Aston Villas Teilnahme an der Europa League wirkt beinahe wie Wettbewerbsverzerrung. Das liegt nicht nur daran, dass das Team aus Birmingham das meiste Geld hat, laut dem Finanzdienstleister Deloitte ist Villa mit zuletzt 450 Millionen Euro Umsatz der finanzstärkste Klub des Wettbewerbs – deutlich vor dem VfB Stuttgart (296 Millionen Euro). Vor allem ist Unai Emery der Trainer, und er gilt im zweitwichtigsten europäischen Klubwettbewerb als nahezu unschlagbar.
In bislang sieben Europa-League-Spielzeiten gewann der Baske mit seinen Klubs vier Titel (drei mit dem FC Sevilla von 2014 bis 2016, einen mit dem FC Villarreal 2021); dazu erreichte er mit dem FC Arsenal 2019 das Finale. International trägt Emery daher den Beinamen „Mister Europa League“. Auch in dieser Saison wird Emery seiner Favoritenstellung gerecht. Vor dem abschließenden Spieltag der Ligaphase am Donnerstag steht Aston Villa hinter Tabellenführer Olympique Lyon punktgleich auf Rang zwei und ist bereits sicher für das Achtelfinale im März qualifiziert. Mit einem Heimsieg gegen Salzburg wäre diese Platzierung nicht mehr zu nehmen – sie garantiert in allen möglichen K.-o.-Runden das Heimrecht im Rückspiel. Selbst der betont zurückhaltende Emery räumte ein, dass er bereits davon träumt, erneut einen Europapokal zu gewinnen.

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Um Spieler und Klub dafür zu motivieren, bedurfte es offenbar erheblicher Überzeugungsarbeit des Trainers. Denn die Enttäuschung über den Ausgang der Vorsaison saß tief: In der Champions League wie auch im FA Cup war Villa jeweils am späteren Sieger gescheitert – an Paris Saint-Germain sowie Crystal Palace. In der Premier League verpasste man die erneute Qualifikation für die Königsklasse nur knapp aufgrund des schlechteren Torverhältnisses. Diese Rückschläge wirkten sich direkt auf die laufende Spielzeit aus, finanziell und sportlich.
Ohne das Geld aus der Champions League musste Aston Villa wie schon im Sommer 2024 wichtige Spieler verkaufen. Diesmal wechselte das Eigengewächs Jacob Ramsey für 45 Millionen Euro zum Ligakonkurrenten Newcastle United. Im Gegenzug verpflichtete der Verein lediglich den Rechtsaußen Evann Guessand für 30 Millionen fest aus Nizza, weitere Spieler, wie der ehemalige Borussia-Dortmund-Profi Jadon Sancho von Manchester United, kamen bloß auf Leihbasis. Zusätzliche teure Transfers hätten die Finanzregeln verletzt, nachdem Villa zuvor unter den milliardenschweren Besitzern Nassef Sawiris und Wes Edens jahrelang kostspielig in den Kader investiert hatte, um den Rückstand auf die Spitzenteams aufzuholen.
In der Premier League sammelte Villa zwölf Siege in 13 Ligaspielen
Kurz vor Transferschluss im August wollte zudem Argentiniens Weltmeistertorwart Emiliano Martínez plötzlich zu Manchester United wechseln, der Klub entschied sich letztlich aber für den jüngeren Belgier Senne Lammens. Martínez wurde von Emery für ein Villa-Spiel aus dem Kader gestrichen, kehrte aber anschließend zwischen die Pfosten zurück.
Zu Saisonbeginn gewann Aston Villa keines der ersten fünf Ligaspiele und stand auf dem vorletzten Tabellenplatz. Die Auftritte sahen lustlos aus, es wurde gemunkelt, Villa könnte in dieser Verfassung absteigen. „Ich war extrem besorgt“, gestand Emery. Als Reaktion auf die Krise und die durchwachsene Transferphase gab Sportdirektor Monchi, einst Emerys Weggefährte beim FC Sevilla, einvernehmlich seinen Posten auf. Emery selbst appellierte an die Spieler: „Verschwendet keine Zeit!“ Die Ansage, dass fortlaufend schlechte Leistungen auch das Renommee und die Chancen jedes einzelnen auf eine Teilnahme an der Weltmeisterschaft gefährden könnten, zeigte Wirkung. Das Team riss sich zusammen und startete eine Erfolgsserie: zwölf Siege in 13 Ligaspielen, darunter Heimsiege gegen Manchester City und Arsenal.
Die Aufholjagd katapultierte Villa fast senkrecht in die Spitzengruppe. Vor dem Rückrundenspiel gegen Arsenal am Jahresende lag der Klub nur noch drei Punkte hinter den Gunners. Zwar ging das Topspiel damals 1:4 verloren, doch die Leistung bestätigte Emerys Elf als potenziellen Titelkandidaten. Derzeit teilt Villa die Punktzahl mit Manchester City und liegt nur vier Zähler hinter Tabellenführer Arsenal. Für den Rest der Saison scheint alles möglich zu sein – von der Meisterschaft bis zu einem Formeinbruch. Der Vorsprung auf den ersten Verfolger Manchester United beträgt komfortable acht Punkte. Die Aussicht auf die Rückkehr in die Königsklasse ließ den Klub wieder investieren: Mehrere Spieler kamen im Januar, prominentester Zugang ist der Ex-Chelsea-Stürmer Tammy Abraham von Besiktas Istanbul.
Aston Villa verkörpert die typischen Stärken eines Emery-Teams: kompakte Defensive, taktische Raffinesse und mannschaftliche Geschlossenheit. Außerdem verfügt Villa über die individuelle Klasse zahlreicher bekannter Nationalspieler wie der Engländer Morgan Rogers, Ollie Watkins und Ezri Konsa. Spielmacher Rogers, 23, gilt als wertvollster Spieler der Mannschaft; ihm gelangen acht Tore und sieben Vorlagen in dieser Saison – aktuell erhält er in Thomas Tuchels Nationalelf den Vorzug vor Jude Bellingham. Wie kaum ein anderes englisches Team steht Villa für knappe Siege mit nur einem Tor Unterschied.
Die anfängliche Ernüchterung ist gewichen, die Fans sehen die Chance auf den ersten internationalen Titel seit dem Europapokal der Landesmeister 1982, als Aston Villa im Rotterdamer Finale den FC Bayern besiegte. Ein Europa-League-Sieg hätte zudem noch einen anderen positiven Nebeneffekt: die sichere Teilnahme an der kommenden Champions-League-Saison.
