Ende November 2025 gab Uli Hoeneß Sätze zum Besten, die vielen Fußballfreunden aus der Seele sprachen: „Ich liebe die Ultras. Aber das Sagen müssen andere haben“, forderte der Ehrenpräsident des FC Bayern, der dem harten Kern der deutschen Fankurven grundsätzlich expansives Machtstreben unterstellt: „In erster Linie wollen sie (die Ultras) den Fußball selbst bestimmen.“ Diese Hoeneß-Sicht der Dinge deckt sich mit der weitverbreiteten Stimmung unter Stadiongängern. Der Support, die Choreografien und das gesellschaftspolitische Engagement der Ultras werden oft positiv gesehen. Doch auch viele klassische Fans unterstellen den Ultras, „bestimmen“ zu wollen und ihre eigene Subkultur für wichtiger zu halten als die Interessen anderer Anhänger. So ruft es zum Beispiel immer wieder Ärger hervor, dass viele Zuschauer vor allem in Auswärtsblöcken wenig vom Spiel sehen, weil das Fahnenmeer der Ultras keinen Blick aufs Feld erlaubt.
Viele Vereinsvertreter sprechen Kritik an Ultras im Gegensatz zu Hoeneß nur hinter vorgehaltener Hand aus. Ihnen ist auch eher ein anderer Aspekt ein Dorn im Auge: dass Vertreter aus der Fanszene zuletzt in zahlreichen deutschen Klubs in Gremien gewählt wurden. Dies ist auch der Hauptgrund für die zuletzt häufig gehörte Forderung, Mitgliederversammlungen der Klubs künftig hybrid oder rein virtuell stattfinden zu lassen. Denn bei Präsenzveranstaltungen stellt oft die aktive Fanszene derart starke Kontingente, dass Wahlergebnisse verzerrt werden. Der Einfluss der Fanszene, so die Argumentation, könnte zurückgedrängt werden, wenn auch jene vielen Tausend Mitglieder abstimmen könnten, die weit weg vom Versammlungslokal wohnen. Oder nur wegen damit verbundener Vergünstigungen in die Klubs eingetreten sind und deshalb wenig Interesse an der Besetzung von Vereinsämtern haben.

:Rauchfreie Zone für einen Abend
Nach einer Strafe der Uefa bleibt der Unterrang der Südkurve beim Champions-League-Spiel des FC Bayern gegen Saint-Gilloise leer. Die Beziehung zwischen Klub und Fans wird dadurch nicht einfacher.
Hans-Joachim Watzke wurde bei der jüngsten Hauptversammlung von Borussia Dortmund wohl nur deshalb zum neuen Präsidenten des e. V. gewählt, mit mageren 59 Prozent Ja-Stimmen, weil die Veranstaltung kurzfristig hybrid abgehalten worden war. Unter den Stimmberechtigten vor Ort verfehlte Watzke, der unter anderem wegen des BVB-Sponsorings durch den Rüstungskonzern „Rheinmetall“ in der Kritik steht, die einfache Mehrheit. Zwar beteiligten sich auch an der hybriden Versammlung nur etwa ein Prozent der BVB-Mitglieder – aber immerhin doppelt so viele wie bei einer analogen Versammlung. Andererseits bestimmen auch politische Parteien ihre Kandidaten in der Regel bei Präsenztreffen, ohne dass der Vorwurf aufkäme, die Besucher der Sitzungen des Ortsvereins träten die Interessen der Karteileichen mit Füßen.
Die nicht nur von Hoeneß vertretene Sichtweise, dass die aktiven Fans sich aus der Vereinspolitik heraushalten sollten, findet Michael Gabriel abwegig: „Wir können doch nur froh sein, wenn sich Fans, auch Ultras, für ihre Klubs einsetzen und in Ehrenämter wählen lassen, was sie übrigens schon seit Jahrzehnten tun“, sagt der Leiter der Koordinierungsstelle der Fanprojekte (KOS): „Von diesem demokratischen Engagement haben viele Vereine profitiert.“ Tatsächlich gibt es dafür zahlreiche Beispiele. So finden sich noch heute überall in Berlin Graffiti, Kerzen und Gedenkbilder mit dem Konterfei des 2024 im Alter von 43 Jahren verstorbenen langjährigen Vorsängers der Hertha-BSC-Ultras: Kay Bernstein hatte dem Verein als Präsident nicht nur wieder mehr Fannähe, sondern vor allem mehr Bescheidenheit und wirtschaftliche Solidität verordnet, nachdem seine Vorgänger in den „Big City Club“-Zeiten der Hertha einen dreistelligen Millionenbetrag verjubelt hatten.
In Jena wird einem Stürmer, der früher beim Erzrivalen gespielt hat, das Mitfeiern vor der eigenen Fankurve verboten
Auch beim Regionalligisten FSV Zwickau hat sich der Einfluss der organisierten Fans positiv bemerkbar gemacht. Nach dem Abstieg aus der dritten Liga rettete die Fanszene den Klub mit einer Crowdfunding-Aktion vor der Insolvenz, die der fannahe Finanzvorstand André Beuchold mit dem Vorsänger der Ultras vorgestellt hatte. Sie brachte mehr als 500 000 Euro ein. In der aktuellen „Sportschau“-Doku „Ultras oder Geschäftsführung – wer hat das Sagen?“ lobt die Zwickauer Oberbürgermeisterin Constance Arndt ganz grundsätzlich die Seriosität des von Fans mitgeprägten Vereins. Der FSV gehe inzwischen „sehr professionell“ zu Werke. „Es wird kaufmännisch gearbeitet, und es werden keine Vorstellungen geäußert, die nicht finanzierbar sind.“
Auch in Hamburg geht man weder beim HSV, dessen Präsident Henrik Köhncke aus der Ultraszene stammt, noch beim FC St. Pauli, bei dem neben Präsident Oke Göttlich viele weitere Mitglieder der Gremien Stehplatz-sozialisiert sind, verschwenderischer mit Geld um als früher. Vielleicht gehen Fans, von denen erstaunlich viele im Finanzwesen arbeiten, ja auch deshalb verantwortlicher mit Geld um, weil ihre Vereinsloyalität sich nicht an Arbeitsverträgen bemisst.
Doch genau das kann andernorts bewirken, dass sich Kirchturmdenken und Szene-Mauscheleien verselbständigen. Seit Jahren fällt auf, wie schwer es insbesondere den Verantwortlichen bei Eintracht Frankfurt fällt, diverse gewalttätige Aktionen aus Kreisen ihrer mächtigen Ultras deutlich zu kritisieren. Und beim Regionalligisten FC Carl Zeiss Jena tobt seit Monaten ein offener Disput zwischen der Stadt und dem Verein, bei dem die Ultraszene eine sehr aktive Rolle einnimmt. In dem Streit geht es nur vordergründig um 50 Stadionverbote, die der Jenaer Sicherheitsbürgermeister Benjamin Koppe erlassen hat. Koppe hat „den Einfluss der Ultras“ in einer ARD-Doku gar als „existenzgefährdend“ für den Traditionsklub aus Thüringen bezeichnet. Wenn er durch seine Unistadt geht, sieht er seither Graffiti, die ihn als „Feind des Jenaer Fußballs“ schmähen.
Dass der Jena-Stürmer Kay Seidemann, der vom Erzrivalen Rot-Weiß Erfurt kam und einst in einem Video seinen heutigen Arbeitgeber geschmäht hatte, gut beraten war, sich dafür zu entschuldigen, sehen alle Zeiss-Fans so. Dennoch verbieten ihm Jenas Ultras seit eineinhalb Jahren, nach Siegen mit den Teamkollegen in ihrer Fankurve mitzufeiern. Diese rigide Haltung verstehen in anderen Stadionbereichen längst nicht alle. Grotesk wirkte, dass Geschäftsführer Patrick Widera – der keine Fansozialisierung hat – dem Spieler sogar per Dienstanweisung untersagt hat, nach Schlusspfiff in Richtung der Kurve der eigenen Fans zu gehen. Kein Wunder daher, dass nicht nur in Jena viele Beobachter feige und konfliktscheue Funktionäre für das größere Problem halten als die wenigen Ultras in den Führungsebenen, die ihre Szene-Regeln verabsolutieren.
Dass genau das eine Gefahr ist, findet allerdings auch Michael Gabriel: „Vertreter der Ultraszene stehen vor einer besonderen Herausforderung“, sagt der KOS-Sprecher: „Denn um glaubwürdig und erfolgreich im Sinne des Vereins wirken zu können, müssen sie ihre Identität als Ultras den Vereinsinteressen unterordnen.“
