U2 legt Protestalbum vor und wird gelobt

Bruce Springsteen hatte vorgelegt. In Form von „Streets of Minneapolis“ veröffentlichte er nur wenige Tage nach der Erschießung von Renee Good und Alex Pretti durch ICE-Beamte einen Protestsong, der die Vorkommnisse in Minnesota zum Anlass für scharfe und durch keinerlei Kunstumwege gebrochene Kritik an der Lage der USA unter Präsident Trump nahm.

Die irische Rockband U2 hat ein paar Wochen länger benötigt, dafür aber gleich eine EP vorgelegt, ein Kurzalbum mit sechs politischen Songs samt ziemlich klaren Botschaften. Wo Springsteen sich mit seinem Engagement auf die Heimat beschränkt, nehmen sich die Iren in altgewohnter globaler Ausrichtung gleich vier Krisen vor. Außer der von Trump mal­trätierten Zivilgesellschaft in den USA thematisieren sie den Konflikt zwischen Israel und Palästinensern, den Ukrainekrieg und die Frauenbewegung in Iran.

Nicht nur in deutschen Medien ist das am Aschermittwoch erschienene und passenderweise „Days of Ash“ benannte Album freundlich aufgenommen worden. Eigentlich, so der vorherrschende Duktus, sind die altgewordenen Herren aus Dublin, die vor 50 Jahren als Band zusammengefunden haben, nicht mehr ernst zu nehmen (wenn sie es für avantgarde­bewusste Anhänger anspruchsvoller Populärmusik denn je waren). Aber jetzt, so die Mehrheitsmeinung, hat das Quartett um Sänger Bono doch den Ausgang aus dem Rockmuseum gefunden und noch mal richtig einen rausgehauen. Es muss sehr schlecht um die Welt stehen, wenn U2 von der Popkritik gelobt wird, und sei es mit gönnerhaftem Unterton.

Alte Fans fühlen sich gleich daheim

Und wie ist das Album nun? Wer die Band vor allem für ihr Frühwerk mag, wird sich gleich zum Einstieg wie zu Hause fühlen. Das Gitarrenspiel von The Edge im Auftaktsong „American Obituary“, angelegt als Nachruf auf das ICE-Opfer Good, setzt mit zuletzt selten gewordener Schärfe ein.

Es ist als Signal für Kampfbereitschaft zu deuten, zumindest als Aufforderung zur Resilienz. Es ist, als würde The Edge den hymnischen Klang der Martin-Luther-King-Hommage „Pride“ mischen mit den Dissonanzen aus dem Song „Bullet the Blue Sky“, der die amerikanische Beteiligung an Gräueltaten in El Salvador Mitte der Achtzigerjahre anprangert. Die Gitarre klingt auch wie ein Echo der Gewalt der anderen.

Das Cover der neuen EP
Das Cover der neuen EPAP

Der Text von „American Obituary“ lässt keinen Raum für Deutungen. Gleich zwei Parolen haben Bono so gut gefallen, dass er sie offenbar unbedingt mehrfach singen wollte: Auf die Kampfansage „America will rise against the people of the lie“ folgt das aggressive Versöhnungsangebot „We love you more than hate loves war“. Vermutlich muss man in diesen Tagen so klingen. Daher auch die hohen Haltungsnoten.

Für Bono sind solche plakativen Texte ungewöhnlich. Er setzt sonst eher auf eine Mischung aus christlichen Bildern, Fragmenten von persönlichen Erzählungen, literarischen Zitaten und historischen Anspielungen. Das führt in seiner hybriden Rätselhaftigkeit mitunter zu beachtlicher Lyrik, immer aber wieder auch zu prätentiösen Missgriffen.

Bei Bono, der schon in ganz jungen Jahren Bob-Dylan-Songs spontan tagesaktuell umgedichtet hat, hat man ständig das Gefühl, dass da ein Gefühlsmensch in einer intellektuellen Liga spielen möchte, in der er nur an sehr guten Tagen etwas zu suchen hat.

„Tears of Things“, der zweite Song auf „Days of Ash“ ist so ein Fall: Das lyrische Ich ist der zum Leben oder zumindest zum Beobachten und Mitleiden erweckte David des Michelangelo und hadert mit Gott. Die Marmorstatue singt davon, dass Mussolini sie besichtigt habe, „a shadow by his side“. Da anschließend von sechs Millionen Stimmen die Rede ist, die zum Verstummen gebracht wurden, darf man unterstellen, dass Bono mit dem Schatten Hitler meint und auf dessen Besuch in Florenz im Mai 1938 anspielt, als der „Führer“ gemeinsam mit Mussolini den Jubel der Massen vom Balkon des Palazzo Vecchio entgegennahm, unter sich die David-Statue. Die Theodizee-Tränen eines Steins, dargeboten zu einer süßlichen Melodie. Kurz: Kitsch.

U2 sagen, es habe sie gedrängt, „Days of Ash“ jetzt zu veröffentlichen, gegen Jahresende soll ein reguläres Album herauskommen, das der Weltlage zum Trotz gute Laune verbreiten werde. Auf Aschermittwoch folgt Rosenmontag, gewissermaßen. Nun verhält es sich mit Ankündigungen der Band zur Ausrichtung ihres jeweils nächsten Werks erfahrungsgemäß so wie mit den Zollankündigungen von Donald Trump. Es kann jederzeit ganz anders kommen. Hoffen wir es.