

Polen will bis Ende 2027 seine Ostgrenze mit einem in Europa bisher einmaligen Antidrohnensystem ausstatten. Das SAN („System Antydronowy“) genannte Programm soll mittels Radaren, Flugabwehrkanonen, mehrläufigen Maschinengewehren, Raketen sowie Störsendern einen wirksamen Schutz vor Drohnenangriffen bieten. „Dies ist ein historischer Moment“, sagte Ministerpräsident Donald Tusk am Freitag in Warschau während der Unterzeichnung des Vertrages. „Tatsächlich haben wir es heute mit einem absoluten Durchbruch in der effektiven Verteidigung der polnischen, europäischen und NATO-Ostgrenze zu tun.“ Polen stärke mit dem Projekt nicht nur seine eigene Sicherheit, sondern setze auch neue Standards für künftige Antidrohnensysteme in der NATO.
„Wir bauen das System konsequent auf und stützen unsere Entscheidungen auf umfangreiche Feldtests und Analysen von während des Krieges in der Ukraine gesammelten Erfahrungen“, sagte Polens Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz. „Dank diesen führt Polen ein modernes, mehrstufiges Abwehrsystem gegen Drohnen ein, das einen echten Schutz des Luftraums und der wichtigsten Einrichtungen des Staates gewährleistet.“ Kosiniak-Kamysz war Mitte September vergangenen Jahres kurzfristig in die Ukraine gereist, nachdem etwa zwei Dutzend russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen und größtenteils unbehelligt zum Teil bis tief ins Landesinnere gelangt waren.
Zwar waren die Drohnen nicht mit Kampfmitteln bestückt, doch sowohl die polnische Flugabwehr als auch die NATO schienen von ihrem Erscheinen völlig überrascht zu sein. Niederländische Kampfflugzeuge, die zum Schutz des NATO-Territoriums in Polen stationiert sind, schossen mit 500.000 Euro teuren Raketen mehrere Drohnen ab. Bei diesen handelte es sich den polnischen Streitkräften zufolge um Geran-Drohnen, also russische Nachbauten iranischer Shahed-Drohnen, die lediglich einige Tausend Euro je Stück kosten. Die polnische Regierung sprach von einer „Provokation“, NATO-Generalsekretär Mark Rutte bezeichnete den Vorfall als „rücksichtslos und gefährlich“.
„Ein Mittel, um auf Luftangriffe viel effektiver zu reagieren“
Die Ukraine, die in den vergangenen Jahren zwangsläufig große Erfahrungen bei der Abwehr russischer Drohnen gesammelt hat, bot umgehend ihre Hilfe an. Der Vorfall beschleunigte in Polen Planungen zur Drohnenabwehr, die der Generalstab bereits vor Jahren begonnen hatte, deren Verwirklichung jedoch an anderen Prioritäten sowie am Geld gescheitert war. So war bisher vor allem in herkömmliche Militärtechnik und weniger in elektronische Kriegsführung investiert worden. Die ersten Erfahrungen mit Drohnen hätten gezeigt, wie unzureichend Kampfflugzeuge oder Raketen seien, um Drohnen abzuschießen, sagte Tusk. „SAN ist ein Mittel, um auf Luftangriffe viel effektiver, günstiger und intelligenter zu reagieren.“
Das SAN-Programm werde das größte und modernste integrierte Antidrohnensystem Europas sein, sagte Kosiniak-Kamysz. Es beinhalte 18 Batterien zur Drohnenabwehr, 52 Feuer- sowie 18 Kommandozüge und mehr als 700 Fahrzeuge. Insgesamt stünden dafür 15 Milliarden Złoty (circa 3,6 Milliarden Euro) bereit, die zu einem Gutteil aus dem SAFE-Programm der EU stammen. Das Programm umfasst insgesamt 150 Milliarden Euro, die den Mitgliedstaaten als langfristige Kredite zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit gewährt werden. Den Aufbau übernimmt ein Konsortium aus polnischen und skandinavischen Herstellern – laut Tusk noch in diesem Jahr. Demnach soll es bis Ende 2027 fertig sein.
Das System stehe „im Einklang mit dem neuen Sicherheitskonzept der Ostsee und ist eine Antwort auf die schwerwiegendsten geostrategischen Herausforderungen an der nördlichen Flanke der NATO“, sagte Kosiniak-Kamysz. Er legte wert darauf, dass SAN integraler Bestandteil der gesamten polnischen Luftverteidigung inklusive eines Flug- und Raketenabwehrsystems sei, für die insgesamt 250 Milliarden Złoty (60 Milliarden Euro) binnen zehn Jahren zur Verfügung stehen. Dazu zählt auch der Kauf von acht amerikanischen Patriot-Flugabwehrsystemen, von denen bereits zwei im Dezember in Betrieb genommen wurden. Sie gelten als Allroundsystem gegen feindliche Flugzeuge und Raketen, sind allerdings ungeeignet und vor allem zu unwirtschaftlich, um Drohnen zu bekämpfen.
Das Programm zur Modernisierung der polnischen Luftverteidigung sei bei Weitem das teuerste, aber auch eines der wichtigsten, heißt es unter Militärkommentatoren. In wenigen Jahren könnte Polen damit über eines der weltweit modernsten Luftverteidigungssysteme verfügen. Die liberalkonservative Regierung von Ministerpräsident Tusk hat sich als Ziel gesetzt, Polens Armee bis 2035 von derzeit 230.000 auf 300.000 Soldaten auszubauen.
Schon heute besitzt Polen die größte Landarmee in der Europäischen Union. Sie ist zugleich die drittgrößte der NATO nach den USA und der Türkei. Polen hat heute die fünftgrößte Bevölkerung und die sechstgrößte Volkswirtschaft der EU und will in diesem Jahr knapp fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgeben (rund 45 Milliarden Euro). Damit liegt es an der Spitze aller EU- und NATO-Länder, gefolgt von Litauen und Estland.
