
Sie lächeln wieder, die beiden Freundinnen Simone MacFarlane und Charlotte Beale. Die Frauen verdienen ihren Lebensunterhalt als Souvenir-Verkäuferinnen in einem Kunstmarkt in Ocho Rios, einer von üppiger tropischer Vegetation umgebenen Küstenstadt im Norden vom Jamaika. Dort gibt es alles für Touristen, die das Lebensgefühl der für Rum und Reggae berühmten Insel einfangen und mit nach Hause nehmen wollen: T-Shirts, Holzschnitzereien und Schmuck in den Rastafari-Farben Rot, Gelb und Grün und natürlich alle Arten von Devotionalien mit dem Antlitz der jamaikanischen Ikone Bob Marley.
Doch das Geschäft läuft schleppend, und der Stress der vergangenen Wochen steht den Frauen noch wie ins Gesicht geschrieben. „Der Hurrikan hob das Dach meines Hauses ab, es regnete hinein, und wir mussten das Wasser mit Eimern herausschöpfen“, erzählt Simone.
Zudem hatten umgefallene Bäume ihren Markt, der jeden Tag der Woche geöffnet ist, zerstört. „Jeder von uns Budenbesitzern musste 200.000 jamaikanische Dollar (etwa 1250 US-Dollar) aufbringen, um die Sturmschäden zu beseitigen“, klagt Charlotte. Das ist viel Geld, wenn die Einkünfte fehlen.
Dabei kamen die Frauen noch glimpflich davon. Hurrikan Melissa forderte 45 Todesopfer, als er Ende Oktober mit der Maximalstärke fünf und einer Windgeschwindigkeit von bis zu 295 Kilometern über die Ferieninsel hinwegfegte und Infrastrukturen, insbesondere die Stromleitungen zerstörte. Der Schaden wurde von der Weltbank auf 8,8 Milliarden US-Dollar geschätzt. „Es war das Schlimmste, was wir in der Karibik und insbesondere in Jamaika je erlebt haben“, unterstreicht Tourismusminister Edmund Bartlett. „Da war Sturm Gilbert vor 37 Jahren nur ein Abklatsch.“
Besonders schwer traf es vier der insgesamt 14 Bezirke der Insel, insbesondere Westmoreland und St. Elisabeth, die im Westen und Südwesten der Insel liegen. Ausgerechnet die Gegend um die Stadt Black River, benannt nach dem längsten Fluss von Jamaika und wo man einst stolz darauf war, eine der ersten Städte mit einem eigenen Stromnetz in der Karibik zu sein, wurde zum Epizentrum der Katastrophe. Die im Osten gelegene Hauptstadt Kingston hingegen blieb weitgehend verschont. „Unsere Insel ist schwer gezeichnet, aber trotzdem schön“, sagt Bartlett.
Derweil räkeln sich in nur 300 Meter vom Kunstmarkt von Ocho Rios entfernten Ressort Moon Palace die Feriengäste am weißen Sandstrand und am Pool, als ob nichts passiert wäre. Tatsächlich ist die Landschaft in diesen Teil der Insel intakt, selbst die großblättrigen Seetrauben-Bäume am Strand haben keinen Schaden erlitten. Jeden Tag liegt im Hafen wieder ein neues Kreuzschiff vor Anker, und die Gäste strömen zu den von tropischen Grün gesäumten Dunns’ River Falls, wo sich ein 55 Meter hoher Wasserfall über terassenförmige Kalksteinfelsen ins karibische Meer stürzt.
Vom Strand aus kann man die Wasserfälle nach oben erklettern und dabei immer ein Bad in den kleinen Felsenpools nehmen. Direkt neben diesem Naturparadies kam es übrigens im Jahr 1657 zu einer Schlacht, als die Spanier von der Nachbarinsel Kuba aus versuchten, ihre ehemalige Kolonie den Briten zu entreißen. Doch das Unterfangen schlug fehl, Jamaika blieb bis 1962, dem Jahr der Unabhängigkeit, fest in britischer Hand. Die schönen Uhrtürme, die über die ganze Insel verteilt sind, zeugen vom britischen Erbe, ebenso wie viele Kolonialgebäude im viktorianischen Stil. Auch sie haben den Sturm unbeschadet überstanden.
Das Bild ändert sich, wenn man 100 Kilometer Richtung Westen nach Montego Bay fährt, wo die meisten Ferienflieger landen und sich die meisten Strände und All-Inclusive-Ressorts befinden. Entwurzelte oder eingeknickte Bäume und zerstörte Holzhäuser entlang der Straße prägen das Bild. „Weil der Hurrikan mit extremer Langsamkeit von mehr als sechs Stunden über die Insel hinweg zog, war seine zerstörende Kraft besonders stark“, sagt die Journalistin Janet Silvera. „Aber wir Jamaikaner bleiben nicht sitzen und klagen über unser Schicksal, im Gegenteil. Schon am Folgetag legten wir mit den Aufräumarbeiten los und 14 Tage später funktionierte wieder fast alles.“
Im Rathaus von Montego Bay hängen allerdings noch immer die Deckenplatten herunter und verdecken die Fotos der Würdenträger, darunter das vom jungen Bürgermeister Richard Vernon. Er empfängt im Plenarsaal. „Während des Hurrikans waren wir hier eine Art Notzentrale, wo jeder Zuflucht suchen konnte“, sagt Vernon. Vom Dach des Rathauses entfaltet sich schon wenige Wochen nach dem Sturm die ganze karibische Pracht, pastellfarbene Häuser ragen aus dem dichten Grün, im Hintergrund glänzt das türkisfarbene Meer.
„Hier regnet es viel und die Natur kann sich schnell erholen“, sagt Vernon. „Sehr solidarisch zeigten sich auch die großen Hotelkonzerne“, unterstreicht der Bürgermeister. Ein gutes Beispiel ist das spanische Iberostar Waves Rose Hall Beach, wo ein Drittel des Hotelkomplexes derzeit noch von Opfern des Hurrikans bewohnt wird. Und die Ferienstadt Grand Palladium Jamaika Resort übernimmt die Finanzierung für eine nahegelegene Grundschule. Ansonsten herrscht in den perfekt auf den US-Geschmack zugeschnittenen All-Inclusive-Hotelkomplexen längst Business as Usual.
Von dort aus ist es nicht mehr allzu weit nach Negril an der Nordwestküste, berühmt für seine langen Sandstränden darunter den legendären Seven Mile Beach, der in die spektakulären West-End Klippen übergeht. Diese sind vor allem für ihre Sonnenuntergänge berühmt. „Hier schlug einst die Geburtsstunde des Tourismus auf Jamaika, als in den 1970er-Jahren die Hippies hierher kamen und an unserer Kultur teilhaben wollten“, erläutert Richard Wallace, der mit dem Boardwalk Village ein kleines und gut besuchtes Familienhotel direkt am Meer betreibt. Wallace beobachtet die Gäste, die sich schon morgens einer kleinen Reggae-Band am Strand zuhören und glücklich wirken. „Früher durfte es ruhig rustikal zugehen, die Gäste duschten draußen“, erinnert sich Wallace.
Der Manager, der 18 Kilometer östlich von seinem Hotel enfernt in einem kleinen Ort aufwuchs, musste miterleben, wie sein Elternhaus vom Hurrikan zerstört wurde. „Wir haben unsere Lektion gelernt und werden künftig stabiler bauen, die Holzverkleidung darf bleiben, aber darunter brauchen wir stabile Strukturen aus Beton“, sagt der Manager, den hier alle Gäste persönlich kennen und begrüßen.
Wallace glaubt, dass die Kunden wieder authentische Erfahrungen und die Nähe der Einheimischen suchen, die liebevoll ihre Kreolsprache namens Patois pflegen. Das neue Motto der Menschen hier lautet: Mi nah lef yah! Ich werde nicht von hier weggehen. Das passt gut zum Appell von Tourismusminister Bartlett: „Hey Jamaica is ready! Please come!“
Die Reise wurde unterstützt von Alltours und dem Jamaica Tourism Board.
