Steigende Lasten: Die Lehren aus der Französischen Revolution für die Steuerpolitik

Welche Rolle spielte die Höhe der Steuern beim Sturz des Ancien Régime? Eine entscheidende, zeigt eine aktuelle Studie dreier Ökonomen. Von ihren Erkenntnissen lässt sich eine direkte Verbindung zu aktuellen Diskussionen herstellen

Jetzt auch noch Krankenversicherungsbeiträge auf Mieten und Kapitalerträge? Höhere Erbschaftssteuern? Anhebung der Tabaksteuer? Vielleicht auch noch eine Vermögenssteuer? Die tiefen Löcher in den Haushalten von Bund und Ländern und in den Sozialkassen lassen in Berlin immer neue Ideen für zusätzliche Einnahmen sprießen. Steuersenkungen gibt es allenfalls noch für Klientelgruppen mit guter Lobby wie Gastronomen. Die Masse soll mehr zahlen.

Dabei liegt die Belastung der Einkommen alleine durch Sozialabgaben heute schon bei rund 42,6 Prozent, und Prognosen von Ökonomen gehen davon aus, dass dieser Wert bis 2035 auf 50 Prozent steigen wird. Hinzu kommen noch die Steuern – sowohl direkte, wie die Einkommensteuer, als auch indirekte, wie die Mehrwertsteuer. Doch wie weit sind die Menschen bereit, das mitzugehen? Wann regt sich Widerstand, wann kommt es zu Protesten dagegen?

Eine klare Schwelle dafür lässt sich nicht bestimmen. Dass eine zu hohe Steuerbelastung jedoch zu Wut und Empörung führen kann, ja, zu Aufständen und Gewalt, das haben jetzt drei Ökonomen eindrucksvoll an einem historischen Beispiel nachgewiesen, das allen geläufig ist: der Französischen Revolution von 1789. Diese Studie kann auch als Warnung für die heutigen Verantwortlichen in der Politik verstanden werden.

Zur Erklärung, warum die Französische Revolution ausbrach, werden klassischerweise die Ideen der Aufklärung, die hohe Staatsverschuldung oder Hungerkrisen angeführt. Und die blasierte Empathielosigkeit einer abgehobenen Elite, in Worte gegossen in dem Ausspruch von Königin Marie Antoinette, wenn die Menschen kein Brot hätten, sollten sie eben Kuchen essen. Das hat sie zwar nie gesagt, dennoch endete sie drei Jahre später unter der Guillotine.

Steuerlast als entscheidender Faktor

Auch die hohe Steuerlast wird oft als Erklärung benannt, allerdings selten genauer ausgeführt. Ins Zentrum ihrer Untersuchungen rücken diesen Aspekt nun aber Tommaso Giommoni, Gabriel Loumeau und Marco Tabellini, Ökonomen an den Universitäten Neuchatel und Amsterdam sowie der Harvard Business School. Sie kommen zu dem klaren Schluss, dass die Steuerlast „ein wichtiger Treiber der Französischen Revolution war.“ Sie war also nicht nur ein Nebenaspekt, sondern ein Motor der Revolution, denn je höher die Steuerlast in einer Region war, desto radikaler waren die Menschen dort.

Das zeigen die Forscher zunächst für die Phase vor der Revolution, die Zeit zwischen 1750 und 1789. So gab es bereits damals an Orten mit besonders hoher Steuerlast mehr Unruhen als andernorts, und die Menschen dort beklagten sich auch häufiger offiziell über die fiskalische Last, festgehalten in den so genannten Cahiers de doléances, Heften, in denen Beschwerden des Volkes aufgeführt wurden.

Eine genauere Auswertung zeigt konkret: „Der Wechsel von einer Vogtei im unteren Viertel der Steuerlastverteilung zu einem im oberen Viertel […] ergibt mehr als eine Verdoppelung der Zahl der Unruhen“, so die Studie. In stark besteuerten Regionen, gab es also schon im Vorfeld der Revolution erheblich mehr Protest und Gewalt als in weniger belasteten Gegenden.

Die Autoren überprüften dabei, ob es nicht möglicherweise andere Gründe für diese Unterschiede gab, beispielsweise die Stärke der Verbreitung der Ideen der Aufklärung, die Weizenpreise, die lokale Präsenz von Aristokraten und Klerikern oder die Größe der Steuerpolizeibrigaden. Dazu verglichen sie Orte, die direkt an den Steuergrenzen lagen. Auf der einen Seite der Grenze galten hohe Steuern, auf der anderen niedrigere.

Das Ergebnis: „Wir stellen fest, dass das Überschreiten der Grenze von einer niedrig besteuerten zu einer hoch besteuerten Gemeinde die Zahl der Unruhen erhöht.“ Es war also tatsächlich die Höhe der Steuern, und nur diese, die zu den Unterschieden führte. Und diese waren gewaltig: „Das Überschreiten der Grenze erhöht die Zahl der Unruhen um 91 Prozent im Vergleich zum Stichprobenmittelwert.“

Damit steht fest: Die Höhe der Steuern hatte einen ganz unmittelbaren und deutlichen Effekt auf die Bereitschaft zu Protest und Gewalt. Dabei waren es aber vor allem indirekte Steuern, die die Stimmung anheizten. Besonders verhasst war die Salzsteuer, die sogenannte Gabelle. Sie galt als extrem ungerecht und war unterschiedlich hoch, je nach Region. „Schätzungen zufolge zahlte ein durchschnittlicher Haushalt im Hochsteuergebiet etwa 13 Prozent seines Jahreseinkommens an Salzsteuer, verglichen mit 2,5 Prozent im Niedrigsteuergebiet“, stellen die Autoren fest. Und der Steuer konnte niemand entkommen, weil Salz ein lebensnotwendiges Gut war.

Angeheizt wurde die brodelnde Stimmung dann in den 1780er-Jahren noch durch die klimatischen Extremereignisse jener Zeit, die zu schlechten Ernten und steigenden Brotpreisen führten. Dadurch verstärkten sich die Proteste noch weiter, und wieder ganz besonders in den Hochsteuergebieten. „Wir stellen fest, dass überdurchschnittlich heiße Sommer in hoch besteuerten Gemeinden zu einem stärkeren Anstieg von Unruhen führen als in ihren niedrig besteuerten Nachbargemeinden“, so die Autoren. Wer also ohnehin stark steuerlich belastet war, reagierte auf die Versorgungskrise besonders heftig.

Selbst nach der Revolution wirkte der Effekt

Doch nicht nur auf dem Weg zur Revolution förderten hohe Steuern Proteste und Rebellion. Auch während der Revolution selbst zeigte sich der Effekt, insbesondere während der so genannten „Grande peur“ (Große Angst) im Juli und August 1789. Nach dem Sturm auf die Bastille verbreiteten sich damals im ländlichen Frankreich Gerüchte über aristokratische Verschwörungen, was zu tätlichen Angriffen gegen herrschaftliche Anwesen und ihre Bewohner führte – und auch hier wirkte die Höhe der Steuern wie ein Brandbeschleuniger. „Wir stellen fest, dass steuerstarke Bezirke eher von der Panikwelle erfasst wurden, früher betroffen waren und dass dort ein größerer Anteil des Territoriums betroffen war.“

Aber selbst in den revolutionären Jahren danach wirkten die Erfahrungen mit den hohen Steuern weiter, sogar nachdem besonders verhasste Steuern wie die Salzsteuer abgeschafft worden waren. So traten in der Nationalversammlung auch nach 1789 jene Abgeordnete besonders radikal auf, die aus Regionen mit einstmals hoher Steuerbelastung kamen. „Abgeordnete aus Hochsteuerregionen thematisierten mit etwa 70 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit die Besteuerung, kritisierten mit 60 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit das Ancien Régime und verteidigten in steuerbezogenen Reden mit rund 73 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit das revolutionäre Projekt“, so das Ergebnis der statistischen Auswertung der Ökonomen. Sie haben dafür 60.000 Reden von Parlamentariern zwischen Mai 1789 und Januar 1793 analysiert.

Ganz drastisch zeigt sich das bei zwei besonders folgenreichen Beschlüssen, die schließlich den Weg in die radikale Phase und die Herrschaft der Guillotine bereiteten: der Abschaffung der Monarchie und der Hinrichtung der königlichen Familie. „Abgeordnete aus Hochsteuerregionen stimmten mit größerer Wahrscheinlichkeit für die Exekution des Königs im Januar 1793“, so die Studie. Vielleicht hätte der König also seinen Kopf retten können, wenn er es mit den Steuern nicht übertrieben hätte.

Am Schluss ziehen die Autoren eine Verbindung von den Geschehnissen im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu allgemeinen Erkenntnissen der Wirtschaftsgeschichte und kommen zu dem Schluss: „Im weiteren Sinne stehen unsere Ergebnisse im Einklang mit der Ansicht, dass ausbeuterische Steuersysteme die Legitimität untergraben und revolutionäre Umwälzungen begünstigen können.“

Mit anderen Worten: Wenn ein Staat seine Bürger stark und ungleich belastet, verliert er Vertrauen – und im schlimmsten Fall seine Stabilität. Es ist eine Erkenntnis, die auch heute gilt.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Frank Stocker ist Wirtschafts- und Finanzkorrespondent in Frankfurt. Er berichtet über Geldanlage, Finanzmärkte, Konjunktur und Zinspolitik. Zudem hat er Bücher zur Inflation von 1923 und zur Geschichte der D-Mark veröffentlicht.