Das große Gebäude Reeperbahn 108–114, schräg gegenüber der Davidwache, beherbergt heute einen Penny-Markt. Es ist durchaus interessant, einmal vorbeizugehen. Man trifft auf ein St.-Pauli-typisches umfangreiches Alkoholikasortiment. Auf ein eher raues Publikum. Das prekäre Leben auf dem Kiez.
Wer aber „Die Wut ist ein heller Stern“ gelesen hat, kann hier noch etwas anderes suchen. Er könnte einen Hauch der Geschichte spüren wollen und einen Abglanz von dem Glamour wahrnehmen, der hier einmal geherrscht hat, so wie das Anja Kampmann in ihrem Roman beschreibt. Doch davon kaum eine Spur.
Eine Zwischendecke wurde irgendwann eingezogen und macht den einst hohen Raum niedrig. Keine Logen. Keine Kronleuchter. Nichts zu sehen von dem „Alkazar“, einer der mondänsten Varieté-Bühnen ihrer Zeit, die sich hier befand.
Die Gegenwart öffnet sich eben nicht von sich aus in die Vergangenheit. Und es gibt hier auch keine Erinnerung an Arthur Wittkowski, den Besitzer des „Alkazar“, einst eine große Nummer in Hamburg, von dem Hedda, die Ich-Erzählerin des Romans, einmal sagt, dass er sie aus ihrem armen Leben heraushob „wie einen Fisch aus einem Bottich mit schmutzigem Wasser“. Und Anja Kampmann lässt ihre Erzählerin gleich anfügen: „Nicht zum Schlachten, nicht er ist der Schlächter.“ Das sind in dem Roman seine nationalsozialistischen Gegenspieler.
Anja Kampmann: „Die Wut ist ein heller Stern“. Hanser, München 2025. 496 Seiten, 28 Euro
Schutz – bis die Nazis kamen
Anja Kampmann verklärt das historische Nachtleben auf St. Pauli keineswegs. Die Prostitution, die Abhängigkeiten, die Armut, es ist alles drin in ihrem Buch. Doch der Roman schildert es auch so, dass solche Bühnen wie das „Alkazar“ damals auch einen Schutz boten, wenigstens ein Auskommen – bis die Nazis kamen, den Laden übernahmen und, wie das meiste andere auch auf St. Pauli, unter ihre Kontrolle brachten. „Die Wut ist ein heller Stern“ ist ein ungeheuer direkt erzählter Roman darüber, wie sich gesellschaftlich Stück für Stück die Schlinge zuziehen kann.
Wir waren zum Spazierengehen verabredet, an einem dieser typischen grauen Hamburger Tage, an denen man sich freut, wenn zwischendurch gelegentlich die Sonne durch die Wolken bricht. Und natürlich mussten wir auf diesem Spaziergang am ehemaligen Standort des „Alkazar“ vorbeikommen, das geht, wenn man den Roman gelesen hat, gar nicht anders.
Wir können uns keine bessere Vergangenheit erschwindeln. Wir können nur besser damit umgehen.
Später, als ich die Schriftstellerin nach unserem Spaziergang per Mail noch um ein paar zitierbare Sätze bitte (ich habe mir beim Treffen selbst keine Notizen gemacht), wird sie zur Vergangenheit unter anderem olgendes antworten: „Manchmal ist es nicht so leicht, das auszuhalten. Aber wir können uns keine bessere Vergangenheit erschwindeln. Wir können nur besser damit umgehen.“
Was Anja Kampmann damit konkret meint, wird deutlich, als wir den Penny-Markt wieder verlassen. Aus irgendeinem Grund war ich auf Hans Albers und Helmut Käutners Film „Große Freiheit Nr. 7“ zu sprechen gekommen, der bis heute den Mythos von St. Pauli mitprägt. Da schüttelte es die Autorin, die heute in Leipzig lebt, aber in Hamburg geboren wurde, richtiggehend durch.
Das sei doch Seemannskitsch, der mit der verruchten Seite von St. Pauli kokettiere, sagt sie. Und weiter: „All das entstand zu einer Zeit, in der man schon ordentlich ausgemistet hatte – die alten unliebsamen Betreiber der Etablissements wie Arthur Wittkoswki waren abgesetzt, hunderte ‚Rote‘ waren in KZs wie Fuhlsbüttel oder später Neuengamme erschlagen worden, Prostituierte waren zwangssterilisiert worden – und in dieser Kulisse singt dann Hans Albers 1944 Seemannslieder, die vom wilden und freien Leben erzählen.“
Der Kitsch wurde hart erkauft
Besser mit der Vergangenheit umgehen, das ist ein Thema, das in dem Roman implizit immer mitschwingt. Anja Kampmann hat ja recht. Es ist keineswegs nur so, dass die Geschichten rund um die Übernahme St. Paulis durch die Nazis, die irgendwann, wie es im Roman heißt, mit dem „Rasselineal“ kamen, allmählich mit der Zeit verblasst sind. Sie wurden übermalt, verdeckt durch Gegengeschichten, die bis heute wirksam sind. „Und dieser seichte Kitsch wurde hart erkauft – diejenigen, die die andere Seite hätten erzählen können, hatten keine Stimme. Und sie hatten sie auch in den folgenden Jahrzehnten nicht“, sagt Anja Kampmann.
An der U-Bahn-Station Baumwall hatte unser Spaziergang begonnen. Wir hatten uns vorher noch nie getroffen. Ich war aber neugierig gewesen: Was ist das für eine Autorin, die sich so handfest in ihre Figuren hineindenken kann? Erst mal etwas Smalltalk. Die Schiffe. Der weite Blick die Elbe herunter. Die Elbphilharmonie. Mag Anja Kampmann es, hier am Wasser entlangzulaufen?
„Yes, I love it“, sagt sie, „am Wasser mischen sich natürlich viele Bilder. Aus den Recherchen kenne ich unglaublich viele Fotos davon, wie es früher aussah, und ich hab noch die Stimme meiner Großmutter im Ohr; das Staunen meines Urgroßvaters, der Kapitän war, über die neuen großen Dampfschiffe. Und dann steht man heute da, und es kommen die Supertanker eingefahren – es ist faszinierend. Vielleicht ist es bei mir so wie bei einem stark belichteten Bild, ich sehe viel Licht und auch sehr dunkle Schatten.“
Die historischen Recherchen für ihren Roman, die sie hier anspricht, müssen sehr intensiv gewesen sein. Auf dem Spaziergang zeigt sie immer mal wieder irgendwohin und erklärt, wie es früher hier aussah. Das Gängeviertel, Arme-Leute-Gegend, ungeheuer eng und dicht bewohnt, „Klein Moskau“. Die Fleete, früher voller Boote, Kähne und Schuten. Auf einem dieser Boote lässt Anja Kampmann in ihrem Roman sich Arthur Wittkowski verstecken, mitsamt seinen sogenannten Finken, einer Männerbande, die so etwas wie seine Leibwache gewesen ist.
Randvoll mit Geschichten
Außerdem hat sie den Stimmen der im Nationalsozialismus im Zuge seiner „Rassenhygiene“ zwangssterilisierten Frauen sorgfältig zugehört. Im Rahmen von Oral-History-Projekten sind solche Erzählungen inzwischen gesammelt worden. Käthe Petersen dagegen, die im Hamburg der NS-Zeit diese Zwangssterilisierungen organisierte, wurde, wie Anja Kampmann im Nachwort ihres Romans vermerkt, nie angeklagt. Im Gegenteil, sie leitete auch nach dem Krieg das Hamburger Landesfürsorgeamt. 1973 erhielt sie das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
Randvoll mit solchen Geschichten, teils empörend, teils tragisch, teils auch skurril und lustig, ist dieser Roman, in dem Anja Kampmann ihre Erzählerin Hedda alle möglichen Emotionen stets glaubwürdig durchlaufen lässt.
Da sind die beiden Kaimane Eddy und Fred, über deren Mäulern Hedda auf der Bühne des „Alkazar“ ihre Seilakrobatik vorführt. Da sind der Boxer, der von den Nazis gefoltert und ermordet wird, und der traurige jüdische Trompeter. Da ist das NS-Polo-Team, das bei den Olympischen Spielen 1936 antritt und alle Spiele verliert. Da ist die Geschichte des Walfangschiffs, das Göring von Hamburg aus in die Antarktis schickt, um im Rahmen eines Fünfjahresplanes die „Fettlücke“ des Reiches zu schließen. Und, und, und.
Wie kam Anja Kampmann zu all diesen Geschichten? Sie erzählt: „Bei den Recherchen entwickelt man, glaube ich, eine besondere Aufmerksamkeit. Die Geschichte von Kuddel, dem Boxer, war eine Randnotiz in einem Artikel über Arbeitersport. Die Kaimane begegneten mir, als ich über Zirkus im ‚Dritten Reich‘ recherchierte. Der Walfang ist in sich unglaublich, weil er so viel erzählt über die Ideologie des ‚Dritten Reichs‘, das perfekte Töten, die Ingenieurskunst, das Großmachtsstreben. Wenn man sich mit der Zeit beschäftigt, dann kommen einem so Notizen unter, die man nicht zuordnen kann. Göring und die Fettlücke, so etwas kann man sich gar nicht ausdenken!“
Hat sie Notizbücher, in denen sie das alles sammelt? „Ich würde sagen, ich habe eher einen emotionalen Speicher für solche Geschichten, sie gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, ich kehre zu ihnen zurück.“
Was auf dem Spiel steht
So geht der Spaziergang voran. Landungsbrücken, Michel, Reeperbahn, an der Hafenstraße vorbei wieder zur Elbe runter. Es ist dann noch beeindruckend, wie Anja Kampmann über ihre Erzählerinnenfigur spricht. Hatte sie diese Stimme irgendwann im Ohr, wird sie bleiben?
In ihren Mailantworten schreibt die Autorin: „Ach, Hedda. Ja, schwer vorstellbar, dass ich ihre Stimme wieder verliere. Das Schöne war, dass ich mit ihr erzählerisch so beweglich sein konnte – die Ironie, die Wut und auch das Zärtliche in der Stimme, obwohl sie sich nach außen oft verstecken muss. Es klingt vielleicht komisch, aber es ist wie eine Freundschaft, die man geschlossen hat. Dafür bin ich sehr dankbar, das ist für mich ein großes Geschenk.“
Jetzt gerade wünsche ich mir, dass wir mehr über unsere Träume sprechen, uns davon erzählen, wie unsere Gesellschaft gelingen kann.
Am Schluss setzen wir uns noch in ein etwas seltsames Café am Hafenrand und reden über das Leipziger Literaturhaus, dessen Finanzierung die dortige Kulturpolitik lange in der Luft hängen ließ – Kampmann: „Was für ein Signal! In Zeiten, in denen Populisten mit ihrer Schwarzweißmalerei groß werden, überlegt man, ausgerechnet an dem Ort zu sparen, an dem Stimmen zusammenkommen, die das genaueste Instrumentarium haben, um unsere Welt zu beschreiben.“
Und wir reden über das weite Feld des Verhältnisses von Literatur zu den Entwicklungen der Gegenwart. In ihrer Antwort spürt man, wie ernst es Anja Kampmann mit dem Schreiben ist: „Wir müssen erzählen, von uns, von dem, was auf dem Spiel steht. Man darf sich nicht gewöhnen an diesen medialen Brei, in dem niemand wirklich gemeint ist. Wenn ein politisches System umbricht, dann ist das nicht abstrakt – das Vertrauen, der Zusammenhalt, all das ging ab 1933 in Windeseile flöten. Jetzt gerade wünsche ich mir, dass wir mehr über unsere Träume sprechen, uns davon erzählen, wie unsere Gesellschaft gelingen kann, und auch davon, was wir nicht einfach aufgeben.“
So öffnet sich die Vergangenheit in diesem Roman zur Gegenwart hin.
