Ukraine: Fechterin Olga Kharlan – „Das spielte der russischen Propaganda genau in die Hände“

Olga Kharlan ist die erfolgreichste Olympionikin der Ukraine. Die Fechterin geht wegen des Umgangs mit Russland auf das IOC und das Internationale Paralympische Komitee los. Sie stellt klare Forderungen.

Mit sechs olympischen Medaillen, davon zweimal Gold, einmal Silber und dreimal Bronze, hat Olga Kharlan mehr Edelmetall gefeiert als jeder andere Athlet in der ukrainischen Historie. Im Interview kritisiert die 35-Jährige das Internationale Olympische Komitee (IOC) und das Internationale Paralympische Komitee (IPC) für deren Umgang mit russischen und ukrainischen Athleten in Zeiten des Krieges und fordert Veränderungen in den Regeln. Aktuell pausiert Kharlan, weil sie mit ihrem Lebensgefährten Luigi Samele, einem italienischen Fechter, ihre erste Tochter erwartet. Ob sie danach in den Sport zurückkehrt, hält sie sich offen.

Frage: Frau Kharlan, bei den Paralympics wurde kürzlich während einer Siegerehrung die russische Hymne gespielt. Was löst das bei Ihnen als Ukrainerin aus?

Olga Kharlan: Es war hart, das zu verfolgen. Ich habe den Ton abgedreht. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie sich erst unsere paralympischen Athleten fühlen. Es ist unfassbar, dass so etwas passiert. Es ist schockierend, zu hören, dass Andrew Parsons, der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, sagte, dass es ihm egal sein, was russische Athleten vorher als Soldaten gemacht hätten, und dass sie auch Russen teilnehmen lassen würden, die im Krieg gegen die Ukraine verwundet wurden. Das ist gegen die Charta der Spiele. Genauso unfassbar ist, was das Internationale Paralympische Komitee mit den ukrainischen Sportlern gemacht hat. Ich habe mit einigen von ihnen gesprochen, und sie erzählten mir, dass sie aufgefordert wurden, ukrainische Flaggen abzuhängen. Auch Fans sollen Fahnen weggenommen worden sein. Ich sehe es als Diskriminierung von Ukrainern.

Frage: Das IPC verbot auch Teamkleidung, auf der die Ukraine inklusive der Krim zu sehen war.

Kharlan: Das war unglaublich. Ein Beispiel: Ich habe eine Tätowierung der ukrainischen Karte auf meinem Arm. Was soll ich dann machen? Kann ich dann nicht mehr teilnehmen? Denn das IPC sagt dann bestimmt, mein Tattoo sei politisch. Sie haben akzeptiert, dass Russland das Gebiet besetzt hat, und die Karte jetzt anders aussehen soll. Das IPC zeigt mir damit, dass sie der Besetzung der ukrainischen Gebiete zustimmen.

Frage: Wozu können diese Maßnahmen führen?

Kharlan: Wenn das so weitergeht, müssen bestimmt bald die Ukrainer unter einer neutralen Flagge antreten, nicht die Russen. Wir haben gesehen, was mit Vladyslav Heraskevych bei den Olympischen Spielen passiert ist. Das hat viel Staub aufgewirbelt. Das IOC wollte es weniger politisch machen, stattdessen wurde es noch politischer. Ich weiß, dass viele Leute im Sport nichts von Politik hören wollen, aber für uns ist es die einzige Möglichkeit, gehört zu werden.

Frage: Das IOC disqualifizierte Skeleton-Fahrer Heraskevych, weil er einen Helm tragen wollte, auf dem Sportler zu sehen waren, die während der russischen Attacken getötet worden waren.

Kharlan: Das zerstört wirklich den Glauben in die Gerechtigkeit. Das IOC und das IPC sollen dich beschützen und dir helfen. Sie sagten, dass es gegen die Regeln wäre, obwohl dort keine politischen Zeichen oder Bedrohungen zu sehen waren. Es scheint, als wären die ukrainischen Sportler momentan unter besonderer Beobachtung durch die Verbände und Komitees – und diese warten nur auf eine falsche Aktion, um sie zu bestrafen. Sie müssen wirklich die Regeln klarer formulieren, was politisch und was in Ordnung ist. Momentan gibt es dort zu viel Raum für Interpretation des IOC.

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Frage: Diese Situation war der erste Test für die neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry. Wie bewerten Sie ihr Handeln?

Kharlan: Es lief nicht gut. Ich hoffe, dass sie und die IOC-Exekutive in Zukunft die richtige Wahl fällen werden. Bald steht die Entscheidung an, ob die Russen mit Flagge und Hymne an den Olympischen Sommerspielen 2028 teilnehmen dürfen. Ich hoffe, dass das nicht passieren wird. Bis dieser Krieg nicht vorbei ist, sollten sie Russland nicht zurückkehren lassen. Leichtathletik-Weltverbands-Präsident Sebastian Coe ist sehr strikt und lässt die Russen nicht zu, solange der Krieg läuft.

Frage: Empfinden Sie es als Täter-Opfer-Umkehr, was gerade passiert?

Kharlan: Momentan werden wir als die Bösen bezeichnet. Wir sehen wieder die russische Fahne im Sport. In meiner Sportart Fechten sind die Russen so im Junioren- und Kadettenbereich am Start, zum Glück noch nicht bei den Senioren. Aber die jungen ukrainischen Fechter müssen die russischen Symbole sehen, und das ist sehr schmerzhaft. Ich könnte mir nicht vorstellen, unter diesen Umständen an den Start zu gehen. Bei den Senioren ist die Flagge nicht erlaubt, aber es gibt einige Athleten, die öffentlich Wladimir Putin unterstützen. Dass diese als neutral eingestuft werden, ist ein Witz. Sofya Velikaya ist Teil der Athletenkommission der FIE. Ich saß darin auch für zwei olympische Zyklen, aber, als sie mich gefragt haben, ob ich weiter dabeisein möchte, habe ich abgelehnt. Ich will nicht in einer Kommission mit einer Russin sitzen.

Frage: Wie ist aktuell die Lage in der Ukraine?

Kharlan: Wir gehen jetzt ins fünfte Jahr der Invasion der Ukraine. Ich kann leider nicht sagen, dass es auf dem Schlachtfeld besser wird, es gibt weiter Bombardierungen und Tote. Der vergangene Winter war der schrecklichste bisher in diesem Krieg. Zum Glück haben wir den überstanden. Ich habe mir die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele angeschaut, und dort sprachen Charlize Theron und IOC-Präsidentin Coventry über Frieden. Aber in der Nacht vom 6. auf den 7. Februar gab es eine massive russische Attacke auf die Ukraine – mit über 400 Drohnen und fast 40 Raketen. Und das IOC spricht über Frieden. Das ist doch zynisch.

Frage: In der Vergangenheit griff Russland erst nach den Winterspielen an, wie 2014 und 2022.

Kharlan: Diesmal haben sie nicht einmal während Olympia aufgehört. Nach den Spielen 2014 griffen sie nach der Krim, und 2022 attackieren sie direkt danach. Die Russen wissen, dass das IOC behaupten wird, der Sport sei nicht politisch und nichts dagegen tun wird. Wie sie mit der Situation um den Helm von Vladyslav umgegangen sind, spielte der russischen Propaganda genau in die Hände. Sie haben einem ukrainischen Athleten den Mund verboten, der etwas sagen wollte. Das zeigte allen: Sagt nichts oder ihr werdet bestraft! Das war ein Sieg für Russland. Ich habe das selbst erlebt: Bei der Fecht-WM 2023 haben sie mich disqualifiziert, weil ich mich geweigert hatte, die Hand der Russin Anna Smirnova zu schütteln. Sie wollten, dass ich alles vergesse, was in meinem Land und mit meiner Familie passiert ist. Das werde ich nicht tun! Sie waren wirklich sauer, weil mein Handeln ihre Pläne durchkreuzte. Und dann holten wir bei Olympia 2024 auch noch Team-Gold. Entschuldige, dass ich ihren Plan vereitelte … (lacht)

Frage: Wie viele ukrainische Athleten sind inzwischen im Krieg getötet worden?

Kharlan: Die Zahlen sind leider sehr hoch und steigen jeden Tag weiter an, weil viele junge Athleten aufs Schlachtfeld ziehen, um uns zu verteidigen. Inzwischen sind es über 700 Tote. Vladyslav zeigte rund 25 auf seinem Helm. Aber dahinter gibt es noch so viele mehr.

Frage: Wie viel Sportinfrastruktur wurde bereits zerstört?

Kharlan: Über 400 Stadien, Sporthallen und Arenen sind beschädigt. Hauptsächlich in Kiew, Dnipro, Zaporizhzhya und Mykolaiv. Die Russen behaupten, es seien Angriffe auf die Infrastruktur, doch das stimmt nicht. Sie töten einfach Zivilisten. Die Angriffe behindern auch das Training. Fürs Fechten benötigt man Elektrizität. Viele junge Athleten gehen ins Ausland, um überhaupt trainieren zu können. Sie verlassen die Ukraine und kommen wahrscheinlich nie wieder, weil sie sich woanders ein Leben aufgebaut haben. Im Fechten haben wir bereits Probleme, junge Athleten zu finden. Daher möchte ich eine eigene Fecht-Akademie aufbauen.

Frage: Wie ist die Lage in Ihrer Heimatstadt Mykolaiv, die vom 26. Februar bis 8. April 2022 einer der ersten Orte war, die im großen Stil angegriffen wurde?

Kharlan: Als Russland 2022 angriff, waren meine Eltern bei meiner Schwester in Kiew, weil mein Neffe am 24. Februar ein Jahr alt geworden war. Ich war zu dem Zeitpunkt in Italien, und holte danach dann meine Schwester und ihren Sohn zu mir. Nach einigen Wochen in Kiew gingen meine Eltern zurück nach Mykolaiv. Er war zu dem Zeitpunkt 59 Jahre alt, und alle Männer unter 60 mussten im Land bleiben. Es waren schreckliche sechs Monate, in denen sie ständig in die Bunker gehen mussten, weil Russland ständig angriff. Mein Vater schläft bis heute nur im Keller. Diese Angriffe hinterlassen psychologische Schäden.

Frage: Wie oft besuchen Sie Ihre Eltern?

Kharlan: Ich lebe aktuell in Italien. Vor dem Krieg dauerte die Reise zwei Stunden, um von Bologna nach Kiew zu kommen. Aktuell ist es eine 24 Stunden lange Autofahrt. Ich mache es trotzdem, aber es ist hart. Doch ich denke auch an die ukrainischen Sportler. Ihr Alltag sieht jetzt so aus, dass die Reisen zu Wettkämpfen extrem viel länger dauern. Wenn sie zum Beispiel nach Lima reisen, dauert es zweieinhalb Tage, rund 52 Stunden. Denn es ist nicht mehr nur der Flug, sondern erst geht es per Auto zur Grenze. Dort muss man viele Stunden warten. Dann geht es weiter zu einem Flughafen für den langen Flug. Zwischen Wettkämpfen müssen sie sich wirklich überlegen, ob sie noch einmal heimfahren. Doch wenn du im Ausland bleibst, kostet es zusätzliches Geld. Das heißt: Es gibt keine Gleichbehandlung von uns und den Russen – sowie den anderen Ländern.

Frage: Sie sind schwanger, erwarten Ihr erstes Kind. Planen Sie ein Comeback zu Olympia 2028 oder danach?

Kharlan: Ich habe fünf olympische Zyklen für das Fechten gearbeitet und gelebt. Jetzt habe ich das Gefühl, dass es Zeit ist, ein anderes Leben zu führen. Aber ich sage nicht, dass es ausgeschlossen ist, dass ich zurückkomme. Vielleicht fange ich aus Neugierde noch einmal an, als Mutter, die bei Olympia antritt. Aber zunächst wird dieses Kind das Leben von meinem Mann und mir verändern. Manchmal mache ich die Fecht-Beinarbeit zum Spaß.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.