Noch vor einem Jahr waren Freunde des Freihandels und Ökonomen besorgt, dass die Weltwirtschaft in zwei Blöcke zerfalle: Amerika und seine Freunde auf der einen und China und seine Freunde auf der anderen Seite. Heute ist von dieser Angst nicht mehr viel die Rede, das Thema ist in den Hintergrund gerückt. Die handelspolitische Diskussion wird dominiert durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der Dutzende Länder mit immer neuen Zolldrohungen überzieht und in bilateralen „Deals“ mit einzelnen Regierungen die wirtschaftliche Macht der Vereinigten Staaten ausspielt.
Doch eine Gegenbewegung zum handelspolitischen Trumpismus schlägt global schon Wellen. Länder in allen Regionen der Welt bemühen sich, mit bilateralen Handelsabkommen ihren Unternehmen neue Chancen im Export und Import zu eröffnen – an Amerika vorbei. So wollen sie ihren Wohlstand vergrößern.
Die Freihandelsabkommen, die die Europäische Union zuletzt mit vier lateinamerikanischen Mercosur-Staaten und mit Indien unterzeichnet und vereinbart hat, sind nur die sichtbarsten Beispiele dieser Entwicklung. „Die Länder versuchen verstärkt, sich handelspolitisch abzusichern“, sagt Ralph Ossa von der Universität Zürich, der frühere Chefökonom der Welthandelsorganisation (WTO). „Alle strecken jetzt die Fühler aus und versuchen, noch Abkommen zu schließen.“ Trumps aggressive Zollpolitik löst den Abwehrreflex aus, dass andere Staaten im Handel enger zusammengehen.

Hier ist eine kleine Auswahl: Die EU schloss in der zweiten Amtszeit Trumps bislang neben Indien und dem Mercosur auch ein Freihandelsabkommen mit Indonesien. Sie überarbeitete ein Abkommen mit Mexiko und nahm Handelsgespräche mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) auf. Indien unterzeichnete – zusätzlich zur EU – Handelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich, Neuseeland und Oman. Es begann Verhandlungen mit den Asean-Staaten, mit Bahrain, Chile, Israel, Kanada und spricht mit Mexiko, der eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft und dem Golf-Kooperationsrat im Nahen Osten. Die Philippinen, Kambodscha und die UAE beantragten die Aufnahme in das Transpazifische Handelsbündnis CPTPP. Die Bündnisstaaten, darunter Schwergewichte wie Japan, Australien, Kanada, Mexiko und das Vereinigte Königreich, sprechen mit Uruguay über einen Beitritt. Mexiko und Südkorea begannen Verhandlungen.
Viele weitere Handelsabkommen geschlossen
Im Oktober trat ein Freihandelsabkommen der Europäischen Freihandelsvereinigung Efta – Island, Liechtenstein, Norwegen und Schweiz – mit Indien in Kraft. Die Efta-Staaten vereinbarten ferner Freihandel mit dem Mercosur, mit Malaysia, Thailand und Kosovo. Jenseits des Atlantiks verfolgt Kanada eine aggressive Freihandelsagenda. Das Land unterzeichnete ein Handelsabkommen mit Indonesien und ein Investitionsschutzabkommen mit den UAE. Mit den ASEAN-Staaten, mit den Philippinen und mit Indien begann die Regierung in Ottawa Freihandelsverhandlungen. Mit China ging Kanada zuletzt eine strategische Partnerschaft ein, mit sehr begrenzten Handelszugeständnissen beider Seiten.
„Die handelsdiplomatische Aktivität hat sich im Vergleich mit den vier Jahren zuvor nahezu verdreifacht“, sagt Johannes Fritz von der Denkfabrik „Global Trade Alert“ in St. Gallen. Seit Januar 2025 begannen global zwölf neue Vorgespräche über Freihandelsabkommen. In 21 Fällen nahmen Länder Verhandlungen auf, in sieben Fällen schlossen sie Verhandlungen erfolgreich ab. 25 Freihandelsverträge wurden unterzeichnet, 17 Abkommen traten in Kraft (Grafik unten links). Das zeigt eine noch unveröffentlichte Untersuchung von Global Trade Alert.
Ein Schwerpunkt der Aktivität ist Asien. Neben Indien sind dort die Vereinigten Arabischen Emirate und Südkorea besonders aktiv. Die „Zoll-Deals“, mit denen Trump bilateral gegen schwächere Länder oft für ausgewählte Waren teils drastisch höhere Zölle durchdrückt, sind in der Untersuchung nicht mitgezählt. So zeigen die Zahlen, dass der Hang zum Freihandel auf bilateraler Basis ohne Amerika lebt und gedeiht.
Damit dauert ein Trend an, der in den späten Neunzigerjahren begann. Damals gerieten die multilateralen Welthandelsrunden im Rahmen der WTO ins Stocken. Weder die Vereinigten Staaten noch die EU wollten die Rolle des wohlmeinenden Wächters über das Welthandelssystem übernehmen. So suchten die Länder ihr Handelsglück zunehmend in bilateralen Abkommen. Viele Hundert solcher Abkommen sind bei der WTO angemeldet. Ökonomen sprechen von einer Spaghettischüssel. Die Vielzahl der Verträge, die den Freihandel meist nie komplett absichern und viele Ausnahmen kennen, macht den Welthandel lebendiger, aber auch unübersichtlicher. Für Unternehmen wird es schwieriger, sich im Gewirr der unterschiedlichen Zollsätze und Bestimmungen im globalen Handel zurechtzufinden.
Wenn die Spaghettischüssel der Handelsabkommen sich derzeit weiter füllt, ist etwas anders als früher: Die Länder reagieren in vielen Fällen direkt auf Trumps Zölle. Indien etwa, das trotz des Kriegs in der Ukraine Energie aus Russland bezieht, hat Trump zur Strafe mit einem Einfuhrzoll auf indische Waren von 50 Prozent belegt. Das ist ein starker Anreiz, sich neue Handelspartner zu suchen.
Auch in Europa ist es ein offenes Geheimnis, dass Trump die Europäische Kommission bewegt. „Es gibt einen gewissen Trump-Effekt“, sagt Bernd Lange (SPD), der Vorsitzende des Handelsausschusses im Europäischen Parlament. Er verweist auf die ungewöhnliche Geschwindigkeit, mit der die Europäer seit 2024 die jahrzehntelangen Verhandlungen mit den Mercosur-Staaten und Indien zu Ende brachten. Die EU-Kommission lockert inzwischen ihre traditionelle Haltung, dass die Qualität der Abkommen wichtiger sei als die Geschwindigkeit, und macht nun zahlreiche Zugeständnisse. Im Fall Indiens verzichtete sie auf eine stärkere Öffnung des Automarkts, den Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen und auf weitgehende Zusagen zur ökologischen Nachhaltigkeit.
Europa sucht neue Chancen in der Globalisierung
Neue Handelsabkommen sind für die Europäer eine Chance, stärker an der Globalisierung teilzuhaben. Seit der globalen Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 hat Europa sich im langfristigen Trend von der globalen Entwicklung abgekoppelt, während der Welthandel – ohne die Europäer – stetig zulegte. Europa sei die einzige Region, in der das Handelsvolumen seit der globalen Finanzkrise stagniert habe, stellt Robin Winkler, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank für Deutschland, fest – anders als in entwickelten Volkswirtschaften in Nordasien oder in Nordamerika.
Als Teil der Erklärung verweist er darauf, dass die Europäer schon vor 15 Jahren eine hohe Handelsintensität im Verhältnis zum BIP hatten, während Schwellenländer noch aufholen konnten. Wirtschaftswachstum und mehr Handel gab es im Zuge der Globalisierung zuletzt vor allem im globalen Süden und in Südostasien. „Dass China diese Entwicklung dominiert hat und sogar die USA mehr partizipiert haben als Europa, ist wohl auch geographisch bedingt“, sagt Winkler.
Auffällig ist, dass China in vielen Ländern Afrikas die Europäer als wichtigsten Handelspartner abgelöst hat. Eigentlich lag Europa da geographisch näher. Doch der freihändlerische Fokus der Europäer richtet sich derzeit Richtung Asien. Die EU verhandelt mit Australien, Thailand, Malaysia, den Philippinen und eben mit den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Verhandlungen mit Thailand sind in einer intensiven Phase. In Reichweite sei ein Abkommen mit Australien, heißt es in Brüssel.
Die europäische Annäherung an Indien und auch an die Mercosur-Staaten „folgt der Erkenntnis, dass die EU das De-Risking von China und den zunehmend protektionistischen USA vorantreiben muss“, sagt Ignacio Garcia Bercero, früher ein Chefunterhändler der EU, heute im Bruegel-Institut in Brüssel tätig. Doch die geopolitische Idee des De-Risking wird mit neuen Handelsabkommen selbst für die wirtschaftlich große EU und erst recht für kleinere Staaten nur schwer zu erreichen sein – so dominant sind Amerika und China als Handelspartner.
An die Vereinigten Staaten verkauften die EU-Europäer in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres Waren im Wert von 516 Milliarden Euro oder etwa 21 Prozent ihrer gesamten Warenausfuhr. Dagegen gingen an Indien gerade mal Waren im Wert von 44 Milliarden Euro und an die vier Mercosur-Staaten von 51 Milliarden Euro. Ähnlich sieht es in der Einfuhr aus. Aus China bezog die EU Waren im Wert von 514 Milliarden Euro oder 22 Prozent der gesamten Einfuhr. In Indien kauften die Europäer dagegen für nur 64 Milliarden Euro und in den vier Mercosur-Staaten für 50 Milliarden Euro ein. Um geopolitisch ins Gewicht zu fallen, müsste der Handel mit den neuen Partnern schon in kurzer Zeit rasant wachsen.
Der größte Wert der vielen neuen Freihandelsabkommen in den Zeiten des handelspolitischen Trumpismus könnte so darin liegen, dass sie das von Trump angegriffene Welthandelssystem stabilisieren. „72 Prozent des Weltgüterhandels finden unter den Meistbegünstigungszöllen der Welthandelsorganisation statt“, sagt Ökonom Ossa. Zusätzliche 16 Prozent würden im Rahmen von Freihandelsabkommen gehandelt. „Nur zwölf Prozent des Welthandels sind derzeit wirklich machtbasiert“, sagt Ossa.
Die Zahlen strafen die weitverbreitete Aussage Lügen, dass die Welthandelsordnung tot sei. Treffender ist das Bild, dass die Welthandelsorganisation in Genf im Tiefschlaf liegt. Die bestehenden Regeln und Zollabsprachen gelten fort und werden von vielen Mitgliedstaaten unverändert angewandt. Dabei geht es um Zölle und den Warenhandel, aber zum Beispiel auch um den Schutz von Patenten.
Die bilateralen Freihandelsabkommen, die als Reaktion auf Trump eine Blütezeit erleben, spannen rund um die WTO ein Netz von Handelsbeziehungen, das den Welthandel zusätzlich regelt und absichert. Sie entsprechen nicht ganz dem Ideal der Welthandelsordnung, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg aufgesetzt wurde. Das Ideal orientiert sich am Prinzip des Multilateralismus und der Meistbegünstigung: Länder müssen Zollsenkungen immer allen Ländern gewähren. Diese Regel vereinfacht international tätigen Unternehmen das Geschäft und verhindert, dass einzelne Staaten handelspolitisch diskriminiert werden. „Das Tolle an der WTO ist, dass diese Grundprinzipien so einfach und klar sind und dass es das Meistbegünstigungsprinzip gibt“, sagt Julian Hinz vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. „Die bilateralen Freihandelsverträge sind eine zweitbeste Lösung.“
Die EU stellt ein Grundprinzip der WTO infrage
Denn bilaterale Handelsverträge diskriminieren immer die Länder, die an dem Vertrag nicht beteiligt sind. Das gilt als WTO-konform, solange es umfassende Handelsverträge sind, die mehr Handel schaffen, als dass sie andere benachteiligen. Das trifft zum Beispiel für die Freihandelsverträge der EU zu. Für die „Deals“, mit denen Trump bewusst einzelne Länder diskriminiert und die amerikanischen Einfuhrzölle heraufsetzt, gilt das eher nicht. Umso mehr bekümmert Ökonomen wie Hinz, dass die EU sich mit Amerika auf einen solchen „Deal“ eingelassen hat und die Autozölle nur für Fahrzeuge aus Amerika, nicht aber aus anderen Ländern senken will.
Als noch gefährlicher gilt, dass selbst die Europäer mittlerweile ein Grundprinzip der Welthandelsordnung hinterfragen: die Meistbegünstigung. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič regte gerade in der Zeitung „Financial Times“ an, das Prinzip zu überdenken. Er wünscht Flexibilität für Zollanpassungen, um Bedrohungen für die heimische Wirtschaft abwenden zu können. Der Zugang zu niedrigeren Zöllen müsse (von den Handelspartnern) durch glaubhafte Verpflichtungen zu den Grundprinzipien des freien und fairen Handels verdient werden, schrieb Šefčovič.
„Das ist zumindest besorgniserregend“, sagt Ökonom Ossa und vermutet dahinter eine schärfere Gangart gegenüber China. „Ich habe die EU eigentlich immer als große Stütze des regelbasierten, multilateralen Handelssystems wahrgenommen. Dass nun ausgerechnet der EU-Handelskommissar das Grundprinzip der Meistbegünstigung infrage stellt, halte ich für einen Fehler.“
