Im Tchibo Outlet und bei Apollo Optik ist es noch still. Zwischen den beiden Läden in einem Einkaufszentrum im Osten Berlins herrscht morgens um zehn Uhr aber schon emsiges Gewusel. 53 Flüchtlinge aus der Ukraine haben sich zur Öffnung der Beratungsstelle „Laru“ in die Schlange gestellt. Der Mitarbeiter kennt die Zahl genau. Er ist die Schlange abgegangen, um schon einmal zu sondieren, wem wie geholfen werden könnte.
Hier begegnet man einem Querschnitt der vor Russlands Krieg nach Deutschland geflohenen Ukrainer. Viele Rentner sind hier. Auch sie müssen durch den bürokratischen Dschungel der Bescheide und Ansprüche gelotst werden. Dass die Schlangen vor der Berliner Beratungsstelle wieder länger geworden sind, hat aber einen anderen Grund. Die Ukraine hat im vierten Jahr der russischen Großinvasion das Kriegsrecht gelockert und 18 bis 22 Jahre alten Männern die Ausreise erlaubt. Nach Auskunft des Bundesamts für Flüchtlinge sind seit Ende August rund 20.000 ukrainische Männer in diesem Alter in Deutschland eingereist.
Viele sehen im Verteidigungskampf keinen Sinn mehr
Einer von ihnen ist Serhij. Als der Achtzehnjährige von seiner Beraterin Natalij an einen Tisch gerufen wird, legt er einen mehrere Zentimeter dicken Stapel von Papieren ab. Es sind Briefe von Behörden. In der Ukraine, wo vieles digital geregelt wird, gibt es so etwas kaum mehr. Irgendwann ist in dem sonst auf Russisch geführten Gespräch das deutsche Wort „Bürgergeld“ zu hören. Natalij drückt Serhij eine Broschüre in die Hand. Über die Meldebescheinigung, die Krankenversicherung, Mobilfunkanbieter und Stipendien klärt sie den jungen Mann ebenso auf. Papier für Papier bringt sie ihm die Gepflogenheiten in Deutschland ein Stück näher.
Serhij hört zu. Und sagt wenig. „Er versteht nicht“, schaltet sich nach einer Weile seine Mutter ein. Natalij hat sie schon vorher mit an den Tisch gerufen. Anfang Dezember sind Mutter und Sohn gemeinsam nach Deutschland gekommen. Die Entscheidung, ihre Heimatstadt Charkiw zu verlassen, haben sie spät getroffen. Serhij verrät, dass es die Mutter war, die nicht emigrieren wollte, obwohl die ostukrainische Großstadt nur 30 Kilometer von der Front entfernt liegt. Nach mehr als dreieinhalb Jahren überwog aber die Zermürbung ob der dauernden russischen Angriffe auf die Stadt. Und die Angst um den Sohn, der wie andere Geflüchtete lieber nur mit Vornamen genannt werden will.

Die Angst trieb auch Dmytro nach Deutschland. Der Zweiundzwanzigjährige nutzte im Dezember das letzte Zeitfenster zur legalen Ausreise aus der Ukraine. In den ukrainischen Streitkräften will er auf keinen Fall dienen. Der Krieg, sagt er, hätte längst beendet werden können. Heute geht es seiner Ansicht nach nicht mehr um die Verteidigung der Heimat, sondern um „bestimmte Interessen“. Näher erläutert Dmytro das nicht. Auf die Frage, ob er vom weltpolitischen Ringen um eine Friedenslösung etwas erwarte, antwortet er nur, er verfolge die Nachrichten nicht.
Eltern bestehen darauf, dass ihre Söhne ausreisen
Aus Dmytros Aussagen spricht Ernüchterung, aus seiner Stimme Müdigkeit. Und doch steht seine Flucht nicht zwingend im Gegensatz zum Kalkül der ukrainischen Politik. Die beschloss die Ausreisefreiheit für 18 bis 22 Jahre alte Männer mit dem Ziel, dass diese erst nach Abschluss einer Grundausbildung die Ukraine verlassen – und gewisse Bindungen zum Land behalten. Die bestehen auch bei den beiden jungen Männern aus Charkiw. Dmytro versucht, aus der Ferne seinen Master in Logistikmanagement abzuschließen. Serhij beweist, dass selbst eine ukrainische Ausbildung als Koch in Deutschland fortgesetzt werden kann. Die Digitalisierung macht es möglich. Und bietet Beschäftigung in einer Zeit des Wartens.
Geschichten wie die von Dmytro und Serhij hört Svitlana Zolotaryova beinahe täglich. Sie ist im März 2022 selbst aus Charkiw nach Berlin geflüchtet. Mittlerweile spricht sie sehr gut Deutsch und gehört zu den erfahrensten Beraterinnen bei „Laru“. Persönlich zeigt sie Verständnis für die Flucht der jungen Männer, deren Einreisezahlen nach einem Höhepunkt im Frühherbst inzwischen wieder zurückgehen: „Sie haben Angst, ihre Eltern haben Angst.“ Auf den von Bundeskanzler Friedrich Merz und ukrainischen Kritikern geäußerten Einwand, wonach die jungen Männer für die Landesverteidigung gebraucht würden, entgegnet sie, dass sie auch im Exil „unsere Zukunft“ seien. „Ich will unsere Leute unterstützen“, erklärt Zolotaryova ihre Haltung gegenüber den Ankömmlingen.
Auch die Fluchtgeschichten der Beraterinnen sind Zeugnis davon, welch weite Wege manche Geflüchtete auf sich nehmen. Natalij, die an jenem Dezembermorgen im Berliner Einkaufszentrum Serhij unter ihre Fittiche genommen hat, lebte bis 2022 auf der russisch besetzten Krim. Dann begann eine Odyssee. Sie reiste mit ihrem Mann zunächst nach Armenien. Danach durchquerte das Paar mit russischen Papieren Russland, um über Lettland in die EU zu gelangen. In Berlin ist Natalij seit 2023. Stolz erzählt sie, dass sie hier endlich ihren ukrainischen Pass entgegennehmen konnte. Nun absolviert sie ihren Bundesfreiwilligendienst in der mittlerweile vom Berliner Senat und dem Bezirk Treptow-Köpenick kofinanzierten Beratungsstelle.
Ohne Bürgergeld gibts auch keinen Integrationskurs
Ungleich länger als die Beraterinnen von „Laru“ lebt Alla Belikova-Shoichet in Berlin. Sie ist vor fast 30 Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Während es bei „Laru“ um die erste Orientierung nach dem Ankommen geht, betreut die selbständige Arbeitsvermittlerin Belikova-Shoichet Flüchtlinge, die schon einen Schritt weiter sind. Bei ihr geht es um berufliche Perspektiven, den Einstieg in den hiesigen Arbeitsmarkt – und nicht zuletzt um Kontakte zu möglichen Arbeitgebern. Sie geht mit ihnen auch mal in die Betriebe zum Reinschnuppern.

Im Einkaufszentrum trifft sich Belikova-Shoichet mit Artem und Sofija. Der Zweiundzwanzigjährige aus Saporischschja und die Neunzehnjährige aus Tscherkassy leben zusammen in einer Wohngemeinschaft mitten in Berlin. Artems Beweggründe für die Ausreise ähneln denen von Dmytro bei „Laru“. In einem möglichen Einsatz in der Armee sieht er anders als noch zu Beginn von Russlands Großinvasion keinen Sinn. Was ihn mit der Ukraine noch verbindet? „Meine Großmutter und mein Großvater, die dort leben.“ Sonst nichts. Seine Mutter, die schon seit zwei Jahren in Berlin lebt, drang darauf, dass er nachkommt. Bei Sofija gab ebenfalls die Mutter den Anstoß. Die wandte sich aus Tscherkassy an Belikova-Shoichet und bat sie, sich in Berlin um ihre Tochter zu kümmern.
Sofija und Artem haben abgeschlossene Berufsausbildungen. Sie als Krankenschwester, er als Physiotherapeut. Und doch bringt ein Wort ihre Lebensrealität nach ihrer Ankunft auf den Punkt: Warten. Sofija ist seit Juli in Berlin. Erst im Dezember aber wurde ihr Antrag auf Bürgergeld angenommen. Kein Bürgergeld heißt auch keine Teilnahme am Sprach- und Integrationskurs. Erst kurz vor Weihnachten hat ihr Kurs begonnen. Wochentags drückt sie nun von 8.30 bis 12.45 Uhr die Schulbank. Zuvor hat sie ohne Lehrer Deutsch gelernt, über die App Duolingo.

Sofija hat einen Traum. Irgendwann möchte sie als Ärztin arbeiten, hier in Deutschland, im Bereich Unfallmedizin. Doch erst einmal ist der Deutschkurs ihre Eintrittskarte, um hier wie in der Heimat als Krankenschwester arbeiten zu können. Erst mit nachgewiesenen Deutschkenntnissen auf dem Sprachniveau B2 ist nämlich die Anerkennung ihres ukrainischen Krankenpflegediploms möglich. Um ein Medizinstudium aufzunehmen, braucht Sofija dann das nächsthöhere Sprachniveau C1.
Die Anerkennung ausländischer Qualifikationen ist in Deutschland nicht nur wegen der sprachlichen Anforderungen kompliziert. Artem ist seit Oktober in Berlin und bereitet sich, auf seinen Deutschkurs wartend, auf das Wort „Defizitbescheinigung“ vor. Es bedeutet in seinem Fall, dass verglichen wird, inwieweit der Lehrplan seiner ukrainischen Physiotherapeutenausbildung mit dem des deutschen Staatsexamens übereinstimmen. Wenn etwas fehlt, muss Artem eine „Anpassungsqualifizierung“ in Angriff nehmen. Er bereitet sich schon jetzt darauf vor, was auf ihn zukommen könnte, und sagt: „Natürlich will ich nicht putzen oder Pakete packen, wenn ich schon Physiotherapeut bin.“
Viele Ukrainer dürfen nicht in ihrem Beruf arbeiten
Die strikte Reglementierung von Berufszugängen sieht Arbeitsvermittlerin Belikova-Shoichet kritisch. Da schreibe Deutschland etwas vor, das sich das Land angesichts des Personalmangels in vielen Branchen gar nicht leisten könne. Die Menschen würden durch das Warten „zermürbt“, sagt sie.
Die Vermittlerin nennt ein weiteres, aus ihrer Sicht „absurdes“ Beispiel. So suchen Transportunternehmer händeringend Busfahrer. Auch Belikova-Shoichet wurde von ihnen beauftragt, ukrainische Busfahrer zu rekrutieren. Schnelle Abhilfe gegen Fahrermangel sind sie trotz ausfallender Verbindungen und offizieller Anerkennung als „Engpassberuf“ nicht. Denn in Deutschland müssen die Ukrainer die komplette Fahrausbildung wiederholen. Dabei haben sie in der Heimat mit weit schlechteren Fahrzeugen und schlechteren Straßen gearbeitet. Ausgerechnet für Fachkräfte, die hier sind, würden Hürden aufgestellt, kritisiert Belikova-Shoichet, die auch dem Berliner Landesbeirat für Partizipation angehört.
Stärker als auf diese Barrieren konzentriert sich die deutsche Debatte über ukrainische Flüchtlinge auf das Bürgergeld. Das soll nach dem Willen der schwarz-roten Koalition für seit April gekommene Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine rückwirkend gestrichen werden. Verleiteten die im internationalen Vergleich großzügigen Sozialleistungen zu lange dazu, keine Arbeit aufzunehmen? Svitlana Zolotaryova von „Laru“ sagt, vielleicht „ein paar Prozent“ seien wegen des Bürgergelds hier. Sie erlebe aber häufiger, dass die Geflüchteten am liebsten sofort arbeiten wollten. Und enttäuscht seien, dass das nicht so schnell gehe.
