Frauen war der Zugang zu Sport lange verwehrt. Gleichzeitig nutzten Feministinnen ihn, um für Gleichberechtigung zu streiten. Ein ambivalentes Verhältnis, das bis heute andauert.
Wenn die Beachvolleyballerin Karla Borger an ihre ersten großen Turniere denkt, kommen ihr nicht nur positive Erinnerungen in den Sinn. Bei einem Finale wurde ihr und ihrer Partnerin gesagt: „Das Fernsehen ist da, wäre schon nett, wenn ihr im Bikini spielen würdet.“ Das ist mittlerweile 17 Jahre her. Inzwischen hat sich die Situation für Frauen im Beachvolleyball verbessert. Sie dürfen selbst entscheiden, wie knapp oder lang ihre Arbeitskleidung sein soll.
Feministische Errungenschaften wie diese haben im Sport Tradition. Bevor sie sich für Gleichberechtigung einsetzen konnten, mussten sich Frauen allerdings erstmal überhaupt den Zugang zu Sport erkämpfen. Dafür machten sie sich in der sogenannten ersten Welle der Frauenbewegung stark, also etwa um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, sagt Petra Sturm, Journalistin und Autorin des Buchs „Feminismus und Sport“.
Kampf um Bewegungsfreiheit
„Es gab den Mythos vom schwachen Geschlecht, und biologistische Argumentationen gegen die Sportausübung von Frauen“, so Sturm. Ein gängiges Narrativ in dieser Zeit sei zum Beispiel gewesen, dass Frauen aufgrund ihrer Gebärfähigkeit nicht in der Lage seien, Sport zu treiben. „In dieser Phase war der Kampf um Bewegungsfreiheit somit ein sprichwörtlicher.“
Sinnbildlich dafür steht das Fahrradfahren. Die ersten Frauen auf Rädern brachen mit gesellschaftlichen Konventionen, die sie an Haus und Herd banden. Statt Korsett zogen sie sich Hosen an, um Rad fahren zu können. Das Fahrrad wurde zum Symbol für Selbstbestimmung.
Und auch die Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts das Wahlrecht in England erkämpften, nutzten Sport für ihre Zwecke, so Sturm: „Die Sufragetten haben Jiu-Jitsu, also Selbstverteidigung trainiert. Mit dem Training wollten sie auch für Kämpfe um Gleichberechtigung fit werden.“
Nachholbedarf in Politik und Wissenschaft
Mittlerweile dürfen Frauen in Europa wählen. Und, zumindest formal, steht ihnen auch jede Sportart offen. Aber Sexismus im Sport gibt es immer noch. Eine Befragung des SWR unter 300 Spitzensportlerinnen aus dem letzten Jahr hat gezeigt: Jede dritte Athletin hat das Gefühl, dass ihr Aussehen maßgeblich über ihren Erfolg entscheidet. Außerdem hatte fast jede dritte Umfrageteilnehmerin sexualisierte Übergriffe im Sport erlebt.
Karla Borger kritisiert zudem, dass noch immer Strukturen fehlen, damit Frauen Familie und Spitzensport vereinen können. Und auch die sportmedizinische Betreuung müsse sich für Frauen noch verbessern, trainingswissenschaftliche Forschung hätte nämlich nach wie vor den männlichen Körper als Norm.
Erstrittene Erfolge
In ihrer Zeit als Präsidentin der unabhängigen Athletenvertretung „Athleten Deutschland“ hat sich Borger gemeinsam mit der Organisation deshalb dafür eingesetzt, dass diese Themen mehr Aufmerksamkeit bekommen. Die Arbeit zeige bereits erste Erfolge, so Borger. Beispielsweise habe die Bundesregierung durch das Engagement von „Athleten Deutschland“ das Thema Mutterschutz im Spitzensport in den Koalitionsvertrag aufgenommen.
Eine Veränderung zeige sich auch bei der jährlichen medizinischen Untersuchung zur Sporttauglichkeit, so Borger. Früher, sei dort etwa das Thema Menstruation, kaum zur Sprache gekommen. „Mittlerweile wird mehr nach dem Zyklus gefragt und auch die Ernährung wird thematisiert. Auch, um präventiv Mangelernährung entgegenzuwirken.“
Selbstorganisierung hilft
Das zeige, so die Beachvolleyballerin, dass sich Sportlerinnen organisieren und für ihre Ziele selbst einstehen sollten. Auch Kleidervorschriften, ob im Beachvolleyball oder im Turnen, haben sich letztlich nur deshalb geändert, weil sich Athletinnen dafür stark gemacht haben.
Autorin Petra Sturm resümiert auch mit Blick auf die Geschichte, dass feministische Fortschritte im Sport stets erstritten wurden. Zuletzt zum Beispiel im Zuge der Me Too-Bewegung, seit der Fälle von sexualisiertem Missbrauch endlich auch zunehmend im Sport benannt und geahndet werden. „Es war ein langer Kampf, aber letztlich zeigen solche Bewegungen, dass es eine Wirkung hat, zu intervenieren, dass man etwas ändern kann. Das heißt aber auch, dass man stetig weiterkämpfen muss“, sagt Sturm.
Körpergerechte Trainingspläne, Hypersexualisierung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf – die Liste der Baustellen im Sport mit Blick auf Gleichbehandlung aller Geschlechter ist lang. Aber die Liste der Erfolge inzwischen ebenfalls.
