Stromausfall in Berlin: Die Täter sind „offenkundig Linksextremisten“ – Panorama

Der große Stromausfall im Südwesten Berlins ist offenbar die Folge eines politisch motivierten Anschlags. Dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zufolge waren die Täter „offenkundig Linksextremisten“. Bislang war nur bekannt, dass es ein Bekennerschreiben gibt, das die Polizei untersucht. Dem Sender RBB zufolge stammt es von der linksextremen „Vulkangruppe“, die bereits in der Vergangenheit Brandanschläge verübt hat.

Folge des Anschlags ist ein großflächiger Stromausfall im Südwesten Berlins, der nach Angaben des Betreibers Stromnetz Berlin etwa 45 000 Haushalte und 2000 Gewerbebetriebe von der Energieversorgung abgeschnitten hatte, betroffen sind große Teile von Nikolassee, Wannsee, Zehlendorf und Lichterfelde. Etwa 7000 Haushalte und 150 Gewerbe insbesondere im Bereich Lichterfelde sind seit dem frühen Morgen immerhin wieder versorgt. Auch die vier betroffenen großen Kliniken sind jetzt wieder am Netz.

Zehntausende Haushalte in Berlin blieben am Samstagmorgen ohne Elektrizität, so wie hier in der Osdorfer Straße in Lichterfelde.
Zehntausende Haushalte in Berlin blieben am Samstagmorgen ohne Elektrizität, so wie hier in der Osdorfer Straße in Lichterfelde. (Foto: Michael Ukas/dpa)

Viele Menschen haben über Nacht Zuflucht bei Freunden, der Familie oder in einer der Notunterkünfte gesucht, die am Abend eingerichtet wurden. Im Gebiet des Stromausfalls liegen auch mehrere Pflegeheime, deren Bewohner teils in andere Einrichtungen gebracht wurden. Krankenhäuser stellten auf Notstromversorgung um. Wie viele letztlich bei dichtem Schneetreiben und Kälte in ihren oft nicht mehr beheizbaren Häusern ausharrten, war zunächst unklar. In der Nacht fuhr die Polizei mit Lautsprecherwagen durch die menschenleeren Straßen und bot Hilfe für Pflegebedürftige und Kranke an. Die Berliner Feuerwehr hat zahlreiche Anlaufpunkte für die Bevölkerung für Informationen und Hilfe eingerichtet.

Viele Schülerinnen und Schüler können morgen daheim bleiben

Der S-Bahn- und Regionalverkehr ist teilweise unterbrochen. Die S1 (Oranienburg – Wannsee)  fährt zwischen Zehlendorf und Wannsee nicht, auch die Strecke der S7 (Ahrensfelde – Potsdam) ist zwischen Charlottenburg und Potsdam Hauptbahnhof unterbrochen. Fahrgäste können einen Ersatzverkehr mit Bussen nutzen. Auch die Regionalexpress-Linien RE1 und RE7 sind betroffen.

Ehrenamtliche Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) aus allen zwölf Berliner Ortsverbänden und aus Brandenburg sind in den Bezirk Steglitz-Zehlendorf beordert worden, sagte ein Sprecher. Einige bieten Bürgern am S-Bahnhof Zehlendorf Hilfe an, etwa um jemanden anzurufen oder Handys aufzuladen. Spezialisten des THW sind im Einsatz, um die Notversorgung etwa in Seniorenheimen oder Krankenhäusern mit mobilen Stromaggregaten sicherzustellen.

Für einige Schülerinnen und Schüler verlängern sich durch den Stromausfall die Ferien. Eigentlich hätte der Unterricht am Montag wieder beginnen sollen. In den meisten betroffenen Einrichtungen dürfte es nun noch einige Tagen dauern bis zum Schulalltag. Auch die Kitas sind betroffen.

Eine Frau geht während des Stromausfalls durch den  dunklen Tunnel am Bahnhof Wannsee.
Eine Frau geht während des Stromausfalls durch den  dunklen Tunnel am Bahnhof Wannsee. (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Der Stromausfall könnte nach Einschätzung von Stromnetz Berlin für viele der Betroffenen bis kommenden Donnerstag dauern. Grund ist, dass die Verlegung von Hochspannungskabeln aufwendig ist. Nötig sei umfangreicher Tiefbau und Kabelzug. Dies werde durch das Winterwetter erschwert. In den kommenden Tagen werde zunächst ein Provisorium errichtet.

Steckt die linksextreme „Vulkangruppe“ dahinter?

Der Grund für die Störung ist der Brand einer Kabelbrücke über dem Teltowkanal in der Nähe des Kraftwerks Lichterfelde. Das Feuer wurde am Abend gelöscht. Bei dem für politische Straftaten zuständigen Staatsschutz der Polizei war ein Bekennerschreiben eingegangen. Der RBB, dem ebenfalls ein solches Schreiben vorliegt, hatte berichtet, es stamme von der „Vulkangruppe“ und enthalte Details zum Brandgeschehen. Dabei handelt es sich dem Verfassungsschutz zufolge um eine linksextremistische Gruppe, die bereits seit einigen Jahren Brandanschläge verübt.

Eine Sprecherin von Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey hatte erklärt, man gehe von einer mutwilligen Tat aus. Die sehr dicken Hochspannungskabel wären sonst kaum derart zu beschädigen.

Bewohner eines Seniorenpflegeheims werden wegen des Stromausfalls in andere Einrichtungen verlegt.
Bewohner eines Seniorenpflegeheims werden wegen des Stromausfalls in andere Einrichtungen verlegt. (Foto: Michael Ukas/dpa)

Kriminaltechniker untersuchten weiterhin das Häuschen, zu dem eine Kabelbrücke mit Stromleitungen vom Kraftwerk Lichterfelde führen, und das mutmaßlich angezündet wurde. Auch eine Drohne war im Einsatz, um aus der Luft Fotos des Tatorts und der Umgebung zu machen, wie ein Sprecher sagte. Im Internet bat die Polizei um Unterstützung aus der Bevölkerung: „Sollten Sie Hinweise zu den heutigen Kabelbränden haben oder in den frühen Morgenstunden auffällige Beobachtungen im Bereich der Bremer Straße in Lichterfelde gemacht haben, dann melden Sie sich bitte telefonisch unter 030 / 46 64 95 21 01.“

Der Bedarf an Unterkunftsplätzen wird wohl weiter steigen

Der Bezirksstadtrat Tim Richter (CDU) geht davon aus, dass der Bedarf nach Unterkunftsplätzen in den kommenden Tagen steigen werde. Jetzt seien die Wohnungen noch relativ warm, sagte Richter, aber in den kommenden Tagen würden Minusgrade in der Nacht erwartet. Dann kühlten die Wohnungen und Häuser aus, weil Heizungen nicht mehr funktionieren. Der Bezirk habe bereits am Samstag zwei Notunterkünfte aufgebaut. Weitere sollen am Sonntag folgen.

Wie eine Mitarbeiterin des Roten Kreuzes in einer Notunterkunft berichtet, würden einige Menschen nur kurz bleiben, um sich aufzuwärmen oder das Handy zu laden. Einige hätten sich auch heißes Wasser in Thermoskannen abgefüllt. Bislang sei die Auslastung gering. In der Notunterkunft bekommen die Menschen auch eine warme Mahlzeit und können duschen.

Stromausfall vergleichbar mit ähnlichem Fall im September

Die Polizei zeigte mit Hunderten Beamten verstärkt Präsenz auf den dunklen, verschneiten Straßen. An einigen Punkten errichtete sie Lichtmasten, um mehr Sicherheit und Sichtbarkeit zu schaffen. Der Stromausfall bedeutete auch, dass neben der Straßenbeleuchtung auch Alarmanlagen nicht mehr funktionierten.

Von der Dimension ist der Stromausfall nach Angaben von Stromnetz Berlin vergleichbar mit einem ähnlichen Fall im September im Südosten Berlins, als anfangs 50 000 Kunden betroffen waren. Auch damals zog sich der Stromausfall über Tage hin. Ursache damals war ein politisch motivierter Brandanschlag auf zwei Strommasten.

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