„Take the Money and Run“: Außergewöhnliches Mittelmaß

Der Mensch, er will betrogen sein. Wenn seine Verzweiflung größer ist als die Wahrheitsliebe und der Glauben stärker als das Wissen, dann helfen halt Kristalle gegen den Krebs. Dann geben einsame Herzen Liebes-Avataren Kredit. Dann schicken US-Wähler Donald Trump doppelt ins Oval Office. Dann glauben Desperados ans Perpetuum Mobile digitaler Geldvermehrung – ein Märchen, das niemand besser erzählen konnte als Ruja Ignatova.

Wie überzeugend sie dabei war, zeigt das Youtube-Video einer PR-Sause 2016 in London. 3000 britische Glücksritter jubeln der deutschen Hochstaplerin zu, als sie auf feuerspeiender Bühne das Blaue vom Himmel verspricht. Noch plastischer wird der irreale Sog bodenloser Heilsversprechen für Leichtgläubige allerdings in einer Miniserie des ZDF. Neun Jahre, nachdem Ruja Ignatova auf ihrer Flucht vor FBI und Interpol spurlos verschwunden ist, erzählt es die Geschichte der meistgesuchten Frau auf Erden.


Weil vieles an der Real-Crime-Fiktion im fantasievoll möblierten Interpretationsspielraum der Autoren Judith Angerbauer und Boris von Sychowski entsteht, ist „Take the Money and Run“ zwar eher Räuberpistole als Tatsachenbericht; dennoch sagt der Sechsteiler nicht nur im Titel einiges über seine Zeit und die handelnden Akteure aus. Nur ein gutes Jahrzehnt nach dem Platzen der Dotcom-Blase nahm damals ein Zahlungsmittel Fahrt auf, das gleichermaßen Fluch und Segen der kapitalistischen Marktwirtschaft Märkte werden würde: Bitcoin.

Die Kryptowährung bestand weder aus Papier noch Münzen, sondern Nullen und Einsen. Als digitales Zahlungsmittel jeder analogen Kontrolle entzogen, war ihre Wertbemessung jenseits staatlicher Notenbanken zwar reines Roulette; genau diese Unabhängigkeit aber gab ein libertäres Freiheitsversprechen ab, von dem auch Ruja träumte. Laut ZDF ein Leben lang – das zeigt die Serie bereits, als die Zehnjährige kurz nach dem Mauerfall mit ihrer Familie aus Bulgarien gen Schwarzwald zieht.

„Wirtschaftsflüchtlinge“, sagt ihr erwachsenes Alter Ego aus dem Off, „so nannte man das damals.“ Wie zwei der vier Ignatovas später Wirtschaftskriminelle wurden, zeichnet die Regisseurin Christiane Balthasar mit Florian Schott sechs Dreiviertelstunden streng chronologisch nach. Wenn Mama Ignatova der kleinen Ruja (Mira Atanassov) bereits beim Kampf ums bessere Bett mit ihrem Bruder „die Welt schenkt dir nichts, also nimm dir, was du kriegen kannst“ mit auf den Karrierepfad gibt, macht das Regieduo jedenfalls frühzeitig klar, wohin seine Real-Crime-Fiction geht.

Fast 15 Jahre später versucht die promovierte Juristin trotz Einser-Abi, Hochbegabten-Stipendium und Oxford-Abschluss ihr Glück im hochvolatilen Finanzsektor. Rujas Motto, das bläut uns die Serie von Abbas „Money, Money, Money“ unterlegt ständig ein, ist schließlich „reich sein“. Denn das, wieder aus dem Off, „heißt vor allem eines: nie wieder arm sein“. So kämpft sie sich von klein auf bedingungslos durchs Dickicht schlechter Startbedingungen empor. Zu dumm, dass ihr selbst ganz oben nie hoch genug erscheint.

Unterstützt von einer Reihe real existierender Komplizen wie Sebastian Greenwood (Charlie Petersson), Juri Jansen (Roeland Fernhout) und Gilbert Amenta (Mads Korsgaard), entwickelt sie deshalb OneCoin – eine betriebswirtschaftlich kühl kalkulierte Kryptowährung, die anders als Bitcoins auch Ärmere am digitalen Goldrausch beteiligen soll. Weil die Blockhain genannte Technik dahinter jedoch bald an technische Grenzen stößt, finanziert Ruja ihr anschwellendes Luxusleben mit einem Schneeballsystem namens „Multi Level Marketing“. Statt echter Werte produziert es zwar nur heiße Luft. Die aber sieht toll aus.

Mit prolligem Glamour, einer Prise Guy Ritchie und reichlich etatbedingter Improvisation errichtet die Berliner Pyjama Pictures („Die Discounter“) ein Wolkenkuckucksheim turbokapitalistischer Träume. Und Nilam Farooq gibt ihm in Gestalt der selbsternannten Kryptoqueen sogar ein plausibles Gesicht zwischen Genie und Wahnsinn. Das ZDF wäre aber kein deutsches Fernsehprogramm, würde es diese Kluft nicht mit einem Mix aus didaktischer Bevormundung, plakativer Symbolik und babylonischem Sprachquark verfüllen.

Das ständige Erklären des Sichtbaren zeugt folglich vom Misstrauen der Kreativen ins eigene Produkt. An der Uni Konstanz begrüßt die Professorin Rujas Jahrgang mit „ich freue mich, Sie im Fach Jura unterrichten zu können“ und trägt allen Ernstes Highheels im Hörsaal. Spätestens nach dem fünften von 50 Defilees koksender Porschefahrer zum Schampus-Gelage bei Ignatovas hat man die Holzhammersymbolik dekadenter Emporkömmlinge fast so satt wie ihre Nasen das Koks. Aber am schlimmsten ist das Kauderwelsch gewürfelter Idiome.


Wo Engländer und Bulgaren selbst untereinander Hannoveraner Hochdeutsch reden, garniert es ein Bandenkrimineller aus Hongkong mit einem Akzent, den sich Rujas Vater lebenslang bewahrt, während seine Frau bald wie eingeboren spricht, was ihre Tochter gar bei der Firmeneröffnung in Sofia pflegt. Schon deshalb sollte man die Serie eigentlich mit Nichtbeachtung strafen – würde sie keine so schillernde Story erzählen, die Hollywood nicht zufällig gerade mit Kate Winslet als Hauptfigur in Planung hat.

„Take the Money and Run“ dockt schließlich nicht nur an fiktionalisierter Veruntreuung von „WeCrashed“ und „Inventing Anna“ über „Die Affäre Cum-Ex“ bis zu einer ganzen Reihe WireCard-Nachstellungen à la „King of Stonks“; mit großer Geste stellt es die Selbstbehauptung einer dreifach diskriminierten Romni, Migrantin, Frau nach – auch wenn sie in der Real-Crime-Metrik Aufstieg, Ankunft, Abstieg krachend scheitert. Das letzte Kapital, in dem Figuren wie Rujas Freundin Elva (grandios: Tina Balthazar) glaubhaft die vierte Wand durchbrechen, entschädigt obendrein für vieles zuvor. Resultat: außergewöhnliche Realität plus erzählerisches Mittelmaß ergibt grundsolides Entertainment.

Alle sechs Teile stehen beim ZDF zum Abruf bereit, ZDFneo zeigt sie ab dem 11. Januar jeweils Sonntags in Doppelfolgen ab 20:15 Uhr