L eben und leben lassen ist eigentlich ein Grundsatz, den viele unterschreiben würden. Warum sollten also nicht ein paar Glückliche, die es sich leisten können, in Kalifornien auf dem Musikfestival Coachella Spaß haben dürfen?
Wer hier eine grundlegende Kritik an Musikfestivals erwartet, wartet vergeblich. Coachella hat mit seinen insgesamt mehreren Hunderttausend Besucher:innen eine riesige Verantwortung, die mit der deines lokalen Lieblingstechnofestivals auf irgendeinem brandenburgischen Acker nichts zu tun hat. Ab Freitag werden Menschen wieder Social-Media-Plattformen mit Fotos und Videos von sich fluten. Statt Acker zeigen sie überraschend grüne Wiesen, die dem Empire Polo Club gehören und alles andere als natürlich im Coachella Valley vorkommen. Das liegt nämlich mitten in der südkalifornischen Wüste. Die Pflege solcher Grünanlagen ist, wie auch bei Golfplätzen, wasserintensiv und daher eigentlich völlig ungeeignet für eine durch den Klimawandel immer durstiger werdende Region.
Die britische Trip-Hop-Band Massive Attack lehnte einen Auftritt beim Coachella 2025 mit Verweis auf die Wasserverschwendung ab: „Es ist ein Resort, das in der Wüste errichtet wurde, mit einer Sprinkleranlage betrieben wird und öffentliche Wasserversorgung nutzt. Unfassbar.“
Verschwenderische Outfits
Apropos Verschwendung: Eine Studie der University of Georgia von 2023 zeigt, dass die Coachella-Besucher:innen der Präsentation ihrer eigenen Festivalmode über Social Media mehr Bedeutung zuschreiben, als etwa Fotos von den Musikbeiträgen zu teilen. „Das sind meine Coachella-Outfits“ ist ein beliebter Trend, insbesondere unter jungen Frauen, die in kurzen Videos ihre verschiedenen Outfits für jeden einzelnen Tag präsentieren. Denn zweimal dasselbe anziehen? No-Go! Das Festival findet an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden für jeweils drei Tage statt – sprich drei unterschiedliche Outfits, sechs, wenn man sich wirklich für alle sechs Tage Tickets kauft, um sich zu präsentieren, obwohl das Line-up dasselbe ist.
Obwohl viele Besucher:innen durchaus auf Secondhandmode zurückgreifen, bewerben Fashionblogs und Magazine wie die Vogue schon Monate vorher die neusten Festivalcollections inklusive Schuhe und Accessoires von bekannten Fast-Fashion-Händlern wie H&M, Mango und Co. Die Menge an Wasser, die allein für die Herstellung eines Baumwoll-T-Shirts draufgeht, entspricht währenddessen dem Trinkwasserbedarf einer Person für zweieinhalb Jahre.
Dabei wäre ein hilfreiches Accessoire möglicherweise eine Atemschutzmaske, die einen nicht nur vor dem Wüstenstaub, sondern auch vor Rauch schützt. In der vom Klimawandel gezeichneten Region hat es dieses Jahr bereits mehrfach hitze- und trockenheitsbedingt gebrannt. Auch die Brände des letzten Jahres in und um Los Angeles, also unweit vom Coachella Valley, die mittlerweile als die teuersten in der US-Geschichte gelten, waren unter anderem durch den menschengemachten Klimawandel bedingt. Dass es zu weiteren, vermutlich verheerenden Bränden kommen wird, ist angesichts steigender Temperaturen zu erwarten.
Verschwenderische Anreise
Kommentare dazu hört man von den unzähligen Influencer:innen und A-List-Promis, die das Festival jedes Jahr besuchen, nicht. Das würde sie ja auch angreifbar machen, und ihre eventuelle Anreise mit dem privaten Jet. Die ist längst nicht mehr nur Megastars wie etwa den diesjährigen Headlinern Sabrina Carpenter oder Justin Bieber zugänglich. Dutzende Anbieter ermöglichen im Internet eine private Luxusanreise zu einem Coachella-nahen Flugplatz und anschließende Shuttles zum Festival. Die genaue Menge der Emissionen zu beziffern, die durch die Anreise zum Festival entsteht, ist fast unmöglich. Man kann aber davon ausgehen, dass sie den mit Abstand größten Teil der CO₂-Emissionen von Coachella ausmachen.
Der Anblick dieser Riesenveranstaltung in einer Region, die auch dieses Jahr vermutlich wieder ein globaler Brennpunkt der Klimakrise werden wird, ist nichts anderes als grotesk.
