
Am Mittwochmorgen erschoss ein Beamter der Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis die 37 Jahre alte US-Bürgerin Renee Nicole Good, und es dauerte nicht lange, bis der Propagandakrieg um den Ablauf der Ereignisse begann. Eine Sprecherin des Heimatschutzministeriums nannte das Opfer eine „gewalttätige Randaliererin, die ihr Fahrzeug als Waffe einsetzte und versuchte, unsere Strafverfolgungsbeamten zu überfahren“, und sprach von einem „Akt des inländischen Terrorismus“, für Donald Trump war sie Teil einer „radikalen Linken“, die „täglich unsere Strafverfolgungsbeamten und ICE-Agenten bedroht“.
Und man muss nicht Goods Instagram-Bio glauben, in der sie sich als „Dichterin und Schriftstellerin und Ehefrau und Mutter und miese Gitarristin aus Colorado“ vorstellte, oder ihrer Mutter, die sie in der „Minnesota Star Tribune“ als „eine der freundlichsten Menschen, die ich je kannte“, und als „extrem mitfühlend“ beschrieb, um Jacob Frey zuzustimmen, dem demokratischen Bürgermeister von Minneapolis, der die Vorwürfe unumwunden „Bullshit“ nannte; man muss nur, wenn man es aushält, das schreckliche Video anschauen, das von dem Vorfall im Netz kursiert und relativ klar erkennen lässt, von wem hier die Gewalt ausging. Selbst MAGA-Anhängern dürfte es schwerfallen, der abenteuerlichen Interpretation, das Opfer habe „gewaltsam, vorsätzlich und bösartig“ den ICE-Beamten überfahren, der sie „in Notwehr erschossen hat“, zu glauben, die Trump in der Parallelwelt von Truth Social verbreitete.
Welcher Ehemann soll überhaupt gemeint sein?
Weil aber naturgemäß auch solche Bilder täuschen können und über die Hintergründe und Motive der Beteiligten schon gar nichts sagen, konnte man schon ins Zweifeln kommen, als die Nachrichtenagentur Reuters am Mittwochabend berichtete, dass es sich bei dem Todesopfer „um die Ehefrau eines prominenten Aktivisten“ handelte. Reuters berief sich auf einen Bericht der „New York Times“, die diese Aussage wiederum vom Büro der demokratischen Senatorin von Minnesota, Tina Smith, bekommen haben soll.
Als die Agenturmeldung in Deutschland die Runde machte, war dieses Detail auf der Website der „New York Times“ nicht mehr zu finden, aber auch kein Hinweis darauf, ob und warum es gelöscht wurde. So bleibt unklar, wer für diese fragwürdige Information verantwortlich war. Oder wer überhaupt damit gemeint sein könnte. Goods erster Ehemann, der sich zwar in einem Artikel der Nachrichtenagentur AP zu Wort meldete, aber anonym bleiben wollte? Ihr zweiter Ehemann, Tim Macklin, der anderen Quellen zufolge eher ein mäßig erfolgreicher Comedian als ein bekannter Aktivist war? Oder vielleicht ihre geschockte neue Lebensgefährtin, deren Geschlecht einfach nur durch die Verwendung des generischen Maskulinums verfremdet wurde? Und wieso kennt kein Mensch den Namen dieser Person, wenn sie doch angeblich so prominent ist?
Die Mechanismen des modernen Nachrichten-Zyklus
Die „New York Times“ hat auf die Frage, ob sie tatsächlich die Information über den „prominenten Aktivisten“ in die Welt gesetzt hat (darauf deutet der Textausschnitt der Google-Suche nach der Meldung hin), und wenn ja, warum sie sie gelöscht hat, nicht geantwortet. Reuters hat auf Nachfrage eine Richtigstellung angekündigt, diese ist aber bis Freitagmorgen nicht erfolgt. Im Netz lassen sich solche Fehlinformationen ohnehin kaum noch einholen. Und so geistert der geheimnisvolle Aktivist noch immer durch die deutschen Nachrichtenseiten, auf den Seiten von „Stern.de“, „Spiegel“ oder „Zeit“, auch auf der Website der F.A.Z. war von ihm eine Zeit lang die Rede (wir haben das Video mit der irreführenden Information inzwischen gelöscht).
Manchmal braucht man keine taktischen Akteure wie die amerikanische Regierung, um Zweifel an der Integrität von Menschen wie Renee Nicole Good zu streuen. Man kann sich einfach auf die Mechanismen des modernen Nachrichten-Zyklus verlassen.
