle, müsse guten haben. Die richtige Mischung macht’s. Jeffrey Lee Pierce von Gun Club hatte immer diesen Spruch auf den Lippen, wenn es um Songwriting ging: Sage den Leuten das, was sie nicht wissen wollen. Und das, was sie nicht sagen wollen. Ich denke, das Unverblümte kommt von Punk.
taz: Sind schlechte Zeiten gut für Punk?
Powers: Punk ist eine Ausgeburt schlechter Zeiten. Ob das gut für irgendwas ist, bezweifle ich. Ur-Punk war wichtig, weil er den Mythos des unerreichbaren Rockstars demoliert hat. Wissen Sie, ich mache nun seit 50 Jahren Musik und habe dabei gute wie schlechte Zeiten erlebt. Und ich weiß mittlerweile eigentlich nichts mehr über die aktuelle Punkszene. Dabei bin ich der Letzte, der junge Menschen unterschätzt. Es wird sicher einen Underground geben, aber nicht für mich. Ich kann Verbündeter sein, aber bin nicht mehr selbst vorne dabei. Trotzdem habe ich meine Regeln.
taz: Welche sind das?
Powers: Mir geht es um Glaubwürdigkeit. Und ich bin kein Freund von Nostalgie. Wobei, mit meiner Band, den Pink Monkey Birds, spiele ich live auch einige alte Songs. Erst mal, weil ich das will, und dann, weil von den anderen, die damals dabei waren, nicht mehr alle leben oder nicht mehr auftreten. Und dann bereitet es Menschen Freude. Es ist eine Art, Hallo zu sagen.
taz: Was können wir live von Ihnen erwarten?
Powers: Also, Songs von Nick Cave spiele ich nicht, einfach, weil er und die Bad Seeds noch aktiv sind und sie ihre eigenen Songs spielen; aber die Musik der Cramps oder vom Gun Club, die möchte ich schon ehren, und das Publikum möchte sie auch hören. Da haben wir alle etwas davon. Als Jeffrey Lee Pierce mich zum Gun Club eingeladen hat, meinte ich, dass ich kein Instrument spiele, aber wenn er es mir zutraut, dann tue ich das. So verlief mein ganzes Leben. Ich bin wie ein Nomade darin herumgestolpert. Manches war schlecht; das meiste aber gut, denn jetzt reden wir ja.
taz: Wissen Sie eigentlich, dass Sie 1988 im DDR-Radio liefen?
Powers: Nein, das wusste ich nicht. Und wie war das?
taz: Eine Offenbarung. Spätabends mit der Westberliner Band Die Haut lief Ihre Musik in der Ostberliner Jugendsendung „Parocktikum“.
Powers: Da war ich dann also ein Außerirdischer, der zu den anderen Außenseitern gesprochen hat.
