Tennis: Iga Swiatek – „Es macht mir immer öfter Angst, was die Leute im Internet veröffentlichen“

Sie möchte wieder das Gefühl haben, auf dem Platz wie eine Mauer zu stehen, sagt Iga Świątek. Die ehemalige Nummer eins der Welt hat aktuell zu kämpfen. Und will nun mit neuer Kraft, neuem Trainer und neuem Enthusiasmus das Terrain betreten, das sie am besten kennt und auf dem sie sich am sichersten fühlt: den Sandplatz. Nächste Station ist das Turnier in Stuttgart.

Aryna Sabalenka, Jelena Rybakina, Coco Gauff – zurzeit die Nummern eins bis drei der Weltrangliste vor Świątek – und Amanda Anisimova haben mit ihren kraftvollen Schlägen den Sturm auf die Spitze des Tennissports eingeleitet. Wie kann Świątek mithalten und gegen sie gewinnen? Wird Rafael Nadal ihr dabei helfen?

Die 24 Jahre alte Polin spielt bisher eine durchwachsene bis enttäuschende Saison: Bei den Australian Open sowie den WTA-Turnieren in Doha und Indian Wells scheiterte sie jeweils im Viertelfinale. In Miami verlor sie dann überraschend gegen ihre Landsfrau Magda Linette – und zwar bei ihrem Turnierauftakt in Runde zwei. 6:1, 5:7, 3:6 hieß es am Ende, für Swiatek war dies die erste Auftaktniederlage seit 2021.

„Tennis fühlt sich bei mir im Kopf im Moment ziemlich kompliziert an“, sagte sie danach. Sie denke schon immer viel zu viel nach. „Aber in letzter Zeit ist es einfach so extrem. Es fällt mir schwer, viele meiner Gedanken loszuwerden, und das war früher meine Stärke.“ Mittlerweile treffe sie „so viele schlechte Entscheidungen, dass es schwer ist, nicht nachzudenken. Der Stress setzt ein, der Körper verkrampft sich, und alles wird viel schwieriger.“

Frage: Zweieinhalb Wochen sind seit der Niederlage gegen Magda Linette in Miami und Ihren Aussagen über sich selbst nach diesem Spiel vergangen. Verstehen Sie jetzt besser, warum es Ihnen in letzter Zeit auf dem Platz so schwer fällt?

Świątek: Im Leben gibt es selten nur eine Lösung für ein komplexes Problem. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht in Bestform war, was mein Selbstvertrauen angeht – und das konnte man auf dem Platz sehen. Ich habe mich nicht besonders sicher gefühlt, was meine Fähigkeiten angeht. Darauf konzentriere ich mich jetzt – darauf, zu den Fähigkeiten zurückzufinden, die ich schon immer hatte und die mir in den schwierigsten Momenten geholfen haben. Tennis ist ein Profisport – man tritt gegen jemanden an, der einen unter Druck setzen will. Meine Reaktion darauf war nicht die beste. Ich weiß, was ich tun will und wie ich an meinem Tennis arbeiten will. Zugegeben, die letzte Zeit war nicht einfach – niemand verliert gerne, und Niederlagen wie die gegen Magda sind schmerzhaft. Aber ehrlich gesagt, hätte ich mehr Angst gehabt, wenn ich nach der Niederlage nichts gespürt hätte. Und ich habe große Motivation gespürt, ich wollte unbedingt wieder auf den Platz und an mir arbeiten.

Frage: Die Trennung von Trainer Wim Fissett war nicht nur die Folge der Niederlage gegen Linette. Wie kam es zu der Entscheidung?

Świątek: Das ist eine Angelegenheit zwischen uns. Ich möchte nicht ins Detail gehen. Es ist sicher nichts, wozu sich jemand wie ich nach einer einzigen Niederlage entschließt, ich würde eine solche Entscheidung nicht vorschnell treffen. Manchmal mag man mich als emotionale Person wahrnehmen, aber ich treffe Entscheidungen wirklich nicht impulsiv. Ich bin ziemlich rational und nehme mir gerne Zeit für so etwas. Außerdem nehme ich nicht viele Veränderungen im Team vor, sondern gebe dem Team gerne die Möglichkeit, dass wir uns „zurücksetzen“ und etwas anders arbeiten. In diesem Fall hatte ich jedoch das Gefühl, dass es einfach Zeit für eine Veränderung war. Ja, diese Entscheidung fiel nicht in Miami – es war ein längerer Prozess, in dem ich alles gründlich durchdacht habe. Nach der Niederlage gegen Maria Sakkari (Mitte Februar in Doha, d. Red.) hatten wir uns zusammengesetzt und lange gesprochen. Wir haben überlegt, was wir ändern und wie wir die nächste Woche angehen sollten, damit ich wieder zu meinem soliden Spiel zurückfinden kann. Und tatsächlich haben wir vor Indian Wells einige Fortschritte gemacht. Aber als ich das Ganze betrachtete, kam ich zu dem Schluss, dass ich eine Veränderung brauche.

Frage: Und haben Sie in dieser Zeit nach einem neuen Trainer Ausschau gehalten?

Świątek: Nein, das konnte ich doch nicht hinter dem Rücken meines Teams tun. Ich bin ehrlich zu den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Natürlich habe ich den Überblick darüber, was auf dem Trainermarkt passiert, denn wir sind fast das ganze Jahr auf Turnieren unterwegs. Ich habe einige Leute befragt, die viel Erfahrung haben. Ich habe über einen Wechsel nachgedacht, aber nicht aktiv gehandelt. Denn wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, muss man dieser Zusammenarbeit eine Chance geben, muss dem Menschen vertrauen. Ich nahm weiterhin an Turnieren teil, bei denen ich gut spielen wollte, also versuchte ich, präsent zu sein und mich auf das Spiel zu konzentrieren. Vielleicht lief es deshalb, gelinde gesagt, nicht perfekt, denn es ist schwer, alle Gedanken komplett auszublenden.

Frage: Es gibt Gerüchte, dass Sie bald nach Mallorca fahren. Haben Sie dort eine geeignete Person für eine Zusammenarbeit gefunden?

Świątek: Ich bin mir sicher, dass man jeden Tag ein neues Gerücht finden kann …

Frage: Stimmt es, dass Rafael Nadal bei der Suche nach einem Trainer geholfen hat? Und stimmt es, dass er in Stuttgart und bei anderen Turnieren auf Sand in Ihrer Box stehen wird?

Świątek: Rafa ist mein Idol und eigentlich der einzige, den ich als Kind beim Tennisspielen gesehen habe. Er war auch so nett, dass er noch während seiner aktiven Karriere ein paar Mal mit mir gesprochen und mir Tipps gegeben hat. Er ist jemand, an den ich mich wenden kann, wenn ich Hilfe brauche oder ein Problem zu lösen habe. Hilfe von jemandem, der so erfahren ist – eigentlich der Beste – ist natürlich eine großartige Gelegenheit, und ich werde sie nutzen, wann immer ich kann. Rafa ist sehr offen. Er ist ein toller Mensch. Allein die Tatsache, dass ich seine Nummer habe und ihn kontaktieren kann, ist für mich eine große Ehre. Aber ehrlich gesagt, möchte ich, ob er mir bei der Trainerwahl geholfen hat oder nicht, für mich behalten. (Wer ihr neuer Trainer ist, will Swiatek noch nicht verraten.)

Frage: Die vergangenen Wochen waren für Sie turbulent. War es auch eine schwierige Zeit aufgrund der Reaktionen in Polen auf Ihre Niederlagen, insbesondere auf die in Miami? Wie gehen Sie damit um?

Świątek: Ich bin schon seit langer Zeit in der Tenniswelt und damit in der Öffentlichkeit präsent. Trotzdem macht es mir immer öfter Angst, was die Leute im Internet veröffentlichen. Ich habe den Eindruck, dass das in eine sehr schlechte Richtung geht. Es überrascht mich, dass Menschen, die mich nur gesehen haben, als ich zehn oder zwölf Jahre alt war, plötzlich gefragt werden, wie ich „wirklich“ bin und was ich mit meinem Leben oder auf dem Tennisplatz anfangen soll. Das ist ein bisschen so, als würde man eine Kindergärtnerin, die ein Kind ein Jahr lang gekannt hat, fragen, wie es als Erwachsener ist – das ist doch absurd. Das Internet funktioniert nicht logisch. Es lässt keinen Raum für Fehler und keine Zeit, etwas zu verstehen. Es urteilt einfach – und das sehr streng.

Frage: Und wie sehen Sie die Berichterstattung?

Świątek: Was den Journalismus angeht: Ich glaube, dass viele Artikel aus geschäftlichen Gründen entstehen – wegen des Geldes, der Statistiken, der Klicks und der reißerischen oder gar lügnerischen Überschriften. Das ist absurd, aber leider Realität. Ich wünschte, es gäbe in Polen mehr Menschen, die sich wirklich mit Tennis auskennen und rationaler damit umgehen. Denn die meisten, die in den Medien zitiert werden, waren noch nie bei einem Turnier. Schließlich wissen nur meine engsten Vertrauten, welche Zweifel ich habe, was ich verbessern möchte und worauf ich mich in Zukunft konzentrieren will. Manchmal habe ich die Gelegenheit, wie jetzt, ein wenig darüber zu erzählen, aber die meiste Zeit muss ich mich auf mich selbst konzentrieren. Wir verdienen ein wenig Freiraum und grundlegenden Respekt – sowohl ich als auch das Team, das mich an diesen Punkt gebracht und mir geholfen hat, viele großartige Ergebnisse zu erzielen. Leider mangelt es im Internet und in Teilen der Medien sehr an diesem Respekt, was einfach nur traurig ist.

Frage: Welche Rolle spielt Ihre Psychologin Daria Abramowicz im Team? Viele Leute sind der Meinung, dass Sie sich zu nahe stehen und ihre Rolle zu groß ist.

Świątek: Ich entscheide selbst, mit wem ich zusammenarbeite. Und ehrlich gesagt, waren die meisten negativen Dinge, die ich irgendwo gesehen habe – ich versuche, das nicht zu lesen, aber ein Teil davon dringt doch zu mir durch –, einfach nur Fake News und Theorien, die erfunden wurden, um Verwirrung zu stiften. Die Leute haben keine Ahnung, wie das abläuft – ich treffe die Entscheidungen bezüglich der Zusammenarbeit. Natürlich kann ich meine Teammitglieder um ihre Meinung bitten, und das tue ich auch, wenn ich es brauche. Was die Artikel über Daria angeht – jahrelang wurde ihr mein Erfolg auf dem Platz zugeschrieben, weil er unter anderem dank mentaler Stärke möglich war, und jetzt, wo es einen Form- und Leistungsabfall gibt, ist plötzlich sie daran schuld. Aber ich versuche, meine Entscheidungen auf meine eigene Meinung zu stützen, denn nur dann kann ich wirklich an sie glauben und davon überzeugt sein, dass sie die richtige Wahl ist. Auch wenn der Trainer eigentlich der Anführer des Teams sein sollte, versuche ich, diese Rolle zu übernehmen und mein Team zu führen.

Frage: Lassen Sie uns über Bücher reden. Woher kommt Ihre Leidenschaft für Bücher?

Świątek: Sie begann schon sehr früh, denn meine Eltern haben mich zum Lesen ermutigt. Das hat mir immer Freude bereitet. Bücher haben mir eine andere Perspektive auf das Leben eröffnet und mir ermöglicht, verschiedene Lebensansätze kennenzulernen. Wenn ich über eine Figur las, konnte ich mich mit ihr identifizieren, wenn ich das brauchte oder wollte. Seit meiner Kindheit habe ich in Büchern immer etwas gefunden, das mich interessierte. Wenn es dort eine starke weibliche Heldin gab – das gefiel mir sehr. Zum Beispiel in „Die Tribute von Panem“. Oder wenn ein Buch historische Elemente enthielt und die Handlung beispielsweise vor 400 Jahren spielte, versuchte ich bei der Gelegenheit, ein wenig Geschichte zu lernen. Bücher sind eine großartige Möglichkeit, sich zu entspannen und den Kopf auszuschalten. Sie helfen mir auch, in schwierigen Momenten mein Gleichgewicht zu bewahren.

Frage: Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Świątek: Ich kann mich nicht für eines entscheiden. Was Fantasy angeht, habe ich als ich jünger war, „Die Tribute von Panem“ geliebt. Was Krimis angeht – die „Millennium“-Reihe und die Bücher von Camilla Läckberg. Was historische Romane angeht – hauptsächlich Ken Follett. Ich mag Jane Austen sehr gerne. Außerdem braucht man in verschiedenen Lebensphasen unterschiedliche Dinge – manchmal etwas Leichteres, manchmal etwas Ernsthafteres. Ich habe amerikanische Klassiker gelesen. „Wer die Nachtigall stört“. „Vom Winde verweht“. „Vom Winde verweht“ war großartig. Eigentlich achte ich nicht darauf, ob es ein amerikanisches, britisches oder französisches Buch ist, denn ich mag sie alle. Italienische und spanische auch. Ich lese alles.

Frage: Sie haben Tennis als eine Art Gedankenspiel beschrieben. Hilft Literatur dabei, damit umzugehen?

Świątek: Lesen hilft mir, mich besser zu entspannen, lehrt mich aber auch Konzentration. Heutzutage passiert so viel, dass wir oft mehrere Dinge gleichzeitig tun. Dabei erfordern Tennis, Lesen oder zum Beispiel das Spielen eines Instruments volle Konzentration, um es gut zu machen und Freude daran zu haben. Deshalb kann man auf diese Weise seine Konzentration trainieren. Wenn man beim Lesen einen guten Rhythmus findet, ist das Gefühl ähnlich. Manchmal merke ich gar nicht, dass ich schon 50 Seiten gelesen habe. Auf dem Tennisplatz kann es genauso sein – wenn ich den Rhythmus gefunden habe, merke ich plötzlich, dass ich schon drei Spiele gespielt und die meisten Punkte gewonnen habe.

Frage: Polen erlebt gerade einen Tennisboom; Eltern möchten, dass ihre Töchter so werden wie Sie. Wie wird man in Polen ein Tennisstar?

Świątek: Das ist eine schwierige Frage. Als ich anfing, gab es kein ausgereiftes System. Ich habe nie eine Wildcard bekommen. Ich musste mir meinen Platz immer selbst erkämpfen. Auf diesem Weg gab es sehr viele Höhen und Tiefen. Ich hatte viel Glück, denn vieles hätte schiefgehen können. Mein Vater musste selbst einen Weg finden, mich zu fördern – trotz finanzieller Probleme. Deshalb bin ich wirklich sehr glücklich, dass ich überhaupt dort sein kann, wo ich bin.

Frage: Ist Tennis in Polen immer noch ein Elitesport?

Świątek: Ich denke schon. In meinem Fall wurde alles von meinem Vater finanziert. Er musste für die Plätze und die Trainer aufkommen. Als ich ein Kind war, haben wir jede Minute auf dem Platz genutzt – wegen der Kosten pro Stunde. Es gab keine Zeit zu verlieren. Genauso war es mit dem Trainer. Es gab Momente, in denen wir kein Geld hatten, um mein Training und meine Turniere fortzusetzen. Mein Vater musste dann nach verschiedenen Lösungen suchen. Generell sind Menschen, die an dich glauben, sehr wichtig. Wenn man einen Trainer findet, der wirklich an einen glaubt, einen anleitet und in schwierigen Momenten unterstützt, dann ist das ein riesiges Glück. Ich hatte solche Menschen um mich herum. Ohne sie wäre ich nicht so weit gekommen – ich hätte nicht einmal die erste Etappe geschafft. Deshalb gebührt ein großer Teil des Verdienstes meinem Vater dafür, dass er einen Weg gefunden hat, damit ich weitermachen konnte.

Frage: Das nächste Turnier ist in Stuttgart. Wie blicken Sie darauf?

Świątek: Es ist das erste Turnier der Saison auf Sandplätzen, daher kann man etwas ruhiger in den Rhythmus kommen und ein Gefühl für den Belag bekommen. Er ist speziell und anspruchsvoll. Ich komme gerne dorthin zurück, um den Platz und den Ball zu spüren, mich auf das Spiel zu konzentrieren und nicht alles zu sehr zu analysieren. Das Turnier ist kurz – man kommt an, spielt die Matches, genießt es und reist gleich wieder ab. Es gibt keine langen Wartezeiten zwischen den Matches wie bei anderen Turnieren. Dadurch hat es eine andere Atmosphäre – es ist dynamischer. Die Atmosphäre dort ist immer unglaublich. Es ist eigentlich das einzige Hallenturnier, bei dem ich spiele. Wenn das Stadion geschlossen ist, spüre ich die Anwesenheit des Publikums viel stärker. Das ist sehr angenehm. Die Fans interessieren sich für Tennis, sie wissen, wie man die Spieler anfeuert. Es ist das Turnier, das Polen am nächsten liegt, bei dem ich spiele, daher kommen oft viele polnische Fans dorthin. Ich freue mich immer, dort spielen zu können.

Dieses Interview erschien zuerst in der Gazeta Wyborcza, wie WELT Mitglied der „Leading European Newspaper Alliance“ (LENA). Das Interview wurde in Zusammenarbeit mit „Die Zeit“ und „The Guardian“ geführt; einige Fragen stellten die Journalisten dieser Redaktionen: Oliver Fritsch und Tumaini Carayol.