Mehrere Innenminister der Länder haben in Bezug auf Maßnahmen für die Stadionsicherheit den Druck auf DFB und DFL erhöht. Die wollen am Mittwoch den Klubs die Lage erläutern.
Die Innenminister von Nordrhein-Westfalen und Sachsen, Herbert Reul und Armin Schuster (beide CDU), erklärten in einem gemeinsamen Interview mit dem Kicker, dass in Zukunft möglicherweise Rechnungen für Polizeikosten an die Klubs geschrieben werden, wenn der Fußball nicht für mehr Sicherheit in den Stadien sorgt.
„Das sind logische Konsequenzen“
„Diesen Weg halte ich aus unterschiedlichen Gründen für falsch“, sagte Schuster, „aber der Druck auf mich angesichts des Verhaltens spezieller Fans und des Nichteingreifens des Fußballs steigt und steigt.“ Im politischen Raum gebe es immer mehr Vertreter, die dafür plädierten, „das Problem auf die Weise zu lösen, dass endlich Rechnungen geschrieben werden“. Schuster sagte außerdem: „Das sind keine Drohungen, das sind logische Konsequenzen.“ Das Bundesverfassungsgericht hatte 2025 entschieden, dass Bundesländer den Profifußball an den Mehrkosten für Polizeieinsätze bei Hochrisikospielen beteiligen dürfen.
Die beiden Innenminister Herbert Reul (Nord-Rhein-Westfalen, links) und Armin Schuster (Sachsen, rechts)
Ebenfalls im Kicker widersprach mit Philipp Türoff der Geschäftsführer des 1. FC Köln den Aussagen der beiden Innenminister. „Pauschale Drohungen mit der Umlegung von Polizeikosten oder der Verweigerung von Genehmigungen halten wir nicht für zielführend“, stellt der 49-Jährige klar und betont: „Sie stellen nachweisbar keinen wirksamen Hebel für mehr Sicherheit dar, sondern riskieren, die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Klubs und Behörden zu untergraben.“
Aber der Druck auf den Fußball wird medial erhöht. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) rief mit Blick auf das Derby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig am kommenden Freitag die Fanszenen auf, dass sie sich mit Gewalttätern in den eigenen Reihen auseinandersetzen. „Sie haben ein Problem in ihren eigenen Reihen, und das müssen sie klären“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Ansonsten müssten „Politik und Verbände eine Lösung finden“.
DFB und DFL informieren Klubs am Mittwoch – VfB fordert Nachbesserungen
Der DFB und die DFL haben nach Informationen der Sportschau alle Klubs der Bundesliga, der 2. Bundesliga, der 3. Liga, der Frauen-Bundesliga und der 2. Frauen-Bundesliga zu einer Videokonferenz am kommenden Mittwoch eingeladen. Dabei soll der Stand der Verhandlungen mit der Politik dargelegt werden. Der Termin ist nicht zufällig gewählt: Am Donnerstag und Freitag findet die Sportministerkonferenz auf Norderney statt, bei dem die Stadionsicherheit ein Thema sein wird.
Dabei geht es insbesondere um den Umgang mit Stadionverboten. Fanbündnisse haben mehrfach eine mögliche Verschärfung kritisiert. Zudem befürchten sie ein „Gießkannenprinzip“ und dass die lokalen Stadionverbotskommissionen bei den Klubs durch eine übergeordnete Instanz entmachtet werden. DFB und DFL weisen das zurück und betonen, ein einheitliches Vorgehen an allen Standorten gewährleisten und zumindest die grundsätzliche Zuständigkeit der lokalen Kommissionen erhalten zu wollen.
Es könnte eine lebhafte Diskussion werden. Der Kicker zitiert aus einem Brief des VfB Stuttgart an DFB-Präsident Bernd Neuendorf und DFL-Co-Geschäftsführer Marc Lenz. Darin mahnt VfB-Vorstandschef Alexander Wehrle „auf den letzten Metern weiterhin Bedarf für grundlegende Anpassungen“ an. Wehrle ist auch Aufsichtsratschef der DFB GmbH &Co. KG. Die finale Entscheidungsgewalt für Stadionverbote solle weiter bei den Gremien vor Ort bleiben. Auch der 1. FC Köln hatte Ende Februar auf Anfrage der Sportschau mitgeteilt, dass „Sicherheit im Stadion aus unserer Überzeugung heraus immer eine lokale Aufgabe bleibt“.
Alexander Wehrle, Vorstandschef des VfB Stuttgart
Stadionverbote
Stadionverbote sind seit Jahren ein Streitpunkt zwischen Fans, Verbänden und Politik. Sie sind keine Sanktion im Sinne des Strafrechts, sondern basieren auf dem Hausrecht des Veranstalters. Sie gelten als Präventivmaßnahme zur Verhinderung eines Fehlverhaltens. Fanbündnisse kritisieren immer wieder eine „Paralleljustiz“, bei dem eine Schuld nicht bewiesen werden muss. Viele Stadionverbote werden aus ihrer Sicht ungerechtfertigt ausgesprochen. Die Politik sieht in den Stadionverboten dagegen ein wichtiges Instrument, um Störer von den Spielen fernzuhalten. Die Polizei kritisiert regelmäßig ein zu zurückhaltendes Vorgehen bei den Klubs. Das Bundesverfassungsgericht entschied 2018, dass Stadionverbote grundsätzlich zulässig sind, sie dürften aber „nicht willkürlich“ festgesetzt werden und müssten „auf einem sachlichen Grund beruhen“.
Reul: „Stehen im Grunde wieder bei null“
Innenpolitiker hatten Ende 2024 bei einem Sicherheitsgipfel Druck auf DFB und DFL ausgeübt. Die Verbände gerieten in eine Abwehrhaltung, in Verhandlungen verhinderten sie zunächst pauschale Maßnahmen wie Kollektivstrafen, personalisierte Tickets oder reduzierte Kartenkontingente. Übrig blieb aber unter anderem als Kompromiss eine Neufassung der Stadionsverbotsrichtlinien des DFB.
Und der Komprommiss sei „auch noch weichgespült“, sagte Reul. „Da werde ich stinksauer. Und wenn die Verbände jetzt nicht in der Lage sind, zumindest das umzusetzen, sondern auf Zeit spielen, dann erhöht das nicht die Glaubwürdigkeit. Mein letzter Stand ist, dass wir im Grunde wieder bei null stehen. Der, dass die Verbände nicht mehr zu dem ausgehandelten Kompromiss stehen.“
Das DFB-Präsidium muss über eine neue Formulierung der Richtlinien entscheiden. Im Juni findet die nächste Innenministerkonferenz statt. „Wenn die Neuregelung zur nächsten Spielzeit beginnt, ist das für mich wirklich der spätestmögliche Termin“, sagte Schuster. Der DFB betonte zuletzt auf Anfrage der Sportschau, dass sich noch „kein konkreter Zeitrahmen für einen möglichen Beschluss benennen lässt“.
Lage in den Stadien grundsätzlich sicher
Die Diskussion um Sicherheit in den Stadien bleibt damit aktuell. Für ein härteres Vorgehen sprechen Fälle wie zuletzt der in Magdeburg, wo ein Mann nach Auseinandersetzungen von Magdeburger Fans mit der Polizei wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft sitzt.
Auf der anderen Seite weisen Fans, aber auch DFB und DFL immer wieder darauf hin, dass die Sicherheitslage in deutsche Stadien grundsätzlich sehr gut ist. Die Gefahr, Opfer einer Gewalttat in Stadien zu werden, ist äußerst gering. Die Zahl an Gewalttaten und der eingeleiteten Verfahren ging zuletzt laut offiziellen Zahlen der Polizei klar zurück, bei Fällen der Nutzung von Pyrotechnik gab es dagegen eine Steigerung.
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|---|---|---|---|
| Besucher | 22,8 Mio. | 24,32 Mio. | 25,26 Mio. |
| eingel. Verfahren | 5.498 | 6.179 | 4.700 |
| Verletzte | 1.176 | 1.338 | 1.107 |
| Verletzte Pyro | 92 | 114 | 95 |
