Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo eine noch schrägere Idee daher. Wie sonst soll man es nennen, wenn Gummibärchen mit Nahrungsergänzungsmitteln angereichert werden? Hochverarbeitete Süßigkeiten, die haufenweise Farb- und Aromastoffe sowie viel Zucker enthalten, bekommen zusätzlich ein paar Vitamine und andere Supplemente. Hersteller versprechen schöne Haare, starke Muskeln und Vitalität durch die Mikronährstoffe aus der Tüte. Auf diese Weise wird schlecht beleumundetes Naschen zum gesunden Genuss umgedeutet.
Mittlerweile ist spezifisch die Gesundheit von Frauen das Ziel der Gummibärchen-Offensive. In Zeiten, da nicht nur Illustrierte, sondern alle Medien über das prämenstruelle Syndrom (PMS), Endometriose und Wechseljahre berichten, steht die Industrie nicht zurück. Es gibt Produkte „speziell für weibliche Bedürfnisse“, wozu angeblich besonders „Hautstraffung, Energiestoffwechsel, Stressresistenz“ gehören. Andere Hersteller werben mit „Wohlbefinden im Intimbereich“ durch die Gummibärchen, die oral eingenommen werden sollen. Es gibt „PMS-Bärchen“ mit Zugabe von Zitronenmelisse und Mönchspfeffer gegen das prämenstruelle Syndrom und natürlich Gummibärchen für die Menopause. Und klar, auch für die Libido.
Nun ist es eine bekannte Masche der Lebensmittelindustrie, Fruchtsäfte, Süßigkeiten und allerlei Convenience Food mit angeblich gesunden Zusatzstoffen zu vermarkten. Faustregel: Je stärker verarbeitet die Produkte, desto heftiger werden die Beimischungen angepriesen. Ein Nutzen ist nicht erwiesen, allenfalls gegen das schlechte Gewissen. Vor Jahren antwortete der Fußballer Horst Heldt bereits augenzwinkernd auf die Frage, woran er glaube: „An die fünf lebenswichtigen Bausteine in Nutella.“
„Dein Körper ist defizitär – aber wir haben etwas für dich.“
Für Stefan Wahlen, Ernährungssoziologe an der Uni Gießen, ist es kein Zufall, dass der Boom der Nahrungsergänzungsmittel die Frauen erfasst hat und Themen wie PMS, Zyklus, Menopause oder „Female Balance“ adressiert werden. „Auffällig ist, dass das vermeintliche Nährstoffdefizit vor allem dort ausgemacht wird, wo Körper ohnehin seit jeher als erklärungsbedürftig gelten: bei Frauen“, sagt Wahlen. „Hier wird ein biologisch völlig normaler Körper in ein dauerhaftes Projekt der Korrektur verwandelt.“ Zyklische Veränderungen, hormonelle Umstellungen oder Erschöpfung würden nicht als normale Lebensphasen verstanden, sondern als latente Mängel, die es zu beheben gelte. „Die Botschaft lautet: Dein Körper ist grundsätzlich defizitär – aber wir haben etwas für dich.“
Ernährungsexperten sind sich einig, dass gesunde Menschen keine Supplemente benötigen. „Im kulturellen Klima permanenter Selbstoptimierung wirkt die einfache Empfehlung – mehr Gemüse, regelmäßig essen, Zeit fürs Kochen – jedoch verdächtig unambitioniert“, so Wahlen. „Hochverarbeitete Supplemente versprechen hingegen Kontrolle, Optimierung und Selbstfürsorge.“ Dieses Versprechen in Form von Gummibärchen sei nur folgerichtig: „So wird Gesundheit konsumierbar, niedlich, konfliktfrei.“ Und die Menschen bekommen einen Bären aufgebunden.
