
Linke Studentenvertreter der Uni Würzburg attackieren einen Historiker und dessen wissenschaftlichen Mitarbeiter – und sprechen darüber mehrfach mit der Universitätsleitung. Die lässt die betroffenen Wissenschaftler wochenlang im Unklaren. Nun sieht sich Bayerns Wissenschaftsminister zum Handeln gezwungen.
Jetzt schaltet sich die Landesregierung in den Konflikt zwischen Studentenvertretung und einem Lehrstuhl an der Universität Würzburg ein: Für kommende Woche hat das bayerische Wissenschaftsministerium den Rektor der Universität, Paul Pauli, zum Gespräch nach München geladen. Auch der von linken Studenten angefeindete Historiker Peter Hoeres soll teilnehmen. Das teilte das Ministerium auf Anfrage von WELT mit. Dabei geht es um den Vorwurf angeblich neurechter und antisemitischer Tendenzen am Hoeres’ Lehrstuhl für Neueste Geschichte. Eine Resolution des Studentenparlaments (Stupa) hat die Affäre in die Öffentlichkeit getragen. Konkrete Vorwürfe gegen Hoeres und seinen ebenfalls attackierten wissenschaftlichen Mitarbeiter Benjamin Hasselhorn existieren allerdings nicht.
Der pauschale Vorwurf des Antisemitismus dürfte unhaltbar sein. Was war geschehen? Peter Hoeres war im vergangenen Jahr aus dem Deutschen Historikerverband (VHD) ausgetreten. Der Verband hatte zuvor die antiisraelischen Protestcamps an der Freien Universität in Berlin verteidigt. „Freie Diskursräume sind natürlich essenziell, aber das bedeutet ja nicht, einen Freibrief für Antisemitismus auszustellen“, sagte Hoeres dazu in einem Interview, das auf der Website seiner Fakultät publiziert ist. Er kritisierte „diese sich ausbreitende postkoloniale Theorie, die subkutan massiv antisemitische und antizionistische Narrative transportiert“.
Auch der Vorwurf des Rechtsextremismus oder sogenannter neurechter Tendenzen ist bislang nicht belegt. Uni-Leitung und Studentengremien haben auf mehrfache WELT-Anfrage keine nachvollziehbaren Argumente genannt. Auch in internen Dokumenten oder in der Resolution des Studentenparlaments (Stupa) tauchen keine konkreten Hinweise auf. Verwiesen wird allenfalls immer wieder auf einen Artikel Hasselhorns in der neurechten Zeitschrift „Sezession“, den er unstrittig vor elf Jahren verfasst hat und in dem es darum geht, ob ein Tory-Konservatismus nach britischem Vorbild in Deutschland möglich wäre.
Universitätsleitung wünschte sich Diskretion
Die Uni-Leitung hat allerdings im Vorfeld der Angriffe auf Hoeres und Hasselhorn offensichtlich mit Studentengremien kooperiert. Das Protokoll einer Sitzung vom 29. Januar nennt als Teilnehmer neben Initiatoren des Stupa-Beschlusses auch den Kanzler der Hochschule, Uwe Klug, der für die Verwaltung und die Budgets der Universität verantwortlich ist.
Klug wird hier mit der Aussage zitiert, einstweilen gebe es nur „Informationen (…) von einer Seite“. Und: „Maßnahmen können erst nach Erklärung der anderen Seite folgen.“ Darum kümmere sich der Vizepräsident der Uni, Andreas Dörpinghaus. Im Protokoll, das teils stichwortartig verfasst ist, liest sich das so: „Herr Dörpinghaus ist dabei kontakt mit dem Herrn Höris aufzunehmen und die Lehrveranstaltungen zu überprüfen.“ Klug versicherte den Studenten zudem ausweislich des Protokolls: „Nehmen das Thema sehr ernst.“ Allerdings behandle die Leitung die Affäre lieber diskret. Die Studenten notieren dazu: „Wollten nicht das es in die Öffentlichkeit gerät, würden es begrüßen wenn das nicht im Stupa angesprochen wird (mehrfach).“
Daran freilich hielten sich die Studentengremien nicht. Bereits einen Tag vor dem Treffen mit Klug hatte der Stundentische Sprecher*innenrat (SSR) getagt. Im Protokoll dieser Sitzung wurde festgehalten, dass bereits „ein Stupa-Antrag ausgearbeitet“ sei. Nachvollziehbar ist auch, wie dieser entstanden war. Am 21. Januar, also noch ein paar Tage davor, hatten die Wortführer in einer weiteren Sitzung berichtet, die Recherche gegen Hoeres und Hasselhorn sei „vertieft“ worden. Auch dieses Protokoll liegt WELT vor. Darin heißt es weiter: „Es gibt Material von 16 Seiten zu dem Lehrstuhl. Infos aus dem Plenum der Gewerkschaften.“
Der Satz mit „Gewerkschaften“ mag auf den ersten Blick verwirrend wirken, klärt sich aber beim Blick auf das Personal: Der Stupa-Vorsitzende Jonas Keim, der bei dieser Sitzung laut Protokoll auch anwesend war, ist Mitglied im Vorstand der Würzburger Lehrergewerkschaft GEW. Sie ist nach WELT-Informationen hier konkret gemeint.
In der Folge zog sich die Angelegenheit ein paar Wochen hin. Ende Februar erschien Uni-Kanzler Klug dann wieder zu einer Gremiensitzung und teilte den Studenten mit, es sei „ein Schreiben auf dem Weg zu Hr. Hoeres“. Konsequenzen für Hoeres’ Lehrstuhl kündigt er offenbar auch an. „Für das Sommersemester wird an einem alternativen Lehrangebot gebastelt“, protokollierten die Studenten Klugs Aussage. Den aktuellen Stand kenne er aber nicht, den kenne nur Vizepräsident Dörpinghaus.
Am 12. März brachten die linken Fraktionen des Studentenparlaments dann den vorbereiteten Antrag ein und verabschiedeten ihn einstimmig. Der unionsnahe RCDS und die Liberale Studentenvereinigung blieben der Abstimmung fern, hätten allerdings an den Mehrheitsverhältnissen auch nichts ändern können.
WELT hat die Uni-Leitung mit den genannten Aussagen konfrontiert und um Stellungnahmen gebeten, allerdings keine bekommen. Auch die Studentengremien und ihre Teilnehmer beantworten keine Fragen zur Sache, ebenso nicht der Vorsitzende der Würzburger GEW, Riccardo Altieri. Allerdings verschickte die Universität zum Ende der Woche eine Pressemitteilung. Es gebe „aktuell“ in der Angelegenheit „keine disziplinar- oder strafrechtlich relevanten Erkenntnisse“, heißt es darin. Das Lehrangebot an Hoeres’ Lehrstuhl solle erweitert werden.
Die Mitteilung enthält auch Stellungnahmen der Studenten und von Professor Hoeres selbst. Ein studentischer Vertreter wird darin mit den Worten zitiert, die Gremien hätten ihre Bedenken gegenüber einer von der Leitung eingesetzten „Taskforce“ „in einer offenen Atmosphäre umfassend zur Sprache bringen“ können.
Ignorierte die Universitätsleitung Bitten um Gespräche?
Historiker Peter Hoeres macht ausweislich der Pressemitteilung der Universitätsleitung schwere Vorwürfe. Diese sei „ihrer Fürsorgepflicht für die mit falschen Tatsachenbehauptungen und Verleumdungen attackierten Wissenschaftler“ nicht nachgekommen. Wäre der Leitung der Einsatz gegen Antisemitismus wichtig, so Hoeres, hätte sie außerdem erwähnen müssen, dass ausgerechnet das Stupa in einer Resolution das Existenzrecht Israels mit linker Mehrheit strich. „Ebenso wenig hat die Universitätsleitung die Gesprächsbitten der Mitarbeiter beantwortet.“
Tatsächlich hat die Universität nach WELT-Informationen bisher nicht mit Hoeres und Hasselhorn gesprochen, entgegen den Ankündigungen auch des Uni-Kanzlers Klug in den studentischen Gremiensitzungen. Das nun anberaumte Treffen beim Ministerium in München wäre demnach das erste zu der Affäre. „Das Gespräch soll in der kommenden Woche in München stattfinden mit dem Ziel, den Hochschulfrieden zu wahren und die Freiheit von Forschung und Lehre zu gewährleisten“, erklärt dazu ein Ministeriumssprecher.