Salome betritt die Bühne und tanzt. Tanzt, als ginge es um ihr Leben. Peitschengleich zerschneiden ihre Zöpfe die Luft, in besessener Raserei schleudert die Prinzessin ihre Gliedmaßen von sich. Während sich ein hölzerner, treibender House-Beat steigert und Jim Morrisons tote geremixte Stimme „I tell you this. I don’t know whats gonna happen, man“ aus dem Hintergrund lallt, scheint Salomes linker Arm abzusterben. Sie schlägt ihn um ihren Körper wie ein lebloses Stück Fleisch, einen knochenlosen Atavismus. Die Stieftochter des Herodes ist ein Leib geworderner Boxsack: „Break on through to the other side“.
Es ist ein fantastischer, ein manischer Eröffnungsmoment dieses Berliner Freitagabends, an dem Regisseur Michael Thalheimer nach knapp zehn Jahren mit einer Inszenierung an die Schaubühne am Lehniner Platz zurückkehrt. Silbrig eingefasst ist das minimale Bühnenbild, doch das oxidierte Blech spiegelt nicht die stumpfen Augen der Figuren, nur die matten Lichter, die sich im Verlauf des Abends wenig ändern werden, schimmern darin milchig.
Umgebend von einem gekachelten Graben, einer modernen Kloake, werden die wenigen Figuren den Abend gefangen auf dieser Insel verbringen: der Balkon der Herodes-Festung Macherus als Schlachthauszelle, in dessen Blutrinne mal der Henker, mal der Prophet patrouillieren.
Ebenjenen Propheten Johannes (Christoph Gawenda) begehrt die junge Prinzessin und lässt ihn zu sich bringen. Doch er, dieser kotbeschmierte Engel des Todes, eindrucksvoll vom Schlachterhaken hängend, weist das blasse Kind zurück. Silbrig wie ihr Kleid ist alles an Salome (Alina Stiegler) in jener Nacht. Und weiß wie der Mond, der in dieser Textfassung Einar Schleefs so oft heraufbeschworen wird.
Der Jähzorn sitzt tief in den Protagonisten
Doch ihr Temperament ist schmollend und rot. Rot wie das Blut, das noch fließen wird. Rot wie der Wein, den der Herrscher säuft, und rot wie die Lust und die Schönheit und der flammende Hass, mit dem der Prophet Johannes die Mutter Salomes überzieht, die den Schwager, Herodes, heiratete, der sich dafür zuvor durch Mord des eigenen Bruders entledigte.
„Sie ist wie der Schatten einer weißen Rose in einem Spiegel aus Silber.“ Alina Stiegler als Salome
Foto:
Katrin Ribbe
Und nun begehrt er die Stieftochter: sie soll für ihn tanzen. Als berstendes Schaubühnen-Klischee betritt Herodes (Tilman Strauß) in goldenen Leggins und Pelzmantel die Bühne. Wild wichsend, mal wimmernd, meist brüllend, mäandert der Herrscher zwischen Kriechen und Kreischen. Überhaupt wird viel ins Publikum geschrien in dieser Nacht. Die Interaktion der Figuren ist stets nach vorne gerichtet, überzogen und darin leider wenig abwechslungsreich.
Die voll sprachlicher Sprengkraft ins Publikum abgefeuerten Satzsalven klingen meist, als seien sie direkt für die Werbestreichholzschächtelchen des Theaters geschrieben worden („Ich bin der Ungehorsam“, „Der Mond ist der Mond, aber hier ist die Kloake“, „Halt die Fresse“). Dass dazwischen auch wirklich irre, unfassbar schöne und leise Sprache stattfindet, in der fast beiläufig Farben und Himmelskörper oder verwünschte Gewalt beschworen werden, und die stellenweise eng an das Hohelied Salomos erinnert, geht unter.
Sie wird im Verlauf des pausenlosen Abends weggeschwemmt von einem Doomscroll-artigen Wortgewitter, in dem, von ein paar billigen Lachern abgesehen, nur der eigentliche Tanz Salomes den geschundenen Hirnen und Ohren eine Pause verspricht.
Schließlich tanzt die Prinzessin doch
Denn nachdem Salomes Mutter Herodias (Jule Böwe) vergeblich versucht, ihr Kind vom Tanz für den Stiefvater abzuhalten, stimmt die Prinzessin schließlich zu, als Herodes ihr einen freien Wunsch verspricht. Doch anstatt in die erneute, süße Raserei zu verfallen, senkt sich ein käfiggleicher Kasten über die Prinzessin, und die Musikerin Yuebo Sun betritt mit einer Erhu, einer Spießgeige, die Bühne und lässt auf ihr ein betörendes, sinnliches Lied erklingen.
Salome kann nur den Arm heben, das Gesicht im stillen Schrei erstarren lassen und das nun anstehende Töten mit der Geste der Kehlendurchtrennung ankündigen.
Die schmollende Kindprinzessin in Oscar Wildes Drama ist eine lüsterne, eine grausame Figur.
Und nun flaut der Abend gehörig ab. Nach einigem Nein-Doch-Ich-will-Aber und erneutem Gebrüll kriegt Salome endlich, was sie so dringend möchte: den Kopf von Johannes. Während in der Bibel das Kind hier allem voran den Wunsch der Mutter erfüllt und dieser brav sein Haupt darbietet, ist die schmollende Kindprinzessin in Oscar Wildes Drama eine lüsterne, eine grausame Figur. Doch die ikonische Szene wird dem Publikum verwehrt.
Gerade, weil zuvor am Blut nicht gerade gespart wurde, antizipiert man doch ein Lovis-Corinth-gleiches Momentum, der auf seiner Salome-Darstellung mit expressivem Pinsel die tanzende Schöne das Auge des Propheten mit spitzen Fingern lüften ließ, während sich ihre schweren Lider und milchigen Brüste über den abgetrennten Schädel voll unaushaltbarer Schönheit beugen. Doch auf dieser Bühne sieht man: nichts.
Alle stehen zwar noch kurz rum, es werden Geräusche der Tötung beschworen, intoniert werden sie jedoch nicht. Und so überhört man ob der Enttäuschung des ausbleibenden Höhepunkts fast die reuigen Worte, die in einem seltenen, kleinen, Schelf’schen Chormoment gesprochen werden: „Ich liebe dich, ich küsse dich, aber dein Gott hat dich verlassen. Ich will nicht mehr essen. Nur küssen. Noch zittert in dir Leben, es verlässt dich nicht so schnell, noch zucken die Augen, die Lider, noch ist da etwas wie Licht. Noch spiegeln sich die Sterne.“
Dass Salome nun ob der Eifersucht des Stiefvaters selbst stirbt, in Stücke gehackt wie ein Vieh, ist nur noch eine schnelle Fußnote. Natürlich eine unsichtbare.
