St. Pauli gegen den HSV: Ein Fußballspiel unter dem Gefrierpunkt – Sport

So viele Missgeschicke, so wenig Inspiration: In der ersten Hälfte schoben sich etwa der Hamburger Torwart Daniel Heuer Fernandes und Luka Vuskovic permanent den Ball zu. Nimm du ihn, ich hab ihn sicher – selten war der Spruch so wahr, allerdings wurde die Sicherheit durch geradezu aufreizende Passivität des Gegners gewährleistet. Und der war wahrlich nicht besser drauf. St. Paulis Verteidiger Hauke Wahl, genervt von mangelnden Freilaufbestrebungen seiner Teamkollegen, behandelte den Ball wie ein genervter Familienvater ein quengelndes Kind – Hauptsache weg, ganz gleich ob auf die Tribüne oder zu den Schwiegereltern.

Die wohl exemplarischste Szene dieses Hamburger Stadtderbys stellte jedoch freundlicherweise der HSV-Stürmer Rayan Philippe bereit. Mitte der zweiten Hälfte hatte der Franzose auf einmal viel Raum vor sich, drei Hamburger gegen drei St. Paulianer, Philippe dribbelte mit Tempo aufs gegnerische Tor zu, blickte nach oben … und machte daraufhin irgendwas mit seinem Außenrist, das ursprünglich wohl mal ein Pass auf einen mitgeeilten Mitspieler werden sollte, jedoch als schwer anzusehender Betriebsunfall in den Händen des Torwarts Nikola Vasilj landete.

Selten hatte ein Fußballspiel ein Tor weniger verdient gehabt. Selten sind Erwartungen an einen launigen Fußballabend eindrucksvoller konterkariert worden. Bei dem, was die rund 29 000 Zuschauer am Freitag im Millerntorstadion zu sehen bekamen, dürfte es sich um einen ernstzunehmenden Anwärter für eines der nulligsten Nullnull der Bundesligageschichte handeln. Bei klirrender Kälte bekamen sie ein Fußballspiel weit unter dem Gefrierpunkt präsentiert. Aufgrund der Dauerzündelei auf den Rängen gefror sogar die Anzeigetafel mit dem Hinweis: „Das Abbrennen von Pyrotechnik ist hier im Stadion verboten.“ Die Angabe der Spieldauer musste deswegen weichen.

Und die Zuschauer verloren sich in diesem Stakkato aus Nichtereignissen, Ausnahmen gab es kaum: Ganz nett anzusehen war, wie sich Hamburgs Fabio Vieira in einer der zahlreichen Spielunterbrechungen den Ball mit St. Pauli-Spielern hin- und herpasste, auch der Japaner Joel Chima Fujita solidarisierte sich zum Zwecke des Warmhaltens mit Spielern des Stadtrivalen. Hamburgs Damien Downs hätte eine gute Torchance gehabt, wenn eine Abseitsstellung dies nicht verhindert hätte. Zudem konnte ein Kopfball von Vuskovic vermeldet werden. Auch die Kiezkicker schossen in Person von Arkadiusz Pyrka und Danel Sinani in der Schlussviertelstunde tatsächlich mal ordentlich aufs gegnerische Tor. Und dann war’s (endlich?) vorbei.

Immerhin, die Beteiligten waren sich ihrer Schuld bewusst. „Von dem Spiel brauch’ ich jetzt kein Lehrvideo machen“, sagte St. Paulis Coach Alexander Blessin: „Wir haben die Bälle teilweise in Gebiete gespielt, wo es dann auch sinnlos teilweise ist.“ HSV-Trainer Merlin Polzin sprach von einem „Derby, das sicher nicht lang in Erinnerung bleiben wird.“ Eine wirkliche Hilfe stellt dieses Remis jedenfalls für keines der beiden Teams dar. Der HSV verpasste die Gelegenheit, etwas mehr Sicherheitsabstand zu den Abstiegsrängen herzustellen. St. Pauli könnte, je nachdem, wie Heidenheim und Mainz spielen, erneut auf den letzten Tabellenplatz zurückfallen.

Immerhin: Ein neuer Geschwindigkeitsrekord in dieser Bundesligasaison konnte vermeldet werden

Beide Teams können einige Dinge gut, aber sie weisen jeweils auch sehr spezifische Schwächen auf. Von Freitag abgesehen kombiniert der HSV nicht selten ansehnlich nach vorn, sogar bis in jene Zone, in der sich die eigenen Stürmer herumtreiben. Dort versiegen die Angriffe dann jedoch in unschöner Regelmäßigkeit: Damien Downs, vor zwei Wochen aus Southampton geliehen, liefert noch keine Anhaltspunkte, warum er das Hamburger Torproblem lösen könnte. Beim stets überforderten Ransford Königsdörffer dürfte die Hoffnungen darauf längst versiegt sein. Als die beiden Mitte der zweiten Hälfte ausgewechselt worden waren, wurde deutlich, warum Coach Polzin trotzdem auf sie setzt. Oder besser: Auf sie setzen muss. Die eingewechselten Robert Glatzel, Jean-Luc Dompé und Rayan Philippe stellten daraufhin in einem zweifelhaften Gemeinschaftswerk jegliches Anlaufen der gegnerischen Abwehrkette ein. Ohne Pressing ist Erstliganiveau nun mal nicht zu gewährleisten. Gemeinsam mit Heidenheim hat der HSV die zweitwenigsten Tore geschossen, schlechter ist da nur, ja, genau: der FC St. Pauli. Der Lichtblick im Angriff der Kiezkicker hörte auf den (wirklich fantastischen) Namen Ricky-Jade Jones, der Engländer raste im Derby mit 36,1 Km/h über den Rasen, Saisonrekord in der Bundesliga. Coach Blessin erwähnte am Freitag jedoch nochmal ausdrücklich, dass es – abgesehen vom rasanten Über-den-Platz-sausen – schon noch Dinge gebe, in denen er Verbesserungspotenzial erkenne.

Luka Vuskovic mit einer Borschaft an die St-Pauli-Fans.
Luka Vuskovic mit einer Borschaft an die St-Pauli-Fans. (Foto: Ibrahim Ot/AFP)

Wenigstens eine Kontroverse brachte dieses sedierende Derby hervor, wenngleich diese keiner gebraucht hätte. Nach Schlusspfiff kam es offenbar zu Beleidigungen von St. Paulis Fans gegen Mario Vuskovic, den Bruder des Hamburger Verteidigertalents Luka. Und der ist bei diesem Thema selten zu Scherzen aufgelegt. In der Spielerkabine soll sich zudem ein verbales Scharmützel zwischen Vuskovic und St. Paulis Verteidiger Karol Mets sowie Co-Trainer Peter Nemeth zugetragen haben. Zuvor war Vuskovic wutschnaubend und mit der typischen „Pssst!“-Geste vom Rasen gestapft. „Ich weiß nicht, was sich die Fans von St. Pauli denken“, sagte der Kroate bei Sky: „Das ist respektlos, meine Familie und meinen Bruder anzugreifen. Ich habe nichts Gutes über diese Fans zu sagen.“ Über dieses Hamburger Stadtderby Derby hat hinterher übrigens auch sonst keiner ein gutes Wort verloren.