Eigentlich denkt man sich, das kann doch nur schiefgehen: Ein US-Amerikaner schickt sich an, die Entstehung eines der legendärsten Filme der „Nouvelle Vague“, Jean-Luc Godards „Außer Atem“ („A bout de souffle“) zu reinszenieren. Und das nicht etwa im True-Crime-Format mit Voice-over, Zeitzeugen-Interviewschnipseln und Archivmaterial, sondern als Spielfilm, mit jungen, größtenteils unbekannten Schauspielern von heute, die in die Rollen von so legendären Gestalten wie Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg und Jean-Luc Godard himself schlüpfen sollen.
Dass es Richard Linklater ist, der sich an dieses Projekt wagt, weckt dann aber erst recht das Interesse. Zum einen, weil man weiß, dass Linklater eine gewisse Affinität zu Europa verspürt, wie seine „Before“-Trilogie (1995, 2004, 2013) verrät, deren Teile in Wien, Paris und einem griechischen Küstenstädtchen angesiedelt waren. Zum andern, weil er zu jenen amerikanischen Indie-Regisseuren gehört, die Neues probieren, Tonlagen wechseln und dabei ziemlich stur an der Mode vorbei eigenen Interessen nachgehen.
In Genres wie Krimis, Komödien, Animationsfilmen hat sich Linklater schon ausprobiert und ein Händchen für Filme entwickelt, die aus dem Zusammenspiel eines ganzen Ensembles heraus erwachsen. Sein bislang größter Erfolg, „Boyhood“ (2014), der einzige seiner 24 Spielfilme umfassenden Filmografie, für den er eine Oscar-Nominierung als Regisseur landen konnte, entstand über geduldige zehn Jahre hinweg, in denen er in Intervallen mit einem kleinen, ihm treuen Cast drehte.
„Nouvelle Vague“. Regie: Richard Linklater. Mit Guillaume Marbeck, Zoey Deutch u.a. Frankreich 2025, 105 Min.
Mit „Me and Orson Welles“ (2008) hat sich Linklater auch schon einmal auf die Spur eines vermeintlichen Genies begeben: Der Film rekonstruiert die Entstehung von Orson Welles’ bahnbrechender Bühnenadaption des Shakespeare-Stücks „Julius Caesar“ 1937 in New York – aus der Sicht eines 17-Jährigen (gespielt von Zac Efron), dem Welles die Rolle des Lucius anbietet. Zwar war Welles hier nicht die Hauptfigur, aber mithilfe des Schauspielers Christian McKay gelang Linklater ein großartiges Porträt des „Citizen Kane“-Regisseurs als junger Mann mit großem Ego.
An weiteren im Film vorkommenden namhaften Figuren wie Joseph Cotten konnte man auch schon erkennen, dass Linklater ein besonderes Auge dafür besitzt, junge Stand-ins für später legendär gewordene Personen zu besetzen.
Kino bildet für sie den zentralen Lebensinhalt
Mit „Nouvelle Vague“ drehte Linklater nun zum ersten Mal in französischer Sprache und mit französischen Schauspielern. Diesmal bildet die Regielegende Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck) den Mittelpunkt der Erzählung. In bündigen 100 Minuten geht es darum, wie der 28-jährige Godard im Jahr 1959 den Sprung wagt, aus der Schreibstube der Cahiers du cinéma herauszutreten, um endlich, endlich seine ganz eigenen Vorstellungen von Kino zu realisieren. „Die beste Weise, einen Film zu kritisieren, ist, einen Film zu machen“, lässt Linklater seine Hauptfigur in einer der ersten Szenen sich selbst zitieren.
In stimmungsvollen Schwarzweißbildern – was sonst – rekonstruiert „Nouvelle Vague“ das Paris jener Zeit – mit ein paar wenigen echten Archivaufnahmen und einer breiten Szenerie von nonchalanten, jungen Menschen, für die das Kino den zentralen Lebensinhalt bildet. Man sieht sie zuerst im Kino sitzen, Godard neben François Truffaut (Adrien Rouyard), Claude Chabrol (Antoine Besson) und Suzanne Schiffman (Jodie Ruth-Forest).
Die Sonnenbrille nimmt er nie ab
Später schleichen sie sich auf die Premieren-Party mit dem zeitlosen Anreiz, freie Drinks abzustauben. Godard trifft dort auf den jungen Produzenten Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst), und obwohl der Kritiker nichts Gutes über dessen Film zu sagen hat, sieht man den Funken überspringen zwischen zwei ehrgeizigen jungen Männern, die es nach Ausbruch aus den Konventionen ihrer Zeit drängt.
Das alles kommt zunächst fast übertrieben drollig daher. Jede Figur wird im Lebend-Porträt per Schrifteinblendung mit vollem Namen vorgestellt, alle blicken direkt in die Kamera, die meisten halten dabei eine brennende Zigarette in der Hand. Es ist, als schlüpfe Linklater in die Rolle eines Reality-TV-Dokumentaristen jener Zeit. In der Fülle der vorgestellten Figuren, die keine größere Rolle spielen im Verlauf der eigentlichen Handlung, drückt sich Linklaters Verehrung für ein ganzes Milieu, ja für eine ganze Epoche des französischen Kinos aus.
Guillaume Marbeck, bislang so gut wie unbekannt, gibt eine eindrucksvolle Verkörperung des Schweizers Godard, wobei die Tatsache, dass er seine Sonnenbrille nie abnimmt, bestens darüber hinwegtäuscht, dass der Schauspieler seinem Vorbild äußerlich kaum ähnelt. Die Godard’sche Arroganz und Eitelkeit bringt Marbeck sehr gut zum Ausdruck. Vielleicht verleiht er seiner Figur sogar mehr persönlichen Charme, als es historisch verbürgt ist.
Linklater stellt die Premiere von Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ in Cannes 1959 nach. Tosender Applaus straft die Befürchtungen im Cahiers du cinéma-Umfeld, dass man den Film hassen würde, Lügen. In Godards Sonnenbrille spiegelt sich der jugendliche Jean-Pierre Léaud. Godard begreift, dass er handeln muss. Er gewinnt Beauregard als Produzenten, Pierre Rissient (Benjamin Clery) als Regieassistenten und macht Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin) als Schauspieltalent ausfindig.
Irgendwie gelingt es ihm und seinen Freunden sogar, die mit „Bonjour tristesse“ groß herausgekommene und nach Paris gezogene Jean Seberg (Zoey Deutch) zu engagieren, die in Wahrheit lieber mit den bereits etablierten Chabrol oder Truffaut gedreht hätte.
Die Kamera rollt, sobald Godard es fordert
Die Drehtage – es waren nur 20! – inszeniert Linklater als Zeit voller Improvisation, spontaner Einfälle und viel Müßiggang, weil Godard gerade nicht weiterweiß. Eine besonders gute Figur im Chaos macht dabei Kameramann Raoul Coutard (Matthieu Penchinat), der mit Kriegsdokumentaristen-Coolness die Kamera rollen lässt, sobald Godard es fordert.
Er habe einfach mit der „New Wave Crowd“ abhängen wollen, beschrieb Linklater im Umfeld der Cannes-Premiere letztes Jahr seine Motivation. Der hintergründige Humor seines liebevollen Reenactments erinnert streckenweise an seinen texanischen Kollegen Wes Anderson. Die Lockerheit, mit der Linklater die Kollaboration der vielen jungen Männer und wenigen Frauen beim sommerlichen Dreh zeigt, hat aber auch etwas von seinen eigenen Jungs-Filmen wie „Slacker“ und „Dazed and Confused“.
Die Dialoge sind regelrecht überfrachtet mit Godard-Sentenzen – Zoey Deutch als Jean Seberg verdreht auf herrliche Weise die Augen über die ständigen Zitate. Als Jean-Luc einmal mehr ansetzt mit Faulkner, dessen Stil sich aus der Unfähigkeit, Lyrik zu schreiben, ergeben habe, vervollständigt sie, dass Godards Regie aus seiner Unfähigkeit herkäme, ein Drehbuch zu schreiben. „Touché!“
Über all der Zitiererei bildet der Film auch ab, wie sehr Godard und Konsorten bereits an der eigenen Mythosbildung arbeiteten. Gleichzeitig lässt Linklaters Entspanntheit genug Raum für jene Art von „Fun“, die den „kulturellen Moment“ gut trifft. So macht „Nouvelle Vague“ sichtbar, wie gewagt und zufällig „À bout de souffle“ zusammenkam, und wie sehr seine Macher sowohl von der Lust zur Rebellion als auch der Liebe zum amerikanischen Kino inspiriert waren.
