„Ukrainomania“ am Wiener Volkstheater: Glotzt nicht so neutral

Bevor es richtig losgeht, eröffnet ein alter Kühlschrank die Szene. Er stamme aus der Ukraine, mit seinen abgeplatzten Emailecken habe er aber eine andere Funktion, erklärt Solomiia Kyrylova in ihrer Stand-up-Nummer zum Aufwärmen für die Revue „Ukrainomania“ dem Wiener Publikum, nicht ohne zuvor das ukrainische in steigernder Wechselrede zu begrüßen.

Um Joseph Roth soll es gehen in dieser Inszenierung von Jan-Christoph Gockel. 1894 geboren im galizischen Brody, heute Ukraine, schrieb Roth auf Deutsch, der lingua franca Mitteleuropas, das damals nicht nur Geografie, sondern kultureller Imaginationsraum war. Seine Romane „Radetzkymarsch“ oder „Kapuzinergruft“ beschreiben den langen Niedergang des Habsburgerreichs. Der erklärte Linke betrauerte es dennoch als Bezugsrahmen jüdischer Emanzipation.

1939, noch vor der Shoah, stirbt er im Pariser Exil – „Ich habe keine Heimat, wenn ich von der Tatsache absehe, daß ich in mir selbst zu Hause bin“. Aber was lässt sich mit seiner Lektüre über die Ukraine von heute in Erfahrung bringen?

Weiß geschminkt mit zurückgegeltem Haar und abgetragen schwarz gekleidet, könnte Solomiia Kyrylovas Bühnenpersona genauso gut in einer Beckett-Inszenierung des vergangenen Jahrhunderts stecken. Das Jahrhundert der Genozide ist für die Ukraine noch nicht vorbei. Im Kühlschrank liegen Bücher, Dokumente, Fotografien, alles, was für Besatzer im russischen Angriffskrieg zu ukrainisch aussehen könnte. Auf dem Land werden sie vor möglichem Feindkontakt vergraben, in den Städten hält Küchengerät als Schrein kultureller Identität her.

In einem multinationalen Staatsgebilde

Die Worte fallen schnell – englisch, ukrainisch, später auch bulgarisch. In einem Haus, das 1889 als „Deutsches Volkstheater“ gegründet wurde, um in einem multinationalen Staatsgebilde den Vorrang des Deutschen zu stützen, kein schlechter Moment. Sofiia Melnyk kommt auf die Bühne und übersetzt dann doch ein paar Punchlines.

Sie ist Animationsfilmerin, ihre Zeichnungen werden live auf die Bühne projiziert, wie zuvor in Gockels Inszenierung „Green Corridors“ von Natalka Vorozhbyt an den Münchner Kammerspielen und gemeinsamen Arbeiten in Lviv. Was sie auf dem Tablet eingibt, illuminiert die rückwärtige Fläche, ein Relief aus Kreisscheiben, das wie ein Vorhang mit übergroßen Pailletten wirkt.

Die Projektion taucht das Bühnengeschehen in leichte Unschärfen, enthebt es ins Konditionale, vom „ist“ ins „würde“. Theater reißt nicht nur die vierte Wand ein, auch die hintere zweite, die als Bildebene in eine Welt blickt, die die Bühne nicht mehr repräsentiert, sondern kommentiert. Nicht mehr dichten soll Literatur, hatte Joseph Roth gefordert, sondern beobachten.

In einer Art Mockumentary bricht das Ensemble auf oder aus nach Lviv, vormals Lemberg. Sechs Schau­spie­le­r:in­nen suchen einen Autor, finden ihn aber ebenso wenig, wie Wiener Sehnsüchte das alte Lemberg, obwohl die Gründerzeitfassaden hier ganz ähnlich aussehen.

Eine mobile App mit Luke Skywalker

Sie besuchen ihre Kol­le­g:in­nen im Nationaltheater, das auch an das Volkstheater erinnert, nur weit mehr Publikum fasst, lernen über Theater im Krieg, mit vollen Häusern, Stromausfällen und einer mobilen App, die mit Peter Hamill (Luke Skywalker) vor russischen Luftangriffen warnt.

Sechs Schau­spie­le­r:in­nen arbeiten hier an einer Lviver Fassung der „Ukrainomania“. Was interessiert sie an Joseph Roth, der erst jetzt wieder entdeckt wird? Zu ukrainischen Emanzipationsbestrebungen in den 1920er Jahren verhielt er sich ambivalent.

„Who the Fuck is Joseph Roth?“ – die Frage einer Arbeit in Lviv nimmt Gockel nach Wien mit und setzt die traditionelle Wahrheitsdroge des Theaters darauf an, der Totengräberszene. Hier trifft Solomiia Kyrylova mit Samouil Stoyanow auf ihren kongenialen Clownszwilling. Sie treiben auch sonst die Revuenummern und das gesamte Ensemble in die Höhen spielerischen Ernsts, wo sich die Aufführung vom Text- und Tatsachensubstrat entfernt.

Die Revue spielt erst virtuos mit Formen des Theaters und fällt dann in eine fade Ironie zurück

Am offenen Grab bricht der historisch verbürgte Streit aus, ob der Verstorbene in erster Linie Jude, linker Atheist oder Monarchist mit klerikalen Sympathien war. Joseph Roth (Bernardo Arias Porras) fährt aus der Grube und das war’s.

Clownerie und Vaudeville

Die Revue, die mit Clownerie, Vaudeville und allerlei absurden Wendungen so virtuos mit Formen eines Theaters spielt, wie man es einmal kannte, fällt hier in die fade Ironie der Gegenwart zurück. Die weiß sich schon durch das Stellen von Fragen wissend, ohne die Mühen einer Antwort und der Gefahr, daran zu scheitern. Wo Identität eine Frage der Selbstdeklaration ist, wird Roths Begräbnisszene lustig ohne Konsequenz.

Ansonsten erfährt man Anekdotisches über seine Frauen, seine Körpergröße, seinen Alkoholismus. Die Suppe bleibt erstaunlich dünn. Dabei gibt es jenseits einer kanonischen Brauchtumspflege noch immer Aspekte, die an Joseph Roth interessieren, seine postnationale Perspektive auf Europa etwa. Der Umstand, dass sich das Deutsche von der Nischensprache biodeutscher Stadtbildbeschreibungen wieder zur lingua franca der Einwanderungsgesellschaft entwickelt, macht Roths Lektüre wieder lohnend. Manchmal ist das Theater schlauer als sein Text. Aber das ist nur ein halber Trost.