
Kaum ein Konsumprodukt ist in Deutschland so stark mit Identität aufgeladen wie das Auto. „Sag mir, wen du wählst – und ich sage dir, welches Auto du fährst“: Dieser Satz betrifft inzwischen nicht mehr nur die Wahl der Marke, sondern auch die des Antriebs – und des Herstellerlandes. Nach Angaben des Kraftfahrbundesamts waren unter den Top Ten der 2025 neu zugelassenen E-Autos fast ausschließlich Pkw von deutschen Herstellern, vornweg Modelle von VW. Nur zwei Prozent der Neuzulassungen gingen auf Modelle des chinesischen Unternehmens BYD. Besonders drastisch war der Einbruch bei Tesla: Im Vergleich zum Vorjahr wurden 48 Prozent weniger Modelle des US-amerikanischen Herstellers neu zugelassen.
Auch wenn deutsche E-Autos tendenziell teurer sind als vergleichbare Modelle der chinesischen und US-amerikanischen Konkurrenz, bleiben die Deutschen also ihren Marken treu. Der Grund dafür liegt weniger im Preis als in der politischen Haltung. Das zeigt eine neue, der ZEIT exklusiv vorliegende Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und der TU Dresden. Demnach beeinflusst die Parteipräferenz die Kaufabsicht stärker als klassische Faktoren wie Alter, Bildung oder Einkommen.
Laut der IW-Studie ist das Kaufinteresse an deutschen E-Autos unter Grünen-Sympathisanten am stärksten: Knapp 64 Prozent können sich den Kauf eines deutschen Modells vorstellen; für etwa 32 Prozent kommt ein chinesisches Modell infrage. Demgegenüber gaben rund 20 Prozent der AfD-Anhänger an, dass ein deutsches E-Auto für sie infrage käme; knapp 17 Prozent bekundeten Interesse an chinesischen Modellen. Allerdings ist das Interesse an E-Mobilität im AfD-Lager auch insgesamt geringer: Nur 12 Prozent gaben an, überhaupt ein E-Auto zu besitzen, während es im Grünen-Lager mit knapp 22 Prozent fast doppelt so viele waren.
Während die Kaufabsichten zwischen den Lagern in den meisten Fragen weit auseinandergehen, waren sich Anhänger aller politischen Parteien in Deutschland in einer Sache einig: Der Kauf eines Teslas kommt für die Mehrheit offenbar kaum mehr infrage. Mit rund 15 Prozent Tesla-Interessierten liegt der Anteil unter AfD-Sympathisanten zwar noch relativ hoch. Die IW-Forscher kommen aber zu dem Ergebnis, dass Elon Musks offene Unterstützung für die AfD der Marke keine weiteren Marktanteile unter den ohnehin E-Auto-skeptischen AfD-Anhängern gebracht habe. „Unter AfD-Anhängern ist das E-Auto genauso wie Windräder und Wärmepumpen zum Schauplatz eines Kulturkampfes geworden“, sagt Matthias Diermeier, Co-Autor der IW-Studie. Auch niedrigere Preise würden in dieser Gruppe nichts am Kaufverhalten ändern.
Politik muss bessere Rahmenbedingungen für E-Mobilität schaffen
Nach Zahlen des Kraftfahrbundesamts machten batterieelektrische Autos und Plug-in-Hybride im vergangenen Jahr 30 Prozent der Neuverkäufe aus. Will die Politik diesen Anteil steigern, müssen laut Matthias Diermeier bessere Rahmenbedingungen für Elektromobilität geschaffen werden. Das betreffe insbesondere die Ladeinfrastruktur. „Für viele Menschen, die in der Stadt wohnen, ist die umständliche Suche nach Ladesäulen eine große Hemmung“, sagt Diermeier. Dieses Problem müsse die Politik mit einer stärkeren Förderung der Ladeinfrastruktur adressieren.
Obwohl die politische Präferenz einen großen Einfluss auf die Kaufabsicht habe, spiele der Preis trotzdem eine wichtige Rolle für den tatsächlichen Kauf von deutschen E-Autos, sagt Diermeier. Insbesondere für Verbraucher, die ohnehin auf einen E-Antrieb umsteigen wollten. Im Preiskampf mit chinesischen Herstellern, die in China großzügige Subventionen erhalten, hält Diermeier deshalb auch staatliche Eingriffe für angebracht: „Solange die chinesische Regierung ihr E-Autoindustrie protegiert, ist es legitim, dass Europa Gegenmaßnahmen ergreift, um den hiesigen Herstellern dieselben Chancen zu ermöglichen.“
Vor diesem Hintergrund kann laut Diermeier die Einführung einer E-Auto-Prämie den Markt für E-Autos beleben. Wie Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) heute bekanntgab, will der Bund die Neuanschaffung von E-Autos zukünftig mit bis zu 6.000 Euro fördern. „Der Wegfall von Kaufprämien in Deutschland und in den USA hat in den letzten Jahren zu massiven Einbrüchen im Verbrauch geführt“, sagt Diermeier. Das zeige, dass Prämien wirkten und die Kaufentscheidung von Verbrauchern maßgeblich beeinflussten. „Die Regierung darf aber nicht den Gebrauchtwagenmarkt aus dem Blick verlieren“, sagt Diermeier. Hier komme die Prämie – wenn überhaupt – nur in Teilen an. Dabei sei der Gebrauchtwagenmarkt für eine Wende zur E-Mobilität zentral. „Würde die Förderung hier ansetzen, käme dies insbesondere Menschen mit niedrigeren Einkommen zugute.“
