Sportler gegen DAV: Wer verbreitet Angst im Skibergsteigen?

Der Deutsche Alpenverein (DAV) hat drei Skibergsteigern die Startmöglichkeit für internationale Wettbewerbe entzogen. Das habe das Präsidium einstimmig beschlossen, teilte der Verband am Mittwoch mit. Er begründete seinen Schritt mit dem Hinweis, dass „aus dem Team und dem Kaderumfeld negative Auswirkungen auf die sportliche und zwischenmenschliche Situation des Teams befürchtet würden“.

Der Verband zitiert aus einem Schreiben einer von ihm beauftragten Kanzlei, mit der er einen Vertrag als „unabhängige externe Anlaufstelle“ abgeschlossen hat. Demnach „herrsche (…) teils gar eine Angstatmosphäre, (…) die auf das Verhalten der Vorwürfe erhebenden Personen zurückgehe“. Unter anderem wird den drei Athleten, die über fast zwei Jahre Missstände im Verband angesprochen hatten, vorgeworfen, sie hätten minderjährige Nachwuchssportler in ihrem Sinne zu beeinflussen versucht, und die gegenwärtigen Kaderathleten fürchteten, dass „jedes Gespräch aufgezeichnet, jede Kommunikation (…) selektiv (und teils sinnentstellt) an die Presse weitergegeben werde“. Die Juristen der Kanzlei kommen laut DAV zu dem Schluss, „selbst eher resilient eingeschätzte“ Athleten seien aufgrund des Verhaltens der „Vorwürfe erhebenden Personen sowie der medialen Berichterstattung auf psychischer Ebene sichtbar angeschlagen“.

„Wir sind fassungslos“

Hintergrund der Auseinandersetzung ist eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Traunstein wegen des Verdachts unter anderem der Körperverletzung und Nötigung in Zusammenhang mit einer Studie, an der Athleten des DAV teilnahmen. Bei der Blutabnahme soll massiv gegen die Hygienevorschriften verstoßen worden sein. Ein vom DAV in Auftrag gegebenes Gutachten einer Kanzlei bestätigte den Eindruck der kritischen Skibergläufer, zu denen Sophia Weßling und Felix Gramelsberger gehören. Sie fühlten sich im Zuge der Aufarbeitung allerdings mehr und mehr von der Förderung in der Leistungssportabteilung ausgeschlossen und führten dazu Indizien und Aussagen an.

Auch die Gutachter erkannten Anzeichen für unsachliche Entscheidungen zum Nachteil der Kläger. Weil eine Einigung scheiterte, wandten sie sich nach fast zwei Jahren interner Auseinandersetzungen an die ARD, die einen Beitrag während der Winterspiele veröffentlichte. Kritik erfuhren sie wegen des Zeitpunktes.

Von den vom DAV verbreiteten Vorwürfen erfuhren Felix Gremelsberger und Sophia Weßling am Mittwochmorgen aus der Darstellung auf dessen Homepage. „Wir sind fassungslos“, sagte Felix Gramelsberger auf die Frage der F.A.Z., ob denn der Verband die Gruppe um eine Stellungnahme gebeten habe vor der Veröffentlichung der Vorwürfe: „Nein.“ Der DAV bestätigte diese Darstellung: Die Athleten hätten kein Interesse an einer Mediation signalisiert. Gramelsberger und Weßling widersprachen auf Nachfrage: „Es hat nur ein Mediationsangebot zu den Benachteiligungen gegeben, die wir erfahren und immer wieder angesprochen haben.“

Felix Gramelsberger: „Wir sind fassungslos.“
Felix Gramelsberger: „Wir sind fassungslos.“Picture Alliance

Gramelsberger und Weßling war am Mittwochmorgen ein Beschluss des DAV-Präsidiums zugestellt worden. Darin ist von einer „vorläufigen Neuordnung der Wettkampf- und Trainingsmaßnahmenteilnahme“ die Rede, die zum Ausschluss der angesprochenen Spitzensportler von allen internationalen Rennen und Trainingsmaßnahmen im DAV führt. Noch am 9. März hatte Bundestrainer Andres Eder geschrieben, sie seien zwar nicht nominiert: „Ihr könnt aber am WC (Weltcup in Martell/d. Red.) natürlich teilnehmen.“ Sie sollten ihm Bescheid geben, bei welchen Rennen sie starten möchten. Er werde sie dazu anmelden.

Sein Nachsatz schildert die räumliche Distanz zum Tross: „Um Unterkünfte und Anreise für die WC (sic) müsst ihr euch bitte selber kümmern.“ Das ist nichts Neues. Felix Gramelsberger und Sophia Weßling schilderten der F.A.Z., dass sie seit fast einem Jahr weder die jeweils vom DAV organisierte Unterkunft für dessen Nationalteam geteilt hätten noch etwa im Teambus mitgefahren seien. „Wir treffen die anderen an der Startlinie“, sagte Sophia Weßling, „das war’s.“

Stierle: „Am Ende werdet ihr dann sowieso nicht Recht bekommen“

Dass im Team „konkrete Angst herrscht vor den Athleten“, wie der DAV unter Berufung auf die Kanzlei der F.A.Z. schrieb, halten sie für eine Umkehrung der Tatsachen. Ihre Wahrnehmung sei diese: „Andere deutsche Sportler reden nur mit uns, wenn Betreuer nicht hinsehen.“ Mit dem Beschluss des DAV-Präsidiums ist die Saison – es stehen noch drei Weltcup-Rennen auf dem Programm – für die drei beendet. Mit einer Teilnahme hätten sie noch Chancen gehabt, ihren Kaderstatus zu verbessern und auf die Förderung etwa durch die Bundeswehr Einfluss zu nehmen.

Der DAV deutete an, zu seinem Bedauern keine Wahl gehabt zu haben: „Die Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen“, behauptet DAV-Präsident Roland Stierle in einem vom Verband überlieferten Zitat: „[…] Leistungssport braucht ein Umfeld, in dem Vertrauen und Zusammenarbeit möglich sind.“ Die „Maßnahme“, heißt es in der Erklärung für die Öffentlichkeit, sei keine Reaktion auf die ursprünglichen Hinweise dieser drei Athletinnen und Athleten: „Hinweisgeber sollen und können sich auch künftig ohne Sorge vor Repressalien äußern.“ Gramelsberger und Weßling fragten sich am Mittwoch halblaut, ob nicht gerade das Gegenteil vorgeführt werde. Sie fühlen sich erinnert an ein paar für sie bedrohlich klingende Sätze, die DAV-Präsident Stierle ihnen in einem gescheiterten Klärungsgespräch im Dezember zuwarf.

Stierle legt gegenüber der F.A.Z. Wert darauf, dass seine Worte stets im Kontext mit seiner Sicht zitiert werden, immer auf eine gütliche Einigung hingearbeitet zu haben, „mit der alle zufrieden sind“ und dass ein Miteinander für alle besser sei als ein Gegeneinander. Er gab Gramelsberger und Weßling dies mit auf den Weg: „Wenn ihr euch nicht auf eine Einigung einlasst, dann könnt ihr jahrelang klagen. Das wird ein ewiger Prozess. Am Ende werdet ihr dann sowieso nicht Recht bekommen, und bis dahin werdet ihr in Deutschland sowieso nie wieder Leistungssport machen.“