Es gab eine Zeit (und mancherorts gibt es sie immer noch), da waren Frauen nicht mehr als Gebärmaschinen. Auf die eine Geburt folgte die nächste Schwangerschaft. Auf den einen Kindstod die nächste Fehlgeburt. Für Ann Lee bildeten diese Schreckenserfahrungen das Fundament ihrer christlichen Erweckungsgemeinschaft.
So erzählt es zumindest die Regisseurin Mona Fastvold in ihrem Biopic „The Testament of Ann Lee“ über die 1736 in Manchester geborene Anführerin der sogenannten Shaker-Bewegung. Als Kind, so sehen wir es im Film, muss sie mitanhören, wie der Vater ihre Mutter nachts zum Sex nötigt. Am Esstisch sitzt sie bereits mit sechs Geschwistern. Bei der Geburt des achten Kindes stirbt die Mutter.
Als erwachsene Frau ergeht es Ann nicht besser. Ihr Mann lebt seine sadomasochistischen Fantasien an ihr aus. Sie gebärt vier Kinder, keines überlebt das erste Lebensjahr. Zu der Zeit gehört sie bereits einer lokalen Quäker-Gemeinschaft an, deren Mitglieder sich durch mantraartiges Singen und rhythmisches Tanzen in Ekstase versetzen. Ann steigt schnell als Anführerin dieser kleinen Sekte auf. Nicht zuletzt wegen einer Vision, in der sie den Geschlechtsakt als die eigentliche Ursünde des Menschen und Enthaltsamkeit als den wahren Weg Gottes erkennt. „Mother Ann“, wie sie sich fortan nennt, hält sich für die weibliche Wiederkehr Jesu.
„The Testament of Ann Lee“. Regie: Mona Fastvold. Mit Amanda Seyfried, Thomasin Mckenzie u.a. Vereinigtes Königreich 2025, 137 Min.
Mona Fastvold inszeniert das Leben dieser Ann Lee als monumentales Überwältigungskino, wie man es selten zu sehen bekommt. Jene Szenen, in denen die Gläubigen ihren manischen Himmelstanz aufführen und ihre Arme wild hin und her werfen (der Name der „Shaker“ rührt von diesen schüttelartigen Bewegungen), sind von einer tiefen Anmut gezeichnet, der man sich nur schwer entziehen kann.
Im Zusammenspiel mit dem flehenden Singsang und der düsteren Klangatmosphäre von Oscargewinner Daniel Blumberg (zarte Perkussions- und Streicher-Klänge begleiten die getragenen Shaker-Spirituals) spiegelt sich der religiöse Eifer auch in der ästhetischen Form wider. Der auf 70mm gedrehte Film ist eine sakralgleiche Feier des Kinos. Jedes Bild ist wie ein Gemälde bis ins kleinste Detail durchinszeniert.
Zuflucht vor Verfolgung und Schikane
Diese Opulenz lässt an „The Brutalist“ von Brady Corbet, eines der großen Filmereignisse des letzten Jahres, denken. Und tatsächlich gibt es hier ein Verwandtschaftsverhältnis. Die Norwegerin Mona Fastvold ist Corbets Partnerin. Bei beiden Filmen schrieben sie gemeinsam das Drehbuch. Nur dieses Mal übernahm Fastvold anstelle Corbets die Regie.
Während in „The Brutalist“ ein größenwahnsinniger Architekt, der den Holocaust überlebte, den Verheißungen des amerikanischen Traums folgt, ist es in „The Testament of Ann Lee“ eine Sekte, die im gelobten Land jenseits des Atlantiks Zuflucht vor Verfolgung und Schikane sucht. 1774 setzt Ann Lee mit einer kleinen Schar Anhänger:innen nach Neuengland über. Der Gründungsmythos der USA zeigt sich hier als Suchbewegung einer marginalisierten Glaubensgemeinschaft.
Fastvold und Corbet blicken auf das Wirken Ann Lees, von der es keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt, voller Neugier, Faszination und Wohlwollen. Ihre Lee setzt der patriarchalen Kleinfamilie des Puritanismus und dessen strenger Bibelauslegung die Vision einer utopischen Kommune entgegen. Nahe Albany im heutigen Bundesstaat New York gründet sie ihre Gemeinde, die auf der Gleichheit von Mann und Frau beruht.
Der Ort wird zur Zuflucht für ehemalige Sklaven. Waisenkinder finden Obhut. Mit den Ureinwohner:innen betreiben die Shaker freundschaftlichen Handel. Dem aufziehenden Krieg gegen die britische Kolonialmacht begegnen sie mit einem radikalen Pazifismus.
Idealtypus einer Herrscherin
Und trotzdem fußt diese egalitär anmutende Gemeinschaft auf den Prinzipien von Hierarchie und Autorität. Ann Lee verkörpert den Idealtypus einer Herrscherin: tugendhaft, weise und dem Wohl aller verpflichtet. Vergeblich wartet man auf den Sturz der Königin. Dieser Verzicht auf eine gewisse dramaturgische Fallhöhe hat zur Folge, dass sich die Nacherzählung ihrer Lebensgeschichte in den über zwei Stunden Spielzeit zunehmend erschöpft.
Staunend sieht man Amanda Seyfried zu, wie sie sich in ihrem Spiel verausgabt
Dennoch sieht man staunend Amanda Seyfried zu, wie sie sich in ihrem Spiel der so charismatischen wie leidgeprüften und aufopferungsvollen Heilsgestalt verausgabt. Immer wieder werden die Shaker von gewalttätigen Mobs angegriffen, die in Ann Lee und ihrem Treiben nichts anderes als Hexerei sehen. Es bleibt ein Rätsel, warum der Film und Seyfried im Speziellen für ihre sensationelle Darbietung keine Oscarnominierung erhielt.
Die Shaker-Bewegung hatte zu ihrer Hochzeit im 19. Jahrhundert mehrere Tausend Mitglieder. Eifrige Missionierung war nötig, um der enthaltsamen Gemeinschaft zu Wachstum zu verhelfen. Die wäre auch heute noch angebracht: Bis zuletzt bestanden die Shaker aus genau zwei Mitgliedern. Vorigen Sommer trat immerhin eine dritte Person der letzten Gemeinschaft im Bundesstaat Maine bei.
