Susanne Heims Buch über die Juden-Verfolgung

Wer sich einmal in den kleinen spanischen Grenzort Portbou am nordöstlichen Rand der Pyrenäen begeben hat, um den Weg nachzuvollziehen, den Walter Benjamin im September 1940 kurz vor seinem Tod über die Berge gegangen ist, bekommt eine sehr konkrete und schmerzliche Vorstellung von der Verzweiflung und Ausweglosigkeit, der er und so viele andere auf der Flucht vor den Nationalsozialisten ausgesetzt waren.

Benjamins Geschichte wurde oft erzählt, und gerade wegen seines vermuteten Suizids ist sie besonders tragisch. Da die Einreisebestimmungen erneut geändert worden waren und die spanischen Grenzbeamten französische Ausreisepapiere verlangten, die Benjamin und seine Mitflüchtlinge nicht besaßen, sollten sie bereits am Tag nach der äußerst strapaziösen Ankunft zurück nach Frankreich geschickt werden. Das hätte jedoch bedeutet, der Gestapo ausgeliefert zu werden. Benjamin war in Portbou genau jenem System willkürlicher Regeln ausgeliefert, das über Leben und Tod entschied und so vielen auf der Flucht vor den Nazis zum Verhängnis wurde.

In ihrem Buch „Die Abschottung der Welt“ zeigt die Historikerin Susanne Heim, wie systematisch diese ausweglosen Situationen zwischen 1933 und 1945 hergestellt wurden: Flucht vor den Nationalsozialisten bedeutete, sich in ein Labyrinth widersprüchlicher Aus- und Einreisebestimmungen zu begeben, in dem Visa, Pässe und Transitpapiere kurzfristig notwendig oder ebenso plötzlich ungültig sein konnten. Jede Rückschiebung, jede falsche Formalität konnte den Tod bedeuten.

Vor verschlossenen Grenzen

Heim hat mit ihrem Buch eine umfassende Untersuchung der Flucht europäischer Juden vor dem Nationalsozialismus vorgelegt. Detailreich zeichnet sie nach, wie – so der Untertitel der nüchternen Studie – die Juden vor verschlossenen Grenzen standen. Bemerkenswert ist, dass sie die globalen Routen und Zusammenhänge berücksichtigt. Andere Arbeiten konzen­trieren sich meist auf lokale Fluchten oder einzelne Schicksale.

Heims Buch hingegen ist eine umfassende historische Untersuchung: sorgfältig dokumentiert, analytisch und zurückhaltend im Ton. Selbst wenn man weiß, wie schwer es für Juden war, irgendwo eine sichere Zuflucht zu finden, nachdem sie gedemütigt, enteignet und entrechtet worden waren, verschlägt es einem beim Lesen angesichts der Ausweglosigkeit, in die Millionen Menschen geworfen wurden, immer wieder die Sprache.

Susanne Heim: „Die Abschottung der Welt“. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933 –1945.
Susanne Heim: „Die Abschottung der Welt“. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933 –1945.Verlag

Heim zeigt deutlich, wie unerwünscht Juden und Jüdinnen weltweit waren und wie gering der Wille, sie zu retten. Den beispiellosen industriellen Massenmord haben die Deutschen erfunden und durchgeführt. Ausgeliefert waren die Flüchtlinge, von denen über 80 Prozent jüdisch waren, ihm auch deshalb, weil sie nur sehr begrenzt Schutz von der internationalen Staatengemeinschaft erhielten. Das in so konzentrierter Form zu lesen, ist erschütternd.

Die Warnungen vor Diktatur und Kriegsgefahr jener, die gleich nach Hitlers Machtantritt geflüchtet waren, fanden nur wenig Gehör. In den USA veröffentlichte Lion Feuchtwanger im März 1933 in der „Herald Tribune“ einen Artikel, in dem er Deutschland der Barbarei anklagte. Im selben Monat fanden in den Vereinigten Staaten Proteste gegen den deutschen Antisemitismus statt. Wie Susanne Heim darstellt, wurde auch die Forderung nach einem Stopp der Ausweisung von „Ostjuden“ aus Deutschland laut.

Im Herbst 1933 wurde das Hochkommissariat des Völkerbundes gegründet, um die wachsende Zahl von Flüchtlingen – politisch Verfolgte und Juden – zu betreuen, die nach der Machtübernahme der Nazis aus Deutschland flohen. Eine geordnete Flüchtlingspolitik konnte man jedoch nicht durchsetzen. „Auch das US-Außenministerium“, so Susanne Heim, „lehnte Gespräche über die Aufnahme von Flüchtlingen ab, mit dem Argument, die Flüchtlingspolitik sei eine innere Angelegenheit und könne nicht Gegenstand von Verhandlungen mit dem Hochkommissar des Völkerbundes sein.“ In Berlin meinte der US-Vizekonsul, die Sorgen, in ein Lager eingewiesen zu werden, seien übertrieben. Wer nicht gegen das Gesetz verstoße, bekomme auch keinen Ärger, und: „Wenn man den Mund halten soll, hat man kein Recht zu reden.“

Bis 1937 verließen jährlich etwa 25.000 Juden Deutschland. Doch selbst wenn sie Aufnahme fanden, erhielten sie häufig keine Arbeitserlaubnis. Antisemitische Stimmungen nahmen vielerorts zu. Jüdische Hilfsorganisationen versuchten zu helfen, unterstützten die mittellos Gewordenen und drängten immer wieder auf internationale Lösungen und Quotenregelungen.

Im Niemandsland der Juden

Nach dem Anschluss Österreichs (antijüdische Pogrome hatten begonnen, noch bevor die Wehrmacht die Grenze überschritten hatte) und der Besetzung des Sudetenlandes 1938 wurden die Juden auch dort schnell entrechtet; in Polen, Bulgarien, Jugoslawien und Rumänien waren sie zunehmendem Antisemitismus ausgesetzt. Immer wieder strandeten Flüchtlinge im Niemandsland zwischen den Grenzen, etwa an der tschechoslowakischen: Von der Gestapo aus dem Sudetenland vertrieben, durften sie nicht in die Tschechoslowakei einreisen. Die jüdische Hilfsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee schrieb, mit dem Jahr 1938 sei „ein neuer Begriff in die europäische Geographie eingeführt“ worden: „Niemandsland der Juden“.

Im Sommer 1938 befasste sich die Staatengemeinschaft erneut mit den von Verfolgung und Vertreibung Betroffenen. Auf Initiative von US-Präsident Franklin D. Roosevelt trat im französischen Évian-les-Bains eine internationale Flüchtlingskonferenz zusammen. Auch hier kam man zu keiner Lösung. Das nationalsozialistische Deutschland, gegenüber dem man äußerst zahm agierte, trieb die Staaten vor sich her. Kaum ein Land war bereit, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Der dominikanische Diktator Trujillo legte ein Aufnahmeangebot vor, um sein Image in den USA zu verbessern, das nicht das beste war, seit er seine Bevölkerung zu einem Massaker an mindestens 15.000 haitianischen Wanderarbeitern angestachelt hatte.

Die jüdischen Hilfsorganisationen durften nicht einmal als offizielle Delegierte an der Konferenz teilnehmen, sollten aber einspringen, wenn es um die Unterstützung der Entrechteten ging. „Der NS-Staat diktierte die Bedingungen, unter denen der jüdischen Minderheit, die er loswerden wollte, die Ausreise gestattet war, und versuchte daraus im wahrsten Sinne des Wortes Kapital zu schlagen“, schreibt Heim.

Ein Ort, für den man kein Visum brauchte und der deshalb für viele zum Zufluchtsort wurde, war Shanghai. Auch der spätere Direktor des Jüdischen Museums Berlin Michael Blumenthal war als Kind mit seinen Eltern nach Shanghai geflüchtet. Wie viele andere berichtete er, Shanghai sei der schlimmste Ort von allen gewesen. Unterernährung, Krankheiten und Suizide waren weit verbreitet. Dennoch gelang es manchen, sich dort eine Existenz aufzubauen, bevor sie als Juden ab 1943 schließlich auch dort ghettoisiert wurden. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges stieg die Zahl der Flüchtlinge weiter, während gleichzeitig viele Fluchtrouten plötzlich versperrt waren. Heim zufolge verließen allein im Jahr 1939 etwa 80.000 Juden Deutschland.

Hannah Arendt im Lager

In ihrem berühmten Essay „Wir Flüchtlinge“ berichtet Hannah Arendt, wie deutsche Juden in Frankreich, wohin viele von ihnen geflohen waren, plötzlich als „feindliche Ausländer“ interniert wurden: „Sieben Jahre lang spielten wir die lächerliche Rolle von Leuten, die versuchten, Franzosen zu sein, oder zumindest künftige Staatsbürger; aber bei Kriegsausbruch wurden wir trotzdem als ‚boches‘ interniert.“ Auch Arendt selbst war 1940 im südfranzösischen Lager Gurs inhaftiert.

Hannah Arendt im Jahr 1954, nach ihrer Emigration in die USA
Hannah Arendt im Jahr 1954, nach ihrer Emigration in die USApicture alliance / ASSOCIATED PRESS

Nach dem Einmarsch der Deutschen und dem Waffenstillstandsabkommen mit Vichy-Frankreich sollten die deutschen Juden und mit Juden Liierten schließlich an die Gestapo ausgeliefert werden, darunter etliche Künstler und Intellektuelle wie Anna Seghers, Heinrich Mann, Max Ernst, Siegfried Kracauer und eben Walter Benjamin. „Man hatte uns eingesperrt, weil wir Deutsche waren, jetzt ließ man uns nicht frei, weil wir Juden waren“, schrieb Arendt.

Susanne Heims Buch ist sehr wissensreich, unmöglich hier alle Fluchtrouten, Rettungsinitiativen, Einzelschicksale und Regelwerke der verschiedenen Länder darzustellen, die sie in diesem großartigen wie verstörenden Buch nachzeichnet. Die volle Absurdität dieser Geschichte zeigt sich bereits darin, dass die Juden in vielen potentiellen Aufnahmestaaten einen erheblichen Teil ihres längst beschlagnahmten oder geraubten Vermögens als Tribut entrichten sollten, um überhaupt einreisen zu dürfen.

Unzählige begaben sich auf illegale Routen, hatten keine Passierscheine und Pässe mehr, wurden an Grenzen zurückgewiesen, starben oder legten Hand an sich. Ende 1941 verbot Himmler schließlich die Auswanderung für Juden aus dem gesamten deutschen Machtbereich. Kurz darauf begannen die systematischen Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager.

Flüchtlinge, die den Seeweg wählten, erhielten häufig keine Anlege-Erlaubnis; manche Schiffe sanken, wie etwa die Struma im Jahr 1942, die mit fast 800 Flüchtlingen von Rumänien nach Palästina unterwegs war und im Schwarzen Meer torpediert wurde. Fast alle Menschen kamen ums Leben. Passagiere eines anderen Schiffes wurden von den Briten bestraft und nach Mauritius deportiert, wo sie mehrere Jahre in einem Internierungslager festgehalten wurden, bevor sie nach Palästina einwandern durften.

Keine weiteren Kosten

Auch im April 1943, als bereits Berichte über den Massenmord an den europäischen Juden vorlagen, änderte sich die Haltung der Alliierten kaum: „Auf der Bermuda-Konferenz im April 1943 spielten humanitäre Erwägungen keine Rolle mehr“, schreibt Heim. „Die Aufnahme von Flüchtlingen – so die Argumentation – würde nur die Deutschen entlasten und den Alliierten in einem ohnehin teuren Krieg weitere Kosten aufbürden.“ Eine Rettung der Juden war nicht vorgesehen.

Erst 1944 gründete die US-Regierung auf Druck von jüdischen Hilfsorganisationen, Aktivisten und Politikern das War Refugee Board, mit dem Zehntausende gerettet werden konnten. Susanne Heims hervorragendes Buch ist unverzichtbar, um zu verstehen, warum die Flucht der europäischen Juden so oft scheiterte. Zugleich erinnert es daran, dass die Geschichte der Verfolgung immer auch eine Geschichte der verweigerten Aufnahme ist.

Susanne Heim: „Die Abschottung der Welt“. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933 –1945. Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung. C.H. Beck Verlag, München 2026. 384 S., Abb., geb., 34,– €.