Spanien: Der Traum von einer neuen Linksfront

Der Festsaal war nicht groß genug. Vor dem monumentalen Gebäude des Círculo de Bellas Artes im Zentrum von Madrid reichte die Warteschlange um den Häuserblock. Hunderte standen zum Teil vergeblich an, um die schwächelnde spanische Linke wiederzubeleben. Zu den Klängen von Patti Smiths Lied „People Have the Power“ riefen drinnen Politiker dazu auf, „nicht aufzugeben“.

Die zerstrittene und gespaltene spanische Linke links der sozialistischen PSOE-Partei von Ministerpräsident Pe­dro Sánchez will sich wieder vertragen, um zu verhindern, dass bei den nächsten Parlamentswahlen die spanische Rechte triumphiert. Früher mobilisierte sie die unzufriedenen jungen Spanier, heute hat die rechtspopulistische Vox-Partei mit fast 20 Prozent der Stimmen die Linksparteien überholt: Für Wähler unter 34 Jahren ist Vox die erste Wahl.

Im Zweifelsfall kämpft in der spanischen Linken jeder für sich, auch wenn sich die Parteien an den Wahlurnen kannibalisieren. Die Konferenz am Wochenende zeigte jedoch, wie groß die Sehnsucht nach alter Stärke und neuer Einheit ist. In Madrid übten vier Parteien den Schulterschluss und gelobten, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen: Die Sumar-Bewegung, die Vereinigte Linke (IU), Más Madrid und die Comuns aus Valencia wollen sich zu einer neuen Allianz zusammenschließen – wie sie heißt und wer sie führt, ist noch offen.

Früheres Bündnis der Linken ist gescheitert

Damit trugen sie das erst vor drei Jahren geschaffene Sumar-Bündnis zu Grabe. Dessen Gründungsvorsitzende, die stellvertretende Regierungschefin Yolanda Díaz, war am Samstag gar nicht mehr dabei. Sumar ist Koalitionspartner der linken Minderheitsregierung. Der Name lässt sich mit Addieren übersetzen. Aber der Plattform gelang es nicht, die Linke zu bündeln. Eine Wahlniederlage folgte auf die nächste.

Deshalb schlug der Fraktionsvorsitzende der katalanischen Linksrepublikaner (ERC), Gabriel Rufián, am vergangenen Mittwoch eine „gemeinsame Front“ der linken und linksnationalistischen Parteien vor. Um sich nicht gegenseitig Wähler abzujagen und dadurch mögliche Mandate zu verlieren, sollten die anderen Gruppierungen der jeweils regional stärksten Partei den Vortritt lassen. In Katalonien wären das die separatistische ERC, im Baskenland der linksnationalistische Bildu-Block. Der Vorschlag wurde freundlich zur Kenntnis genommen, aber so viel Selbstaufgabe scheint den meisten Parteien zu weit zu gehen.

Von einem neuen Zusammenschluss will vor allem die Podemos-Partei nichts wissen, deren Führung in Madrid ebenfalls nicht vertreten war. Podemos hatte vor 15 Jahren die linke Linke geeint und so stark gemacht wie nie zuvor. Kaum war die neue Partei 2016 im Parlament, wollte sie zum „Sorpasso“ ansetzen und die Sozialisten überholen. Dazu kam es nicht. Am Ende wurde Podemos Juniorpartner in der ersten linken Minderheitskoalition von Sánchez.

2023 zog sich die Partei dann aus dem Sumar-Bündnis zurück und kommt seitdem mit ihrem eigenen Bedeutungsverlust nicht zurecht. Inzwischen erhält Vox so viel Zustimmung wie einst Podemos. Vor zwei Wochen flog die Linkspartei in Aragón aus dem zehnten spanischen Regionalparlament, im nationalen Parlament sitzen noch vier Abgeordnete. Dort hat Podemos schon gegen Sánchez’ Linksregierung gestimmt. Die Partei will nicht zu einer Mehrheitsbringerin für die Sozialisten verkümmern und strebt eine Führungsrolle in ihrem Lager an.

Laut Berechnungen der Zeitung „El País“ hätte jedoch momentan die gesammelte Linke in keiner Konstellation eine Chance auf einen Sieg bei der Parlamentswahl, die 2027 regulär ansteht. Um die überwältigende absolute Mehrheit von Vox und konservativer PP zu schlagen, müsste sie sich nicht nur neu organisieren, sondern auch neue Wähler gewinnen.