US-Konjunktur: Warum Trumps Zölle die USA nicht bremsen

Ökonomen prophezeiten im vorigen Jahr mindestens Unheil: Die Handelspolitik von Prä­sident Donald Trump werde die amerikanische Wirtschaft schwer belasten. Die Zölle würden das Leben verteuern, die erratischen Zolldrohungen Investoren entmutigen. Rezession, In­flation oder eine Mischung aus beiden waren Szenarien, die sogar klammheimliche Freude auslösten: Trumps Gegner hofften, enttäuschte Wähler würden dem Präsidenten den Rücken kehren. Doch die Krise blieb aus. In den jüngsten Konjunkturdaten ist von Niedergang wenig zu sehen.

Im dritten Quartal wuchs die ameri­kanische Volkswirtschaft annualisiert um 4,3 Prozent – schneller als jede andere große Industrienation. Für dieses Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) ein solides Wachstum von 2,4 Prozent für die USA, 0,3 Prozentpunkte mehr als noch vor wenigen Monaten. Die Ökonomen von Goldman Sachs rechnen sogar mit 2,6 Prozent, während das müde Deutschland gerade 1,1 Prozent schafft.

„One Big Beautiful Bill“ bringt Rückenwind

Tatsächlich geht die amerikanische Wirtschaft schwungvoll ins neue Jahr. Allein das „One Big Beautiful Bill“, das am 1. Januar Gesetz wurde, dürfte nach Analyse des Congressional Budget Office (CBO) das Wachstum 2026 um 0,9 Prozentpunkte erhöhen. Ein zentraler Treiber ist eine Steuerregel für Unternehmen: Investitionen dürfen sofort vollständig abgeschrieben werden – etwa Maschinen, Anlagen sowie Ausgaben für Forschung und Entwicklung.

Dasselbe Gesetz sorgt dafür, dass viele Bürger mehr Geld in der Tasche haben – durch die Erhöhung des Kinderfrei­betrags (Child Tax Credit). Auch auf Trinkgelder und Überstunden fallen keine Steuern mehr an. Das stützt den Konsum, der für Amerikas Wachstum eine Schlüsselrolle spielt.

Hinzu kommt – wie Goldman-Sachs-Chefökonom Jan Hatzius im Podcast der Bank formuliert –, dass die Zollanhe­bungen erst einmal hinter uns liegen. Die Zölle könnten sogar sinken, falls der Su­preme Court ihnen die Rechtsgrundlage entzieht. „Ein negativer Impuls ist das nicht mehr“, sagt Hatzius. Trump hatte den Bankvolkswirt im Herbst öffentlich attackiert, weil dieser zu sagen wagte, dass die Zölle vor allem von Importeuren und Kunden getragen werden. Eine viel zitierte Studie des Kiel Instituts für Weltwirtschaft hat das jüngst noch einmal bestätigt – ohne dass sich in den Kon­junkturdaten deutliche Bremsspuren zeigen.

Torsten Slok, Chefökonom des Vermögensverwalters Apollo, nennt weitere Faktoren, die der US-Wirtschaft in diesem Jahr Rückenwind geben: den schwächeren Dollar, den gesunkenen Ölpreis – und sogar die Fußballweltmeisterschaft.

Die Sache mit der Künstlichen Intelligenz

Am wichtigsten aber ist die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Sie wirkt auf mehreren Ebenen: hohe Investitionen, kräftige Börsengewinne und – weniger klar – ein möglicher Produktivitätsschub. Ausgaben rund um KI (Rechenzentren, Datenverarbeitung, Software und Forschung) halfen, im ersten Quartal 2025 einen stärkeren Einbruch zu verhindern. Im zweiten Quartal machten sie 30 Prozent des Wirtschaftswachstums aus, im dritten Quartal noch elf Prozent – so haben es Ökonomen der Federal Reserve von St. Louis berechnet.

Allerdings gibt es Zweifel an der Berechnung: Denn die KI-Ausgaben fußen auf Importen von IT und Halbleitern, weshalb ihr Nettowachstumseffekt deutlich kleiner ausfällt. Offensichtlich ist aber, dass Kursgewinne der KI-Favoriten den Konsum zumindest der Besser­verdienenden spürbar erhöhten. Ob das 2026 so weitergeht, ist allerdings offen.

Dafür verdichten sich Hinweise auf ei­nen Produktivitätsschub: Die Arbeits­losenquote stieg 2025 von 4,0 auf 4,4 Prozent – trotz soliden Wachstums. Die Wirtschaft kann also schneller wachsen, ohne im gleichen Maß neue Stellen zu schaffen.

Ein Risiko bleibt: die Inflation. Hatzius sieht die Abkühlung des Arbeitsmarkts als wichtigen Grund dafür, dass sich die Teuerung der Zweiprozentmarke nähert. Adam Posen, Chef der Denk­fabrik Peterson Institute for Interna­tional Economics, widerspricht ent­schieden. Fünf Gründe führt er an: Die Zollgeschichte sei noch nicht vorbei; der Arbeitsmarkt sei wegen Deportationen von Einwan­derern enger als gedacht; die Fiskalpolitik großzügiger, als sie wirkt; die Geldpolitik zu locker; und die In­flations­erwartungen der Menschen stiegen.

Von Eiern lernen

Haushalte erinnern sich laut Posen an auffällige Preissprünge: bei Eiern, Fleisch, Kinderbetreuung oder Repara­turen am Haus. Das erklärt, warum ein Produkt mit hoher Kaufhäufigkeit wie Eier – obwohl es im Warenkorb der CPI-Berechnung weniger als 0,2 Prozent ausmacht – bei Angebotsschocks wie der Vogelgrippe die Inflationswahrnehmung überproportional verzerren kann. Wenn sich im Laufe des nächsten Jahres gestaffelte Preiserhöhungen in solchen Kate­gorien bemerkbar machen, könnten die Erwartungen der Haushalte nach oben driften – und damit auch den tatsäch­lichen Preisauftrieb verstärken. Seine Pro­gnose für 2026: Eine Inflation von vier Prozent ist realistisch.

Unabhängig davon spiegelt die Inflation die zweigeteilte Wirtschaft der USA. Daten der Federal Reserve zeigen, dass ärmere Haushalte höhere Teuerung spüren, weil in ihrem Warenkorb Posten wie Miete, Strom, Lebensmittel, Verkehr und andere Grundbedürfnisse stärker ins Gewicht fallen – und gerade diese Güter und Dienstleistungen sich zuletzt überdurchschnittlich verteuert haben. Weil diese Haushalte mangels Vermögen nicht vom KI-getriebenen Börsenboom profitieren und auch nicht einfach in besser bezahlte Arbeitsfelder wechseln können – viele Unternehmen stellen derzeit kaum ein –, wächst der Missmut. Für sie ist die „Erschwinglichkeitskrise“ keine Fake News, so oft Trump das auch wiederholen mag.