Streit um Berlinale-Chefin: Unterstützung für Tricia Tuttle

Die ungewisse Zukunft der Berlinale treibt die Filmbranche um, und nicht nur sie. Am Mittwoch hatte die Meldung, Tricia Tuttle könnte als Chefin der Berliner Filmfestspiele entlassen werden könnte, für Aufregung gesorgt. Von einer eilig einberufenen Sondersitzung der Trägergesellschaft der Berlinale ist die Rede gewesen. Die Bild-Zeitung meldete, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wolle dabei Tuttle entlassen. Viele Medien sprangen darauf an, auch die taz.

Die Meldung hat sich allerdings am Donnerstagvormittag als voreilig erwiesen. Die Sondersitzung des Aufsichtsrats fand tatsächlich statt, doch sie blieb ohne Ergebnis. Tuttle wurde nicht entlassen, es wurde aber noch nicht entschieden, ob sie im kommenden Jahr Leiterin der Berlinale bleibt.

„Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt“, ließ der Kulturstaatsminister in einer Pressemitteilung verbreiten. Doch die Debatte um die Ausrichtung der Berlinale, neben Cannes und Venedig eines der drei großen Filmfestivals weltweit, bleibt – und mit ihr die Debatte um Meinungsfreiheit und den Einfluss, den die Politik auf Kulturinstitutionen nehmen soll, kann und darf.

Noch während des Festivals musste sich Tuttle den Vorwürfen in einem offenen Brief stellen, sich an der institutionalisierten Zensur palästinensischer Stimmen zu beteiligen. Zum Abschluss der Filmfestspiele war ihr dann vorgeworfen worden, die Preisrede von Abdallah al-Khatib unkommentiert gelassen zu haben. Der syrisch-palästinensische Regisseur hatte der Bundesregierung Beteiligung am Völkermord vorgeworfen. Tuttle selbst hatte während des Festivals mehrfach die Berlinale als unabhängigen Diskursraum verteidigt.

Unterstützung von Tom Tykwer und Ilker Çatak

Mit dieser Ausrichtung stellen sich jetzt viele Player des Kulturbetriebs eindeutig hinter sie. In einem offenen Brief zur Zukunft der Berlinale, der innerhalb weniger Stunden von 700 Filmleuten unterzeichnet wurde, unter anderen von Ilker Çatak, Nicolette Krebitz, Ari Folman und Tom Tykwer, heißt es: „Gerade in Zeiten globaler Krisen brauchen wir Orte, die Widerspruch aushalten. Die Unabhängigkeit kultureller Institutionen schützt nicht nur künstlerische Freiheit, sondern die demokratische Diskursfähigkeit insgesamt. Wenn jede Kontroverse institutionelle Konsequenzen nach sich zieht, wird aus Diskurs Kontrolle.“

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) schrieb in seiner Eigenschaft als Präsident des Bühnenvereins: „Es ist fatal, dass die Zukunft von Tricia Tuttle an der Spitze der Berlinale überhaupt infrage steht. Unter ihrer souveränen Leitung standen bei der Berlinale in diesem Jahr herausragende Filme im Mittelpunkt einer Welt voller Krisen. Das Festival war deshalb nicht nur notgedrungen auch ein Ort der Kontroverse.“

Und Deniz Yücel sagte als Sprecher des PEN-Berlin: „Abdallah al-Khatibs Äußerungen sind durch die Meinungsfreiheit gedeckt – so wie es selbstverständlich auch das Tragen der Kufiya und das Zeigen der palästinensischen Flagge ist. Und nichts davon kann man Tricia Tuttle ankreiden.“

Und weiter heißt es: „Wolfram Weimer lag darin richtig, gegen die Ausladung des israelischen Dirigenten Lahav Shani und den diskutierten Ausschluss Israels vom Eurovision Song Contest zu protestieren. Wir appellieren an Herrn Weimer, auch diesmal für die richtige Seite – für die Freiheit der Kunst – Partei zu ergreifen und sich nicht zum Totengräber der Berlinale zu machen.“