Unfälle mit E-Bikes: „Gerade ältere Männer überschätzen sich oft und verunglücken schwer“

Die Zahlen sind eindeutig: Vor allem alte Männer verunglücken mit ihren E‑Bikes – teilweise schwer. Forscher haben die Unfallursachen genauer untersucht und verhängnisvolle Verhaltensmuster festgestellt.

Das E-Bike ist längst dabei, das gute alte Fahrrad zu verdrängen: Radeln, ohne sich anzustrengen – auch wenn es bergauf geht oder der Wind kräftig von vorn weht. Das ist einfach zu verlockend und besonders auch für ältere Menschen eine Möglichkeit, mobil zu bleiben und sich an der frischen Luft zu bewegen.

In Deutschland wurden im Jahr 2024 rund zwei Millionen E-Bikes verkauft, womit sie erstmals dauerhaft den größten Anteil am Fahrradmarkt ausmachen. Insgesamt lag der Anteil von E-Bikes bei 53 Prozent aller verkauften Fahrräder – mehr als jedes zweite neu gekaufte Rad ist also elektrisch unterstützt.

Doch Privatdozent Michael Zyskowski, Oberarzt in der Klinik für Unfallchirurgie der Technischen Universität München (TUM), beobachtet den Trend mit großer Sorge: „Gerade ältere Männer überschätzen sich oft und verunglücken schwer“, sagt der Experte im Gespräch mit WELT.

Zyskowski hat in einer aktuellen Studie die Muster von E-Bike-Unfällen untersucht. Als Grundlage dienten ihm dabei Daten von insgesamt 103 Patienten, die in den Jahren 2017 bis 2023 nach einem Unfall mit ihrem E-Bike im TUM-Klinikum behandelt wurden; wobei es sich um E-Bikes mit einer Geschwindigkeit bis 25 km/h handelt, die streng genommen Pedelecs heißen.

Mehr als ein Drittel dieser E-Bike-Patienten musste stationär aufgenommen werden, elf Patienten waren so schwer verletzt, dass sie auf der Intensivstation versorgt werden mussten. Zwei der Patienten starben an den Folgen ihrer Verletzungen.

Fast alle der Schwerverletzten hatten tiefe Hirnblutungen, zehn der elf Intensivpatienten waren Männer. Ihr Durchschnittsalter lag bei 77 Jahren. „Und keiner hatte einen Helm getragen“, sagt Zyskowski. Viele der älteren E-Bike-Fahrer leiden an Vorerkrankungen und nehmen etwa regelmäßig Blutverdünner, was bei Verletzungen zu besonders starken Blutungen führen kann.

Fahrfehler häufigste Unfallursache

Weil sich das E-Bike-Fahren durch die Unterstützungsmotoren so leicht anfühlt, würden gerade ältere Menschen nicht so schnell bemerken, wie anstrengend es doch ist, warnt Zyskowski. Der Blutzuckerspiegel könne drastisch abfallen, was Konzentration und Gleichgewicht beeinflusse und damit das Risiko eines Unfalls erhöhe. Häufigste Unfallursache, so zeigt die Studie, waren bei den 103 Patienten Fahrfehler (38 Prozent), gefolgt von Zusammenstößen mit einem Auto (17 Prozent) und schlechten Fahrbahnverhältnissen (13 Prozent).

Bei der Auswertung der Krankendaten zeigte sich, dass die verunglückten Frauen leichter verletzt waren als die Männer. Zyskowski vermutet, dass Frauen insgesamt vorsichtiger und langsamer fahren und daher seltener und weniger schwer verunglücken. Von den im Rahmen der Studie ausgewerteten Fällen waren 60 Prozent Männer und 40 Prozent Frauen. Ihr Durchschnittsalter lag bei 44 Jahren, das der Männer insgesamt bei 57 Jahren.

Die untersuchten Unfälle ereigneten sich in der Münchner Innenstadt; der Großteil der Verletzten sei für Besorgungen oder andere Alltagsfahrten unterwegs gewesen, so Zyskowski. Die Zahl der E-Bike-Unfälle nehme kontinuierlich zu, was er auch von Kollegen aus anderen Städten höre. Insofern sei die Studie zwar nicht repräsentativ für ganz Deutschland, zeige aber einen deutlichen Trend. So werden etwa in ländlichen Regionen längere Strecken zurückgelegt, womit auch das Risiko für einen Unfall steigt.

Wer sich erstmals ein E-Bike anschafft, sollte sich auf die erste Fahrt unbedingt gut vorbereiten, rät Zyskowski. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) bietet spezielle Kurse an, um das Fahren mit dem E-Bike zu trainieren. Allein das hohe Gewicht von etwa 20 Kilogramm erschwert das Manövrieren, was eine gewisse Fitness erfordert.

„Ältere E-Bike-Fahrer sollten sicher auf einem Bein stehen und die Balance halten können“, rät Zyskowski. Sein wichtigster Rat aber ist, einen Helm zu tragen. Das sei die einfachste und effektivste Schutzmaßnahme. Die meisten schweren Kopfverletzungen, die im Rahmen der Studie erfasst wurden, hätten mit einem Helm vermutlich verhindert werden können.