Stadtführung ins eigene Gedächtnis | FAZ

Die Luft schmeckt nach Staub, er brennt im Hals, es riecht nach Beton. Tuğçe Tezer spricht von Liebe. Ausgerechnet Liebe. Mehr als vierzig Menschen sind gekommen. Junge und Alte, manche allein, andere mit Freunden oder Familie. Viele tragen Masken gegen den Staub. Sie stehen in einem großen Kreis. Umarmungen, kurzes Nicken. Erste Gespräche beginnen auf Türkisch: „Hoş geldiniz!“, „Merhaba Kemal“, „Selam Eda“.

In der Mitte steht Tezer, 40 Jahre. Wenn sie spricht, werden die anderen leise. Die Ärmel ihres Leinenhemds sind hochgekrempelt. Sie trägt festes Schuhwerk. Tezer gibt Anweisungen: Nicht zu dicht. Nicht zu weit. Nicht stehen bleiben, wo der Boden unsicher scheint. Ihre Stimme ist sanft, ihr Lachen laut.

Neunzig Minuten sind für die Tour geplant. Am Ende werden es mehr als drei Stunden sein. Zur Moschee. Zum Basar. In die Innenstadt.

Alle Teilnehmer kennen die Routen, sie sind sie dutzendmal gelaufen. Nur: Das war davor. Und für alle vierzig gibt es ein Davor und ein Danach.

Tuğçe Tezer stammt nicht aus Antakya, aber hat sich in die Stadt verliebt.
Tuğçe Tezer stammt nicht aus Antakya, aber hat sich in die Stadt verliebt.Stefanie Diemand

Das Davor ist einfach. Es stand schon in zahlreichen Reiseführern. Antakya war einst die drittwichtigste Stadt des Römischen Reiches. Rom, Alexandria, dann Antakya. Hier wurden Gläubige zum ersten Mal „Christen“ genannt. Jahrhundertelang lebten Juden, Muslime und Christen nebeneinander. Antakya war weltbekannt für seine Mosaike. Überall gab es Spuren der großen Geschichte. Über das Davor lässt sich viel erzählen. Dann kam der Moment, der alles änderte.

Im Februar 2023 erschütterte ein schweres Erdbeben die Türkei und Teile Syriens. Nach offiziellen Angaben sterben rund 60.000 Menschen, manche schätzen die Zahl noch weitaus höher. Antakya traf es am schlimmsten. Die Stadt zwischen Mittelmeer und syrischer Grenze verschwand beinahe vollständig. Fast neunzig Prozent der Häuser wurden zerstört.

Drei Jahre sind seitdem vergangen, aber Antakya ist noch immer in Trümmern. Wo einst eine Weltstadt war, ist heute Schutt. Wo eine Innenstadt war, stehen heute Betongerippe und Prestigegebäude neben Containerdörfern. Wo früher Nachbarschaften waren, fahren heute Bagger durch den Staub.

Was bleibt von Antakya nach dem Beben? Seit 2024 macht Tezer jeden Monat Stadtführungen durch die Stadt, sie nennt sie „Walkable History-Tour“, begehbare Geschichte. Die Stadtführung richtet sich nicht in erster Linie an Fremde, die einen neuen Ort erkunden wollen, sondern an Menschen, denen ihre Heimat plötzlich fremd ist. Die Touren finden regelmäßig statt und sind kostenlos, Tezer verdient damit nichts, sondern macht es aus Idealismus.

Über den Wiederaufbau wird viel gesprochen, aber das Gefühl des Verlusts bleibt.
Über den Wiederaufbau wird viel gesprochen, aber das Gefühl des Verlusts bleibt.Salih Kerimohglu

Sie selbst stammt nicht aus Antakya, ist nicht hier geboren, hat keine Verwandten in der Stadt. „Ich habe mich einfach in Antakya verliebt“, sagt sie. Eigentlich arbeitet sie als Dozentin für Stadtplanung an der Mimar-Sinan-Universität in Istanbul. Vor sechzehn Jahren kam sie für ihre Promotion das erste Mal nach Antakya. Schon damals plante sie Touren durch die historischen Gebäude der Stadt. Im April 2023 sollte es losgehen. Sie lebte zu dieser Zeit in Portugal. Am 6. Februar stieg sie in den Flieger zurück in die Türkei. An diesem Tag bebte die Erde. Als Tezer landete, existierte die Stadt, die sie zeigen wollte, nicht mehr.

„Als ich nach dem Erdbeben zum ersten Mal nach Antakya fuhr, weinte ich den ganzen Tag“, sagt sie. Danach kam sie immer wieder.

Über den Wiederaufbau werde viel gesprochen, sagt Tezer. Über das, was eine Stadt ausmacht, nicht. Über Erinnerung. Über den Alltag. Über das, was bleibt, wenn die Gebäude zerstört sind. Irgendwann, sagt sie, habe sie gemerkt, dass sie die Stadt vor dem Erdbeben vergisst. Das machte ihre Angst. „Vor dem Erdbeben wollte ich Informationen vermitteln. Nach dem Erdbeben wollte ich das Erinnern ermöglichen.“

Die Menschen im Kreis blicken Tezer erwartungsvoll an. Sie kennt viele von ihnen, sowieso kennt in Antakya jeder Tezer. Sie kommt jeden Monat mehrmals hierher. „Vor dem Erdbeben behandelten mich die Menschen wie einen Gast. Ich war die aus Istanbul. Nach dem Erdbeben ist das nicht mehr so, weil ich nicht wie viele andere die Stadt verlassen habe. Und ich denke gar nicht daran.“

Beim ersten Mal sei sie nicht sicher gewesen, ob die Menschen überhaupt bereit seien, wieder durch diese Straßen zu gehen, sagt sie in die Runde. Ob das Gehen zu viel ist. Viele haben nie psychologische Hilfe bekommen. Jetzt macht sie es zum zehnten Mal.

Eine Teilnehmerin, eine Frau im Rentenalter, sagt zu Tezer gewandt: „Als ich das erste Mal zur Tour kam, war es für mich auch schwierig.“ Viele stimmen ihr zu. „Wir lieben diese Stadt nicht grundlos“, sagt Tezer nur. Und läuft los. Die Tour beginnt. Sie läuft vorne, immer mit dem Blick nach hinten, sodass keiner verloren geht. An manchen Straßen sind Schlaglöcher, sie sind mehrere Meter tief.

Tezer sagt: „Jetzt bitte ich euch alle um etwas, während wir gehen. Stellt euch vor, als wäre das Minarett der Ulu Cami, der großen Moschee, noch da. Ihr erinnert euch doch, oder? Ich weiß, ihr erinnert euch alle.“

Die Seniorin antwortet: „Jetzt bin ich ganz gerührt.“ Die Gruppe folgt Tezer durch breite, staubige Flächen. Überall Schotter und vereinzelte Betonbrocken. Nach wenigen Minuten bleibt sie stehen. „Passt auf die Steine auf“, ruft Tezer. „Passt auf euch selbst auf“, jemand anderes. Noch ist so vieles in Antakya beschädigt, einen festen Halt gibt es nicht.

Den Bau markanter Gebäude haben andere türkische Großstädte übernommen.
Den Bau markanter Gebäude haben andere türkische Großstädte übernommen.Bradley Secker

Es geht durch eine schmale Passage, dann öffnet sich der Platz. Drum herum stehen Baucontainer und Absperrungen, dahinter ragen die Berge auf. Ein paar Bäume gibt es noch. In der Mitte steht ein rundes Brunnenbecken aus Stein, man weiß nicht, ob es halb fertig oder halb zerstört ist. Überall liegen noch Steine und Geröll. Manche stehen auf Steinbrocken, damit sie überhaupt etwas sehen können. Es ist schwer zu erahnen, dass hier einmal der Innenhof der großen Moschee war. Es ist noch schwerer zu glauben, dass hier irgendwann wieder eine Moschee stehen soll.

Wie fast alle zerstörten Gebäude soll auch die Ulu-Moschee wiederaufgebaut werden. Nach dem Erdbeben übernahmen andere Großstädte den Wiederaufbau besonders symbolischer Gebäude in Antakya. Die große Moschee bekam Bursa. Die wenige Gehminuten entfernte Moschee Habib-i Neccar ging an Konya. Konya baute schnell, die Moschee ist heute wiederaufgebaut. Die Ulu Cami noch nicht.

Einige Teilnehmer murmeln und flüstern, dass dies auch an den politischen Verhältnissen liege, andere sprechen es laut aus. Denn in Konya regiert die AKP, die Regierungspartei. Der Bürgermeister von Bursa kommt von der CHP. Lange hieß es, dass Antakya so langsam vorankomme, weil die Region jahrelang die Oppositionspartei wählte, der türkische Präsident hatte es hier schwer. Zwar ist heute ein AKP-Mitglied Bürgermeister in Antakya, jedoch erst seit Mitte 2024. Passiert sei seither nichts. „Sie warten auf die Wahlen“, sagt ein Teilnehmer. „Die nächste Regierung soll das Problem erben.“

Das Geschäft der Familie wurde vollständig zerstört

Tezer lenkt zurück zur Tour: Wer von euch hat früher im Innenhof der großen Moschee Zeit verbracht? Viele Hände gehen hoch. Eda Dinçman Sağıroğlu meldet sich als eine der Ersten. Sie trägt Jeans mit Jeansjacke, hat langes dunkles Haar. Sie lacht und spricht laut. Man sieht sie, auch in der Masse. Tezer und sie sind gute Freundinnen. Später wird Tezer sagen, dass Sağıroğlu viele Freunde und Familienmitglieder im Erdbeben verloren hat. Ihre Familie besaß eines der größten Geschäfte in Antakya, dieses wurde vollständig zerstört. Trotzdem sei Sağıroğlu noch immer diejenige, die am lautesten lache.

Sağıroğlu erzählt, dass sie jeden Morgen durch den Innenhof gegangen sei, „um Simit zu kaufen, und dann entweder zu meinem Vater, zur Nachhilfe oder mit Freunden zum Basar. Das war einfach Teil meines täglichen Lebens.“

Tezer: „Was für eine schöne Kindheit. Ihr hattet großes Glück.“

Sağıroğlu: „Sag das nicht.“

Tezer: „Du darfst nicht so denken. Heute atmen wir ein bisschen Luft.“ Hier auf dieser Seite sei der lange Basar gewesen, sagt sie und zeigt in die Richtung. Auf dieser Seite kommen wir Richtung Altstadt, und hier ging es zur Hauptstraße. Viele in der Runde nicken. Sie erinnern sich.

„All der Beton macht mich sehr traurig“

„Was gab es im Basar zu kaufen?“, fragt die Stadtführerin. Jetzt rufen die Menschen durcheinander. Schuhe, Schmuck, Messer. Es gab Hummus, Ba­klava, Künefe, Abendkleider und Brautkleider. „Hier gab es alles“, sagt Sağıroğlu zum Schluss. Die anderen nicken nur noch vehementer.

Tezer bittet die Gruppe, sich wieder etwas vorzustellen. Wie sie damals zum Basar gingen, wie chaotisch es war, wie alle Menschen ihre Einkäufe erledigten. „Dazwischen tranken wir Limonade und Tee. Es gab einen Limonadenverkäufer, die Bäckerei war direkt gegenüber“, sagt sie.

„Den Ort, an dem wir Kaffee getrunken haben, hatte ich schon ganz vergessen“, sagt Sağıroğlu. Die Gruppe geht weiter. Tezer läuft neben Kemal Arıbaş. Er ist bei fast jeder Führung dabei. Tezer nennt ihn Kemal Abi, großer Bruder. Arıbaş ist ein ernst wirkender älterer Mann. Er ist der Einzige, der heute ein Hemd trägt. Seine Haare sind ihm schon ausgefallen. Kemal lebt in der fünften Generation in Antakya.

Arıbaş blickt auf die Baustellen ringsum und sagt: „All der Beton macht mich sehr traurig.“

Tezer: „Die Menschen von Antakya werden es wieder in ihr Eigenes verwandeln.“

Arıbaş: „Man hasst Antakya und liebt es gleichzeitig. Ich bin unglaublich wütend.“

Ein Verein soll die Identität des Viertels schützen

Die Gruppe hält vor einem großen Gebäude mit Steinfassade. Hinter dem bogenförmigen Glaseingang liegt ein Innenhof mit Brunnen und Obstbäumen. Früher war es ein typisches Antakya-Haus, später wurde es zu einem kleinen Boutique-Hotel umgebaut. Im Innenhof zeigt Arıbaş auf eine Seitentür, die in ein zweites Gebäude führt. An ihr hängt ein Türklopfer. Die Christen nannten die Türklopfer die „Hand Marias“, sagt er. Die Juden hätten die Türklopfer als die „Hand der Miriam“ bezeichnet, und für die Muslime war es „Fatmas Hand“. Der Türklopfer hatte bei allen die gleiche Bedeutung: Wenn jemand damit klopft, soll es Segen ins Haus bringen und vor Bösem schützen.

Er zeigt auf zwei runde Metallringe an der Tür, einer weiter oben angebracht als der andere. In alten Zeiten wurde damit an die Tür geklopft. Je nach Ton wusste man, wer vor der Tür stand. Früher, wenn die Bewohner verreisten, banden sie ein Seil zwischen die beiden Ringe. Die Anzahl der Knoten zeigte, wie lange sie nicht zu Hause sein würden.

Tezer: „Es gab kein Schloss, oder?“

Arıbaş: „Kein Schloss. Nur Knoten.“

Irgendwann läuft die Gruppe auf der größten Straße Antakyas, der Kurtuluş Caddesi. In der Antike hieß sie Herod-Straße. Sie war die erste beleuchtete Straße der Welt. Heute haben die Menschen mehrmals täglich mit Stromausfällen zu kämpfen.

Im sogenannten Affan-Viertel stoppt die Gruppe noch einmal. Es ist das älteste Viertel der Stadt und liegt mitten im historischen Zentrum, Arıbaş spricht wieder. Seine Familie lebt seit 150 Jahren hier. Viele sagen, kaum einer kennt sich in diesem Viertel so gut aus wie er. Er hat einen Verein gegründet, um die Identität von Affan zu schützen.

Vor dem Erdbeben gab es in Affan viele verschiedene Häuser mit Innenhöfen und Gärten. Alle Nationen und Religionen, ob Araber, Türken, Aleviten oder Sunniten, Juden oder Christen, lebten hier zusammen. Es sei ein Viertel der Nachbarschaft, der Solidarität, sagt er.

„Was ist passiert?“, fragt Tezer.

Nach dem Erdbeben wurde Affan zum Risikogebiet erklärt. „Jeder von uns wurde Dutzende Kilometer weit weg verbannt. Wir wissen nicht, was aus uns wird“, sagt Arıbaş. Selbst Menschen, die noch intakte Häuser besaßen, durften nicht mehr in ihnen wohnen. Viele von ihnen mussten in Containerdörfer umsiedeln.

Nun sind einige Gebäude im Viertel neu, manche Straßen sind gepflastert. Viele der Teilnehmer glauben, dass die Regierung die gute Innenstadtlage für ihre eigenen Zwecke nutzen will. Die Einheimischen kann sie dabei nicht brauchen. „Wenn die Menschen an ihrem Ort nicht bleiben können, verlieren wir die Seele der Stadt“, sagt Tezer.

Nach mehr als drei Stunden geht die Führung zu Ende. Tezer stellt noch eine letzte Frage: „Was wollen wir eigentlich schützen?“ Diesmal gibt sie selbst die Antwort. „Was wir schützen wollen, ist nicht nur Architektur – sondern das alte Antakya selbst. Diese Straßen sind unsere Kindheit, unsere Liebe. Jeder Verlust nimmt uns etwas von unserer kollektiven Kultur. Wir müssen für unsere Erinnerungen einstehen.“

Am Ende meldet sich noch einmal die Seniorin: „Hocam“, sagt sie zu Tezer gewandt. Lehrerin – eine besonders respektvolle Anrede im Türkischen. „Nach dem Erdbeben konnte ich nicht mehr durch diese Straßen gehen.“

„Jetzt tut das Gehen gut, es fühlt sich leichter an.“