Superheld mit Profilneurose: So schlecht ist „Wonder Man“ bei Disney


Als Disney 2009 den Comicverlag Marvel erwarb, ging in seine Hände ein scheinbar uner­schöpf­liches Füllhorn von Stoffen über, mit denen der Konzern hofft, sich dem Publikum im dicht bestellten Streamingmarkt als unverzichtbar anzudienen. Aber der Druck ist groß, diese Geschichten möglichst originell und fürs breite Publikum zu inszenieren, zuletzt zeigten sich Er­müdungserscheinungen. Jetzt präsentiert Disney mit „Wonder Man“, basierend auf einem weniger bekannten Comic, ein Stück, das aus dem Rahmen fällt: „Wonder Man“ ist eine Buddy-Geschichte über zwei Mimen im Dschungel Hollywoods. Der eine ist der aufstrebende junge Schauspieler Simon Williams (Yahya Abdul-Mateen), dessen Sorge, dass jemand seine tatsächlichen Superkräfte entdecken könnte, seine Hoffnung auf eine Superhelden-Rolle überschattet. Der andere ist der viel ältere, aber ebenso ernsthaft seiner Kunst verschriebene Trevor Slattery (Ben Kingsley), dessen Freundschaft eine dunkle Seite birgt.

Die Adaption von Destin Daniel Cretton und Andrew Guest besticht mit Herz und überrascht mit einer intimen At­mosphäre. Sie mutet dem Zuschauer indes auch eine klischeebelastete Liebeserklärung an die Schauspielerei zu, die über die acht halbstündigen Episoden oft eher anstrengend als inspiriert wirkt. Die Selbstbezüglichkeit, mit der manche von Marvels inzwischen fast unzähligen Adaptionen, Crossovers und Fortsetzungen nerven, wird hier erneut, wenn auch in anderer Form, zum Problem.

Simon steht sich gern selbst im Weg

Simon, so ist schnell klar, ist alles andere als ein Superheld. Er ist ein normaler Typ, der sich gern selbst im Weg steht. Zwar geht er in seiner Leidenschaft für die Schauspielerei auf, aber sein Hang zum Perfektionismus kostet ihn manchen Job. Das wiederum bestätigt Vorurteile in Simons Familie, die Schauspielerei sei keine ernstzunehmende Arbeit; Simons vermeintlich verantwortungsbewusster Bruder Eric (Demetrius Grosse) klagt wütend, dass er ihre Mutter Martha (Shola Adewusi) allein unterstützen muss. Als Simon bei einem Casting den exzen­trischen und liebenswerten Trevor Slattery trifft, erkennt er endlich einen Gleichgesinnten, eine komplizierte Freundschaft beginnt.

Trevor Slattery mag manchem als der schräge Terrorist „The Mandarin“ aus „Iron Man 3“ in Erinnerung sein. Hier erpresst ihn das Department of Damage Control (DODC), das aus „Sicherheitserwägungen“ Menschen mit Sonderkräften hinter Schloss und Riegel bringt, auch wenn die sich gar nicht strafbar gemacht haben: Wenn er nicht Simon fürs DODC ausspioniert, geht es zurück in den Knast.

Simons versucht seine Kräfte vor der Öffentlichkeit vor allem deshalb verborgen zu halten, weil sie seine Karriere ruinieren könnte. Um welche Kräfte es sich handelt, bleibt nebulös. Ebenso unklar bleibt, warum „Wonder Man“ eine sati­rische Zuspitzung des Hollywood-Theaters vermeidet. Als Liebeserklärung an die Filmindustrie soll man diesen Achtteiler wohl verstehen. Aber die scheitert an ihrer Selbstverliebtheit.

Da ist die Figur des Regisseurs Von Kovak (Zlatko Burić), ein legendärer Fil­memacher mit wildem weißem Haar und osteuropäischem Akzent, der ein end­loses, improvisationsreiches Vorsprechen zu seinem Remake von „Wonder Man“ in seiner opulenten Villa veranstaltet (dem Serien-Mitschöpfer Andrew Guest zu­folge ist diese Figur von exzentrischen Regisseuren wie Werner Herzog und Krzysztof Kieślowski inspiriert). Da ist die Starreporterin Kathy Friedman (Lauren Weedman) von der „New York Times“, die ein Porträt über Simon schreiben will und als „Rufmörderin“ gefürchtet ist (ein Spiegel der Journalistenfeindlichkeit, die in Hollywood weit verbreitet ist). In einem Cameoauftritt taucht der Schauspieler Joe Pantoliano als er selbst auf und muss sich vorwerfen lassen, er habe Trevor einst eine Hauptrolle streitig gemacht (Pantoliano stellte in prägnanten Nebenrollen etwa in „The Matrix“ oder „The Sopranos“ manchen Star in den Schatten).

Man kann das einen witzigen Blick hinter den Vorhang finden – aber der ist anderswo schon mit mehr Esprit und Humor inszeniert worden. Viele Szenen wirken wie müde Klischees aus einer Industrie, die sich bekanntlich in permanenter Nabelschau ergeht. Filmschaffende, Bühnenkünstler, Cineasten mögen sich bestens unterhalten fühlen, aber viele andere dürften vergeblich auf einen Geistesblitz für eine Geschichte über einen Mann warten, der unbedingt einen Superhelden spielen will, obwohl er schon einer ist.

Was bleibt, ist die Freundschaft zwischen zwei Hollywood-Nerds, die Abdul-Mateen und Kingsley mit viel Gefühl und hin und wieder sub­tilem Witz spielen, während die Drehbuchautoren sie auf eine allzu lange Reise durch die Kulissen Hollywoods schicken. Wenn „Wonder Man“ in der letzten Episode der ersten Staffel endlich erzählerische Fahrt aufnimmt, hat man womöglich schon die Geduld verloren.

Wonder Man, ab Mittwoch bei Disney+.