Titelduell zwischen Aicher und Shiffrin: Ein letzter Blick in die große Glaskugel – Sport

Sie ist 46 Zentimeter hoch, wiegt zwölf Kilogramm und wird gemeinhin als große Kristallkugel bezeichnet. Aus deutscher Perspektive war eine detaillierte Betrachtung dieser durchsichtigen Skitrophäe zuletzt wenig von Bedeutung. Seit dem dritten Gesamtrang von Viktoria Rebensburg im Winter 2017/18 kam keine deutsche Skiläuferin auch nur in die Nähe dieses Pokals. Nun aber, da eine gewisse Emma Aicher unermüdlich durch die Pisten dieser Skiwelt pflügt, lohnt sich ein ganz genauer Blick auf – und in die Glaskugel.

Ski- und Sportenthusiasten fiebern seit Wochen mit in diesem ungeahnten Duell um diesen unhandlichen Pokal: Mikaela Shiffrin, USA, gegen Emma Aicher, Deutschland. Im Skiweltcup der Frauen hätte am Dienstagnachmittag die Vorentscheidung fallen können. Die 31 Jahre alte Shiffrin erledigte ihren Teil der Arbeit verlässlich seriös. Im Slalom von Hafjell bei Lillehammer kurvte sie abermals in ihrer eigenen Zeitrechnung durch die Tore. Zum 110. Mal in ihrer Laufbahn gewann sie ein Skirennen und ließ den Rest der Szene einmal mehr wie Statisten aussehen. Die 22 Jahre alte Aicher hatte ihrerseits einen sehr ordentlichen Arbeitsnachweis hinterlassen, wurde Tagesdritte – und schuf sich und Shiffrin so einen Showdown, auf den die US-Amerikanerin wohl gerne verzichtet hätte.

449 Weltcuppunkte hatte Shiffrin noch vor sieben Wochen vorne gelegen. Von einem Zweikampf mit Aicher war nie die Rede gewesen, zugetraut hätte man einen solchen eher noch der Schweizerin Camille Rast. Mit zunehmender Dauer aber pirschte sich die Frau mit dem frechen Grinsen nicht minder frech und nachhaltig an Rekordsiegerin Shiffrin heran. So nahe, dass die Betrachtung der Zahlen unlängst zu einem Gesellenstück für Nachwuchsmathematiker taugte. Die Ausgangslage vor dem Slalom hatte so ausgesehen: Sollte Shiffrin gewinnen, müsste Aicher mindestens Vierte werden, um die Entscheidung über den Gesamtsieg zu vertagen. Bereits Rang fünf hätte bedeutet: 100 Punkte Rückstand, nicht mehr aufzuholen, da bei Gleichstand die mehr gewonnenen Rennen für Shiffrin gesprochen hätten.

Mikaela Shiffrin könnte mit Annemarie Moser-Pröll gleichziehen, die Österreicherin hatte zwischen 1970 und 1980 sechsmal gewonnen

Die neue Ausgangslage nach dem Slalom und vor dem Finale im Riesentorlauf am Mittwoch: Shiffrin (1386) liegt 85 Punkte vor Aicher (1301) und hat es nun vermeintlich einfach, ihren Vorsprung über die Ziellinie zu bringen. Um eine Chance zu haben, muss Aicher das letzte Rennen zwingend gewinnen – was ihr im Riesenslalom bis dato noch nie geglückt war. Sollte sie in dieser Disziplin ihren Debütsieg schaffen, wäre Shiffrin in ihrer weniger starken technischen Disziplin gefordert. Sie müsste dann mindestens als 15. ins Ziel kommen, würde für diese Leistung 16 Punkte sammeln und stünde in der Endabrechnung bei 1402 Punkten, während Aicher nur auf 1401 Punkte käme. Dieses Szenario wäre das historisch knappste, noch enger als beim bis dato letzten Sieg einer Deutschen: 2010/11 hatte Maria Riesch (1728) am Ende drei Punkte mehr als Lindsey Vonn (1725).

Bekam am Dienstag die kleine Kugel als Slalom-Gesamtsiegerin überreicht: Mikaela Shiffrin nach ihrem neunten Sieg im zehnten Rennen durch die eng gesteckten Stangen.
Bekam am Dienstag die kleine Kugel als Slalom-Gesamtsiegerin überreicht: Mikaela Shiffrin nach ihrem neunten Sieg im zehnten Rennen durch die eng gesteckten Stangen. Cornelius Poppe/NTB/Imago

Anders ausgedrückt: Wenig realistisch, dass Shiffrin erspart bleibt, das 46 Zentimeter hohe und zwölf Kilogramm schwere Kristalltrumm zum sechsten Mal in die Höhe zu stemmen. Sie würde dann mit Annemarie Moser-Pröll gleichziehen, die Österreicherin hatte zwischen 1970 und 1980 sechsmal gewonnen, häufiger als jede andere. Selten aber musste Shiffrin so darum kämpfen wie in diesem Winter. Und, es sei zumindest erwähnt: Aicher hatte in entscheidenden Momenten zuletzt auffällig häufig das sogenannte Hundertstelpech. 0,01 Sekunden fehlten ihr in Val di Fassa zum Sieg in der Abfahrt, 0,01 Sekunden beim Super-G in Kvitfjell auf Rang drei. Ehe nun im Slalom von Hafjell die Schweizerin Wendy Holdener 0,04 Sekunden vor Aicher ins Ziel rettete, womit sie Zweite wurde.

Wenn man so will, kosteten Aicher zusammengerechnet sechs Hundertstelsekunden umgerechnet 50 Weltcuppunkte. Wie man so knappe Punktverluste verhindert, zeigt wiederum Shiffrin im Slalom: Sie fährt einfach ein bis zwei Sekunden schneller als alle anderen.

Der zweite Lauf gefiel Aicher, der war „nur zum Durchschwänzeln“

Aicher selbst hatte sich in den vergangenen Tagen nie öffentlich zu Punkteständen, Rechenspielen oder Gesamtsiegchancen geäußert – auch am Dienstag beschränkte sie sich auf eine kurze sportliche Analyse. „Die erste Fahrt war träge, ich hab mich schwergetan vorwärtszukommen“, sagte Aicher, die im Finaldurchgang tatsächlich spritziger und geschmeidiger durch die Tore carvte. „Im zweiten war der Lauf schöner zu fahren, es war nur zum Durchschwänzeln.“

Acht von zehn Glaskugeln sind in der Skiwelt vergeben, Shiffrin bekam nach neun Siegen in zehn Slalomweltcups die kleine Kugel im Stangenwald überreicht. Kurz zuvor war im Skistadion die vorletzte Entscheidung bei den Männern gefallen. Lucas Pinheiro Braathen, der für Brasilien startet, gewann den Riesenslalom der Männer und zog in seinem Geburtsland noch am Schweizer Marco Odermatt vorbei, der in Lauf eins ausgeschieden war. Die DSV-Starter Anton Grammel, Fabian Gratz und Jonas Stockinger kamen auf den Rängen sieben, zehn und elf ins Ziel – Gratz wurde in der Disziplin Gesamtelfter. Der beste Slalomfahrer der Männer wird am Mittwoch ermittelt: Zwei letzte Kugeln sind noch zu vergeben, am letzten Tag im letzten Akt, ehe sich auf der alpinen Bühne der Vorhang schließt.