Telefónica-Chef: Glasfaser-Ausbau und digitale Resilienz stärken

Herr Argelich Hesse, seit bald zwei Monaten sind Sie neuer Deutschlandchef von Telefónica. Sie sind hier geboren, aber in Spanien aufgewachsen. Was hat Sie bei der Rückkehr am meisten schockiert?

Ich habe das Glück gehabt, in vielen verschiedenen Ländern arbeiten zu dürfen. Deutschland hat gute Mobilfunknetze, aber als Land sind wir auf der Infrastrukturebene nicht effizient aufgestellt. Hier gibt es vier Netzanbieter, das gibt es in den meisten europäischen Märkten nicht. Da müssen wir uns fragen, ob das sinnvoll ist, wenn wir als Nation weiter in die Zukunft des Landes investieren müssen. Das ist so wie vier Autobahnen direkt nebeneinander zu bauen, statt eine gemeinsam zu nutzen. Deutschland ist weit hinten, wenn es darum geht, digitale Infrastrukturen zu bauen, die dann alle im Markt nutzen und darauf zusammenarbeiten können.

Die Telekom und Vodafone werden sich sicher nicht zurückziehen. Also wollen Sie 1&1 kaufen, um die Anbieterzahl zu verringern? Dessen Chef Ralph Dommermuth wirkte zuletzt nicht so, als wolle er sein Unternehmen gern loswerden.

So einfach ist es nicht, da spielen viele Dimensionen zusammen. Da geht es nicht nur um die Zukunft einzelner Marktteilnehmer. Grundsätzlich gäbe es viel mehr Investitionsressourcen, wenn es drei große Netzanbieter geben würde. Und was spräche eigentlich gegen nur zwei Infrastrukturen, jeweils für Mobilfunk und Glas­faser? Wie auch immer das gestaltet wird – es muss sichergestellt sein, dass wir hoch technologischen Unternehmen alle Syner­gien, die dann entstehen, wirklich zurückinvestieren. Das sehen wir schon bei den Frequenzen – das Geld, das die Netzbetreiber jetzt nicht für eine Auktion ausgeben müssen, wird in Netze investiert. Aber das Problem bleibt: Das ganze System ist so gebaut, dass wir sehr im Wettbewerb um die Netze stecken. So sind ambitionierte Projekte darüber hinaus finanziell schwierig zu realisieren. Damit fällt Deutschland insgesamt global zurück.

Die Monopolkommission und das Bundeskartellamt finden den Wettbewerb hierzulande eigentlich ganz gut. Kunden profitieren auch davon durch niedrige Preise. Was genau wollen Sie ändern?

Wir als Netzanbieter müssen uns fragen, was unsere Rolle in der Zukunft ist. Unsere Infrastruktur ist zentral für Innovationskraft, Sicherheit und Souveränität unseres Landes. Insbesondere in Zeiten, in denen wir abhängig sind von Technologien au­ßerhalb Europas. Über die Jahre sind viele Telekommunikationsunternehmen immer komplexer geworden. Wir dürfen uns nicht nur um Wettbewerb und Preis kümmern. Aber wir könnten mit unseren sehr guten europäischen Netz-Technologie-Anbietern viel mehr dazu beitragen, dass andere Länder nicht mehr so viele Schritte vor uns stehen.

Dann sagen Sie mal: Was trägt Telefónica bei?

Als eines der größten Technologieunternehmen in Europa investieren wir bereits ganz gezielt in Cybersicherheit, in Cloud-Technologie, in Künstliche Intelligenz. Wir haben Pläne, das auszubauen. Das muss auch finanziert werden. Es gibt Projekte, die kann ein einzelnes Unternehmen wie Telefónica nicht allein stemmen. Wenn jedes Land in Europa sein eigenes Flugzeug gebaut hätte, dann hätten wir kein Airbus. Wenn wir über Souveränität sprechen, sind das paneuropäische Projekte und Player. Keiner von uns kann selbständig einen Hyperscaler wie Google oder Microsoft und die Software dazu bauen, und die ganzen KI-Modelle. Nehmen wir nur Cybersicherheit, hier müssen in den nächsten Jahren zweistellige Milliardenbeträge investiert werden, in Cloud-Infrastruktur genauso. Da müssen wir über die Länder hinweg zusammenarbeiten.

Und wer soll das orchestrieren?

Im Grunde muss es auf europäischer Ebene geregelt werden, mit einer Politik, die ein gutes Konsolidierungsniveau erlaubt für Länder, in denen es gesunden Wett­bewerb gibt, und gleichzeitig weiter investiert werden kann. Wir brauchen Technologieführer, die gegenüber den Amerikanern oder Chinesen wirklich eine Chance haben. Die KI-Modelle kommen heute im Wesentlichen aus den Vereinigten Staaten. Was ist, wenn wir in einigen Jahren wegen Streitigkeiten nur noch die Version 25 bekommen und die amerikanischen Unternehmen schon auf Version 80 unterwegs sind? Abhängigkeiten haben wir bei Chips erlebt, da müssen wir in digitaler Infrastruktur besser werden.

Santiago Argelich Hesse arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Telekommunikations- und Digitalbranche.
Santiago Argelich Hesse arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Telekommunikations- und Digitalbranche.Fabian Strauch

Eine Abhängigkeit, die Politik vermeiden will, ist die von China. In Deutschland sollen Anbieter wie Huawei aus dem Netz verschwinden. Aber kann man mit Nokia und Ericsson auch in fünf oder sechs Jahren ein leistungsfähiges Netz betreiben, oder können es die Chinesen einfach besser?

Die europäischen Technologien sind gut, die Chinesen sind vielleicht kosteneffizient. Am Ende ist es auch eine Frage, was dem Staat seine Sicherheit und Souveränität wert sind. Und wer das finanziert und in verlässlicher Qualität liefern kann. Uns Anbietern macht vor allem die Unsicherheit Probleme, wenn sich die An­forde­run­gen ständig ändern. Was gilt in fünf Jahren, geht es plötzlich auch ums Festnetz und nicht nur Mobilfunk, und was machen wir eigentlich, wenn es irgendwann solche Sicherheitsfragen zu amerikanischen Tech­nologien gäbe? Die Telekommuni­kationsunternehmen brauchen schlichtweg Planungssicherheit für ihre Investitionen.

Der Anschlag auf das Stromnetz in Berlin hat eine Debatte über Resilienz ausgelöst. Da ging es um Strom, aber dann geht es schnell auch um Erreichbarkeit. Wie schätzen Sie die Situation in Deutschland ein?

Die Mobilnetze wurden im Kern nicht für Resilienz gedacht, sondern auf Wettbewerb getrimmt. Die Frage ist doch, was man als Staat für die Resilienz in den kri­tischen Infrastrukturen erreichen und wie viel man dafür investieren möchte. Es könnte mehr unabhängige Stromversorgung wie Generatoren an Mobilfunkmasten geben. Oder eine Redundanz über Batterien. Wir verfügen über Trailer mit kleinen Antennen, die wir etwa in Krisen­fäl­len schnell mobil aufbauen können, um Netzversorgung herzustellen. Die Ame­rikaner investieren viel Geld in ihre Re­silienzmodelle. Solche Sicherheitsnetze müs­sen dann auch regelmäßig gewartet werden. Zur Wahrheit gehört auch: Man kann nicht alles absichern, das habe ich in der Ukraine erlebt.

Ich habe dort zwischen 2013 und 2015 im Netzbetrieb gearbeitet, also zur Zeit der Krim-Annexion. Dort zeigte sich, dass man nicht immer auf einen Turm zielen muss, sondern es manchmal reicht, ein Kabel abzutrennen. So etwas wird taktisch in einem Kriegsumfeld benutzt.

Muss Mobilfunk auch stärker mit Ver­teidigung zusammengedacht werden?

Ich glaube schon. Es gibt klare Schnittmengen. Welche Rolle Mobilnetze spielen, hat sich ebenfalls in der Ukraine bewiesen. Signale privat genutzter Handys haben Aufmarschgebiete verraten, wie Analysen im Nachgang gezeigt haben. Das war sicher nicht besonders smart, aber wohl die Folge nicht ausreichender militärischer Kommunikation. Auf der anderen Seite sind Kommunikationsnetze essenzieller Teil eines funktionierenden Zivilschutzes.

Der Deutsch-Spanier Hesse ist 1970 in Mülheim an der Ruhr geboren.
Der Deutsch-Spanier Hesse ist 1970 in Mülheim an der Ruhr geboren.Fabian Strauch

Sie waren in der Ukraine, Ihr Chef der Telefónica-Gruppe in Spanien vorher bei einem Rüstungstechnologiekonzern. Kommt Ihnen das zugute heutzutage?

Letztlich geht es in der Telekommunikation wie auch anderswo immer darum, Dinge vom konkreten Nutzen zusammenzudenken. Resilienz aufzubauen, ist nicht unbedingt ein sehr profitables Geschäft. Wir spielen gern unsere Rolle im Gesamtkonstrukt als Netzbetreiber. Voraussetzung ist eine leistungsfähige Infrastruktur: Als ich zurückkam, konnte ich es fast nicht glauben, wie weit weg von den europäischen oder weltweiten Standards Deutschland bei Glasfaser ist. Das zieht die ganze Industrie runter. Ich verstehe nicht, warum die meisten Deutschen so zufrieden sind mit einem Kupferanschluss. Der mag lange Zeit gute Dienste geleistet haben, ist aber eine fast 100 Jahre alte Technologie. Glasfaser ist die Zukunft. Und in Spanien die Gegenwart. Da bekommt man Glas­faser in jedem Sommerhaus.

Das lässt sich ja ändern. Sie könnten wie die Telekom Milliarden in Glasfaser investieren, damit das besser wird mit der Infrastruktur in Deutschland.

Wir haben mit dem Allianz-Konzern ein Gemeinschaftsunternehmen: Unsere Grüne Glasfaser. Das ist ein herausforderndes Geschäft, und wir würden gern bessere Ergebnisse haben. Aber auch wir können nicht allein diese massive Lücke schließen. Insgesamt gibt es bei Glasfaser noch viel zu viele Barrieren: Wie kommt man zu dem Gebäude? Wie baut man innen aus? Welche Rechte hat jeder Einwohner, sich seinen eigenen Anbieter auszuwählen? Das hat alles Auswirkungen auf den Ausbauzeitraum und auf den „Return on Investment“. Es gibt viele Private-Equity-Fonds, die vielleicht zu optimistisch in Glasfaser investiert haben und vor der großen Frage stehen, was sie abschreiben müssen. Das hat jedoch nicht einer allein vermasselt.

Insgesamt gab es zu lange keine richtige Strategie für Glasfaser in Deutschland. Natürlich brauchen wir Glasfaser, und sie muss weiter ausgebaut werden. Dafür braucht es nationale Angebote. Wir als bundesweit tätiges Telekommunikationsunternehmen müssen in Deutschland in der Lage sein, Zugang zu allen Glasfasernetzen zu bekommen. So tragen wir dazu bei, dass ausreichend Kunden im Netz sind. Solange das Kupfernetz so stark verteidigt wird, ist das schwierig. So beschleunigt sich der Ausbau nicht. Wenn man zurückblickt darauf, was investiert wurde und wie wenig Rentabilität entstanden ist, dann stellt sich die Frage, wer noch weiter in Deutschland unter diesen Bedingungen investieren möchte.

Wer kann das Problem lösen? Die Anbieter, der Kapitalmarkt oder die Politik?

Alle drei. Politik spielt eine wichtige Rolle, gerade mit ihrer Regulierung. Aber auch Mut. Wer sich weiterentwickeln will, muss auch alte Technologien ziehen lassen und eine zügige Migration auf Glas­faser gewährleisten. Wenn jeder seine Position auf einer obsoleten Technologie verteidigt, würden wir heute alle noch mit Tasten-Handys rumlaufen.

Nun sind Sie frisch Deutschlandchef von Telefónica. Aber wenn man Sie so euro­päisch reden hört, könnten Sie doch auch sagen: In Deutschland gibt es auch andere große Telekommunikationsunternehmen, die sollen sich um Infrastruktur kümmern. Und Sie konzentrieren sich auf Spanien.

Deutschland ist für uns sehr wichtig, durch seine Industriekraft ist das Land ein Gravitationszentrum für ganz Europa. Für Telefónica ist Deutschland weiter strategisch relevant, und wir wollen hier eine zentrale Rolle spielen.

Aber der Wettbewerb ist für Sie hart. Telefónica hat 12 Millionen Kunden von 1&1 an Vodafone verloren. Wie gehen Sie damit um?

Der Wettbewerb muss sich auf Qualität konzentrieren. Nur darauf zu achten, hier oder da 50 Cent zu sparen, wenn man die SIM-Karte wechselt – das ist ein Wettbewerb, der nur Wert vernichtet. Es geht doch darum, die besten Produkte über alle Bereiche anzubieten, ob es Mobilfunk ist oder auch Festnetz. Da spielt dann Glas­faser eine Rolle, und was Kunden zu welchem Zeitpunkt brauchen.

Beim Preiskampf mischt Telefónica aber mit – nicht nur mit seiner Marke O2.

Das stimmt, die ganze Industrie ist so strukturiert, und wir kommen aus dieser Dynamik schwer heraus. In diesem Wettbewerb führt das dazu, dass wir nicht genug Gewinne erzielen, um ambitioniert zu investieren. Das heißt nicht, dass die Preise hochgehen müssen. Aber wir müssen uns anstrengen, zu zeigen, dass wir oft die beste Gesamtlösung für die Kunden bringen können. Es hält sich hartnäckig der Eindruck, dass wir ein schlechteres Netz hätten, dabei haben wir schon lange aufgeschlossen.

Was sind Ihre größten Baustellen im Un­ternehmen? Woran krankt Telefónica?

Wir müssen uns intern klarer und transparenter strukturieren, um unsere Angebote für unsere Kunden schneller, einfacher und besser zu machen. Da geht es also zum Beispiel um Prozesse und Strukturen.

Das heißt Kosten sparen?

Ich möchte vor allem vereinfachen und mehr Geschwindigkeit erreichen. Die Kosten sind kein Haupttreiber, im besten Fall wird gespartes Geld woanders investiert.

Wollen Sie Stellen streichen?

Das ist zu früh, wir sind noch am Anfang der Diagnose. Wenn wir uns den Wettbewerb anschauen, dann ist die Quote, welchen Umsatz wir mit wie vielen Mitarbeitern erzielen, schon ganz gut. Wir sind der effektivste Mobilfunknetzbetreiber in Deutschland, wir bringen dieselbe Qualität mit viel weniger Frequenzen und leiten mehr Verkehr durch unser Netz als unsere Wettbewerber.