Tschechien: das böhmische Paradies | FAZ

Heute wissen wir gut, welche Kräfte die Gestalt unserer Erdoberfläche formen: Wasser, Sonne, Wind, Vulkanismus und einige ungebetene, aber glück­licherweise seltene Gäste aus dem Weltall. Das war zur Zeit Goethes anders, als sich „Neptunisten“, nach deren Meinung alles Landschaftliche aus den Fluten eines Urmeeres entstanden war, mit „Plutonisten“ zausten, die Berge und Täler vor allem als Folgen vulkanischer Vorgänge erklärten: Wasser gegen Feuer sozusagen, eine Konstellation, die bekanntlich nicht besonders kompromissträchtig ist.

Der dichtende Weimarer Geheimrat, am herzoglichen Hof unter anderem Bergwerksdirektor, tendierte zur nassen Variante, war sich aber dessen nie endgültig sicher. Wäre er einmal von seinen bevorzugten Badeorten Karlsbad und Marienbad quer durch das böhmische Becken an den ge­genüberliegenden Rand ins Český ráj weitergereist, ins Böhmische Paradies, hätten sich ihm vielleicht noch andere Perspek­tiven eröffnet. Denn dort gibt es beides, Wasser- wie Feuergeformtes, auf engstem Raum nebeneinander, und erst zusammen, spannungsvoll, aber nicht konfrontativ, werden sie ein bezauberndes Ganzes – so wie in den modernen Geowissenschaften „neptunistische“ und „plutonis­tische“ ohneeinander nicht denkbar sind.

Herrlicher Schock des begnadeten Landschaftsarrangements

Dabei sieht die Szenerie, wenn man sich der Region aus Richtung Prag nähert, kaum weltbewegend, sondern erst einmal eher langweilig aus. Angesichts der ruhig durchhügelten und sanftmütig liebenswerten, aber wenig aufregenden Landschaft, in der man noch kaum die langsam nahenden Mittelgebirge ahnt, könnte man ins Grübeln kommen, worin denn das Paradiesische dieses verhei­ßenen Paradieses bestehen mag. Erst wenn man die Straße zwischen Mladá Boleslav und Jičín in Richtung Turnov verlässt und sich die Burgruine Trosky ins Blickfeld schiebt, gibt es einen drama­tischen Ku­lissenwechsel. Sie ist, frei­stehend auf einem knapp 200 Meter hohen Bergrücken, so etwas wie der Signaturberg des Paradieses – imposant, trut­zig, abweisend zwischen zwei steilra­gen­de Basaltkegel eines alten Vulkans ein­gespannt und auch von vielen weit ent­fernten Punkten zu sehen.

Das wohl schönste dieser Panoramen fasst, vom Marienblick aus, zusätzlich noch das von tiefen Schluchten abgeschirmte neugotische Schloss Hrubá Skála mit ein. Um diese Postkartenaussicht zu genießen, sieht man selbst an Wochentagen einen zuerst etwas irritierenden Bandwurm mehr oder minder wandertüchtiger Zeitgenossen einen knappen Ki­lometer durch einen unauffälligen Nadelwald ziehen. Die Pointe ist, dass sich der Märchenblick erst – aber dann um so staunenswerter – bietet, wenn man un­vermittelt an die Felskante kommt. In Hrubá Skála selbst, inzwischen Museum, Hotel und Ausflugsrestaurant, gibt es dann genug Bier und weitere kulinarische Angebote, um den herrlichen Schock des begnadeten Landschaftsarrangements produktiv zu verarbeiten.

Ohnehin ist es ja im kulinarisch offensiven Böhmen so, dass sich dort, wo Landschaft oder Kultur ihre Schönheiten ausbreiten, auch im ländlichen Raum abseits der Städte und Verkehrsknotenpunkte, fast durchweg Gelegenheiten zur meditativen oder geselligen Nahrungs- und Getränkeaufnahme finden: keine Spitzenküchen und oft saisongebunden, aber mit rustikaler Grundqualität zu günstigen Preisen. Auf ihren Parkplätzen stehen Schulausflugsbusse neben luxuriösen Karossen mit Prager oder inter­nationalen Kennzeichen. Beim Aufstieg zur Trosky-Ruine gibt es solche gastronomischen Tröstungen unterhalb, auf halber Höhe und schließlich bei Er­reichen des Felsenriffs. Die Ausblicke werden immer weiter, die Angebote immer einfacher, und Spaß macht es jedes Mal.

Bei der alten Höhenfestung selbst könnte man angesichts ihres schwärzlich splitterigen Gesteins an zwei riesige, allmählich verfaulende Drachenzähne denken, in denen die Burgtürme als Plomben sitzen. Zwar hat die heimische Legendenwelt auch eine freundlichere Deutung als „Baba“ und „Panna“ parat, als geduckte alte und aufrechte junge Frau. Deren Umgang miteinander soll allerdings ähnlich schroff gewesen sein, wie es das ganze Ensemble mit seinem kargen, asketischen Innenhof ist. Dessen Düsternis lässt man erst hinter sich, wenn man auf einen der beiden Türme hinaufsteigt und dann ei­nen grandiosen Blick über das freund­liche Umland bis zu den Höhenzügen des Iser- und Riesengebirges hat.

Imposante Kraft millionenalter Naturgewalten

Gut erkennbar wird dabei, dass der markante Trosky-Höhenzug auch eine Wetter- und Vegetationsscheide ist. Richtung Süden spannt sich ein dichtes Siedlungsnetz, zwischen dem fleißig geackert und geerntet wird, nach Norden finden sich eher stille Teiche, Sumpfbrüche und dichte Wälder. Eine spezielle Verlockung in diesem befreienden Panorama ist ein kleiner, aber kaum übersehbarer weißer Punkt: die winzige Kapelle von Vyskeř, sturmgezaust ebenfalls auf einem Basaltkegel hoch über dem zugehörigen Dorf platziert und mit einer gleichermaßen grandiosen Rundumsicht, zu der dann, quasi im Gegenblick, auch wieder die majestätisch landschaftsbeherrschende Ruine gehört. Man begreift langsam, was es mit dem Paradies auf sich haben könnte.

Es hat weniger mit der Bewunderung eines Idylls als mit dem demütigen Verstummen vor der imposanten Kraft millionenalter Naturgewalten zu tun. Dabei ereigneten sich die Basaltausbrüche erst relativ spät und trafen einen Lebensraum, der vor 90 Millionen Jahren aus den Hunderte von Metern dicken und dann in Sandstein verwandelten Ablagerungen des Kreidemeeres entstanden war. Solche Urlandschaften finden sich um Turnov herum in etlichen, immer einige Kilo­meter voneinander getrennten Arealen – alle mit so verschiedenen Felsformen, wie es unterschiedliche Arten von Sandstein gibt.

Teppiche aus gelben Königskerzen

Der in der Prachauer Felsenstadt ist besonders weich, was Konsequenzen für die Alpinistik hat: Nach Regenfällen ist das Klettern so lange untersagt, bis die Aufstiege wieder komplett abgetrocknet sind. Wenn sie aber dann ans sportliche Werk gehen dürfen, sind die Kletterer für die anderen Besucher noch eine zusätz­liche Attraktion, weil fast jeder Felsen gut einsehbar ist. Anderen bei schwierigen Arbeiten zuzusehen, hat ja – seien sie auch ganz freiwillig – oft eine gewisse Attraktivität.

Knapp 300 Gipfelpunkte, dicht bei dicht im engen Raum eines Talkessels, hat man für das Prachauer Felsareal gezählt. Dass sie alle einmal zusammen­hingen, kann man leicht nachvollziehen. Denn die wie zum Klassenfoto dekorativ gruppierten Felsspitzen enden alle, wie mit dem Buttermesser abgeschnitten, auf fast derselben Höhe, genau dort, wo in Urzeiten das Plateau ihres Urtafelberges verlief. Dabei sind die Deckplatten der einzelnen Nadeln oft nur noch wenige Quadratmeter groß. Und auf ihren Sockeln wachsen neben majestätischen Teppichen aus gelben Königskerzen auch gewaltige Bäume von kirchturmhohen Lärchen bis zu dürren, aber zähen Kiefern. Sie sprießen aus Klüften und Rissen, ihre Spitzen konkurrieren gelegentlich mit denen der Felsen, umhüllen diese dabei mit einem grünen Schleier und machen sie damit aus größerer Entfernung nahezu unkenntlich.

Abgestürzte Trümmer erinnern an Weinfässer

Den nackten Stein sieht man deswegen oft erst, wenn man schon inmitten der Felskathedralen steht und sich die steinernen und hölzernen Riesen ringsum zu immer neuen, immer imposanteren Bildern gruppieren. Wer das Ganze zudem in der Draufsicht haben will, wird heftig gefordert: Auch 250 Meter können fatal lang werden, wenn sie nur aus unregel­mäßigen Stufen bestehen. Trotzdem begegnet man sogar Familien mit Klein­kindern, die ziemlichen Spaß daran haben, von einem Felsbalkon zum nächsten hinüber zu kommunizieren, manchmal per Luftlinie nur dreißig Meter, aber real mindestens straffe zehn Wanderminuten entfernt, weil man immer wieder lange Wege über die Rückseiten gehen muss.

Belohnt werden solche Mühen nicht nur mit Konditionsgewinn, sondern auch mit erheiternden bis gruseligen Details. Da finden sich entlang der Felsmassive wollsack-, bienenwaben- und sogar spinnwebenartige Verwitterungen. Abgestürzte Trümmer erinnern an Weinfässer oder riesige Kanonenkugeln.

Über den Pfaden, die durch die Felsenstadt gebahnt worden sind, treten die Wände manchmal so eng zusammen, dass tonnenschwere Platten eingekeilt zwischen Himmel und Erde hängengeblieben sind. Bei einer schwebt die untere Dreiecksschneide wie ein Fallbeil über den Wanderern. Herausfor­derungen anderer Art bringt die schmalste der vielen Klammpassagen. Für kräf­tiger gewachsene Menschen kann sie ein echtes Problem werden, denn auch schon mit normaler Silhouette muss man sich wie ein Korkenzieher zwischen die Wände hineindrehen, um durch den Spalt zu kommen – amüsant, aber auch abenteuerlich und jedenfalls nichts für Menschen mit Platzangst.

Wer die Natur lieber in gezähmter Form erlebt, ist im Turnover Museum gut aufgehoben. Es widmet der heimischen Edelsteinschleiferei und Schmuckher­stellung – in der Kleinstadt gibt es dafür seit fast 150 Jahren sogar eine Fachschule – eine eigene Abteilung. Im Mittelpunkt stehen dabei die blutroten böhmischen Granatsteine, die vor allem rund um Turnov vorkommen. Auch Goethe, der leidenschaftliche Erdgeschichtsforscher und Mineraloge, ist ihnen begegnet, in späten Jahren vielleicht sogar auf eher nicht wissenschaftlicher Basis: Ulrike von Levetzow, seine letzte große Liebe, war im Besitz von nicht weniger als 469 solcher Granate, verarbeitet unter anderem in Armbändern, Ohrringen und einer fünfreihigen Halskette. Möglicherweise hat sie Teile des Geschmeides während ihrer Marienbader Begegnungen mit dem Dichter getragen. Mittlerweile ist ihr Schmuck auf verschlungenen Wegen im Museum von Most zwischen Dresden und Prag gelandet – aber das wäre dann schon die nächste böhmische Geschichte.