Spanien: Christiana Scharfenberg ist Bürgermeisterin in Kastilien

Die schmale Straße schlängelt sich an Steineichen und Kiefern vorbei nach La Cierva. In der Dämmerung müssen Fahrer in dem Wald auf die Hirsche achtgeben, die in kalten Monaten das Streusalz vom Asphalt lecken. Aber viele Autos fahren nicht hinauf in das kleine Dorf mit den niedrigen Steinhäusern, das seinen spanischen Namen tatsächlich einer Hirschkuh verdankt. Auf knapp 1300 Meter Höhe geht es am Rand von Kastilien-La Mancha nicht mehr weiter, die Straße endet in den engen Gassen von La Cierva.

„Dort oben gibt es nur zwei Möglichkeiten: umdrehen oder bleiben“, sagt Christiana Scharfenberg. Ihr und ihrem Ehemann Klaus fiel die Entscheidung leicht. Das „leere Spanien“ wurde zu ihrer neuen Heimat. Und sie zu der Bürgermeisterin des spanischen Dorfes mit 22 Einwohnern. Spaniens Mitte blutet aus, wird zur demographischen Wüste. Doch die beiden Deutschen pflanzen, was das Zeug hält.

Ihr Wahlsieg 2023 war eindeutig. Mit 25 der 35 abgegebenen Stimmen ließ sie die sozialistische Amtsinhaberin weit hinter sich. Die heute Siebzigjährige wurde zur ersten deutschen Bürgermeisterin der konservativen Volkspartei (PP) in Spanien. Doch Parteien spielen im Dorf keine Rolle. Alle nennen sie nur Cristina, weil ihr deutscher Name zu lang und kompliziert ist. Und sie kennt alle Bürger im Dorf persönlich – seit vielen Jahren.

2019 zog das Ehepaar nach Kastillien

Im Sommer 1990 entdeckten sie und ihr Ehemann La Cierva. Es war Dorffest, und die Einwohner empfingen sie herzlich. Das Ehepaar verliebte sich in das Dorf, war fasziniert von der Schönheit der einsamen Höhen, aus denen die Einheimischen fliehen. Bald kauften sie ein verfallenes Steinhaus. Nach ihrer Pensionierung zogen sie 2019 endgültig aus Oberfranken nach Kastilien – mit allem, was sie hatten.

Christiana Scharfenberg ist zupackend. Als Schulleiterin baute sie einst eine der ersten integrierten Gesamtschulen in Bayern auf. Ihr 68 Jahre alter Mann forschte und lehrte als Geologe in der Nähe an der Universität Bayreuth. Nach Spanien zog es sie aber schon immer. Christiana unterrichtete an zwei deutschen Schulen, Klaus organisierte Exkursionen für seine Studenten in entlegene Gegenden.

„Manche meiner Kollegen begnügen sich damit, das jährliche Dorffest zu organisieren“, sagt die Bürgermeisterin. Mindestens viermal im Jahr muss sie im Rathaus eine Plenarsitzung einberufen – mit den beiden anderen Gemeinderäten. All das ist ihr nicht genug. Als Erstes nahm sie sich das große Chaos in den Katasterplänen vor, dann die Kanalisation. „Wahrscheinlich bin ich sehr deutsch und mache gerne Ordnung“, meint die frühere Rektorin schmunzelnd.

Zahl der bewohnten Häuser hat sich halbiert

Zur Lammkeule, die sie von einem befreundeten Schäfer bekamen, hat ihr Mann an diesem Tag Bohnengemüse aus dem eigenen Garten zubereitet. Das Holz im Ofen knackt. Die Aufgabe von Klaus ist es, die neue Website der spanischen Gemeinde auf den neuesten Stand zu bringen.

Sie plant Termine für das neue Jahr. „Die Dörfer sterben nicht, sie werden getötet“, haben sie einmal auf einem Protestplakat in einem verlassenen Dorf gelesen. Die beiden Deutschen leben vor, dass das nicht so sein muss – auch wenn die Zahlen ernüchternd sind.

Das Dorf La Cierva
Das Dorf La CiervaRaúl Contreras Castellano

In La Cierva hat sich die Zahl der bewohnten Häuser in den vergangenen 30 Jahren halbiert. Zehn sind unbewohnt. Ihre Besitzer kommen nicht einmal im Sommer mehr. Mehrere Gebäude wurden offiziell zu Ruinen erklärt. Das heißt: Sie sind nicht mehr zu retten und müssen abgerissen werden. Sie fühle sich manchmal wie eine Detektivin, um die Eigentümer oder säumige Steuerzahler zu ermitteln, sagt Christiana Scharfenberg.

Aber klagen will sie nicht. Sie nimmt ihren Besuch lieber stolz mit in die Dorfkneipe neben der Kirche. Seit dem vergangenen Jahr ist die „Bar de los jubilados“, die „Rentnerbar“, wie sie übersetzt heißt, wieder die ganze Woche über geöffnet. Eine junge Frau aus Honduras war die Retterin.

Kein Supermarkt, kein Arzt

Gegen eine symbolische Pacht vermietet die Gemeinde Yorleni, die hier alle nur bei ihrem Vornamen nennen, das Lokal. Auf dem Land sind die Bars das Herz jedes Ortes. Wenn es nicht mehr pulsiert, stirbt oft das ganze Dorf. In Kastilien haben mehr als ein Drittel aller Gemeinden schon kein Lokal mehr.

Oft sind es Migranten wie Yorleni, die die Gaststätten wieder aufsperren und so zu einem kleinen Wunder beitragen: Ihr Sohn Anderson ist mit neun Jahren der jüngste Bürger von La Cierva. Die ersten Monate fuhr die Bürgermeisterin ihn mit ihrem Auto selbst zur Haltestelle des Schulbusses in der Nachbargemeinde – bis der Bus endlich Anderson in seinem Wohnort abholte. Jetzt macht seine Mutter den Führerschein. Ohne Auto geht es in der Gegend nicht, die manche das Lappland Spaniens nennen.

Läden haben in La Cierva dauerhaft geschlossen. Nur ein mobiler Bäcker kommt regelmäßig mit seinem fahrenden Geschäft. Einmal in der Woche schaut ein Arzt eine Stunde lang in der lokalen Sanitätsstation vorbei – einen Termin brauchen die wenigen Patienten dafür nicht auszumachen. Dennoch ist vor Kurzem ein Ehepaar aus gesundheitlichen Gründen weggezogen.

„Das Dorf muss überlebensfähig werden“

Christiana Scharfenberg will sich nicht in ihrem kleinen Rathaus verschanzen. Als neulich in der Bar eine große Wandergruppe einkehrte, sorgte die Bürgermeisterin persönlich für den Nachtisch. Auch Jäger und Mountainbiker kommen gerne. Immer mehr Touristen begeistern sich für den einsamen Ort und seine Umgebung.

Vergeblich fragen sie dann nach einer Unterkunft. Das soll sich künftig ändern: Die Gemeinde hat die „Casa cura“ gekauft; im leer stehenden Pfarrhaus entstehen vier Ferienwohnungen. „Das Dorf muss überlebensfähig werden und eigene Einkünfte haben. Ich will nicht immer nur bitten und betteln“, sagt die Bürgermeisterin.

Ihr steht monatlich ein Budget von 1200 Euro zur Verfügung; zwei Drittel davon erhält die einzige Angestellte, die sich um das Rathausbüro und die Straßenreinigung kümmert. Daher legen die beiden Deutschen mit ihren Nachbarn selbst Hand an.

Im vergangenen Jahr brachte der erste Weihnachtsbasar gut 2000 Euro ein. Es wurde Glühwein serviert, der Weihnachtsmann kam. Christiana Scharfenberg verkaufte Marmeladen aus eigener Herstellung und selbst gemachte Lavendelkissen. Die Einnahmen flossen in die Sanierung des Dorffriedhofs.

Dinosaurierfunde locken Wissenschaftler aus der ganzen Welt

Zusammen mit ihrem Mann markierte sie außerdem den ersten Rundwanderweg; gut acht Kilometer ist er lang. Er fertigte die Holzschilder, sie pinselte mit gelber Farbe die Orientierungsmarken an die Bäume der „Tierra Muerta“ (Tote Erde). So heißt das trockene, karstige Hochplateau, das beide von Anfang an faszinierte. In Wirklichkeit ist es reich an seltenen Pflanzen und Tieren; einige davon sind uralt.

Hinter dem Wohnhaus der Scharfenbergs erhebt sich drohend „Pepito“. Das Skelett des fleischfressenden Dinosauriers Concavenator corcovatus mit seinem charakteristischen Buckel auf dem Rücken ist 126 Millionen Jahre alt. Forscher hatten ganz in der Nähe von La Cierva dieses am vollständigsten erhaltene Skelett des Dinosauriers in Spanien gefunden. Wissenschaftler aus der ganzen Welt pilgern seitdem an den Fundort und suchen weiter.

Christiana Scharfenberg mit ihrer Nachbarin Herminia
Christiana Scharfenberg mit ihrer Nachbarin HerminiaRaúl Contreras Castellano

Im vergangenen Jahr erschien zudem die Ortsgeschichte, die das Ehepaar mit einem Spanier zusammen recherchiert hatte. Sie fanden heraus, dass ihr im 13. Jahrhundert gegründetes Dorf mal eine große Rolle gespielt hat. Denn La Cierva taucht vom 16. Jahrhundert an auf den wichtigsten Weltkarten auf, zum Beispiel auf der des Kartographen Mercator – neben Toledo, Alcalá, Teruel und Valencia.

Zurzeit kämpfen unzählige Orte im Herzen Spaniens darum, nicht ganz von der heutigen Landkarte zu verschwinden. Warnendes Beispiel ist für die Scharfenbergs das benachbarte Ruinendorf Los Oteros, wohin niemand mehr zurückkehrt. In La Cierva lebten gegen Ende des 19. Jahrhunderts knapp 460 Menschen. Vor allem in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts setzte der große Exodus in die Städte und ins Ausland ein.

Im Sommer kehren die Spanier zurück

Viele Familien vergessen aber ihre Dörfer nicht. „Playa“ oder „pueblo“ (Strand oder Dorf) lautet in Spanien oft die Antwort auf die Frage, wohin es im Sommerurlaub geht. Im Sommer kehrt für kurze Zeit in ganz Spanien das Leben in zahlreiche Häuser zurück, deren Jalousien und Fensterläden den Rest des Jahres geschlossen bleiben. Eine drastische Folge ist, dass in den leeren Orten keine Immobilien zu kaufen oder zu mieten sind – selbst für die, die gerne dorthin ziehen würden.

Auch in Spanien kämpfen Einwohner gegen die langsam mahlenden Mühlen der spanischen Bürokratie an. Die Bürgermeisterin will zum Beispiel den jahrzehntealten Bolzplatz wieder herrichten. Doch über ihren Antrag für 8000 Euro Förderung wird einfach nicht entschieden. „Manchmal fühle ich mich wie eine Bettlerin“, sagt sie.

F.A.Z. Frühdenker – am Morgen das Wichtigste wissen
Werktags um 6.30 Uhr

Welche Nachrichten bringt der Tag? Erfahren Sie das schon beim ersten Kaffee.

Zum Frühdenker

Theoretisch gäbe es auch Subventionen von der EU. Doch eine Bedingung dafür ist, dass La Cierva einen Teil aus Eigenmitteln aufbringt, die nicht vorhanden sind. Zusammen mit mehr als 70 weiteren Bürgermeistern aus mehreren Regionen in der Mitte Spaniens hat sie sich deshalb einer neuen Initiative angeschlossen.

Sie kämpfen für die Einrichtung einer Sonderzone mit besonderer europäischer Förderung, wie sie schon im hohen Norden existiert. Denn die Landflucht kennt keine Grenzen und lässt die politische Frustration wachsen. Die Rechtspopulisten von Vox sind auch in sterbenden Dörfern auf dem Vormarsch, wie im Februar die Wahl im benachbarten Aragón zeigte.

Die Ideen gehen ihr nicht aus

Also räumt Christiana Scharfenberg erst einmal La Cierva auf. In der Semana Santa, wenn zu Ostern viele Familien ins Dorf zurückkehren, organisiert sie einen großen gemeinsamen Frühjahrsputz in der Umgebung. Danach kocht die Bürgermeisterin für alle. Wie schon während der Kulturwoche vor einem Jahr: Damals kümmerte sie sich nach einem Chorkonzert um die Versorgung mit 70 Frikadellen und Kartoffelsalat nach deutschem Rezept – für die meisten eine fast exotische Rarität.

Die Ideen gehen der Bürgermeisterin nicht aus. Sie hielt schon einen Vortrag über die Heilkräuter der Hildegard von Bingen. Danach führte sie durch ihren botanischen Garten. Vor der bevorstehenden Waldbrandsaison organisiert sie gerade einen Brandschutz-Vortrag.

Ob sie in einem Jahr bei der Kommunalwahl wieder antritt, weiß Christiana Scharfenberg noch nicht. „Mein Garten und das Museum warten auf Zuwendung“, sagt sie und scherzt darüber, dass es die zweite Pensionierung der früheren Schulleiterin wäre. „Ohne Menschen von außen geht es wohl nicht“, meint sie.

Das Ehepaar, aber auch die Barbetreiberin Yorleni erfüllen sich Träume an einem Ort, den andere längst aufgegeben haben. Unten am Ortseingang steht auf ihrem Grundstück zwischen den jungen Obstbäumen ein himmelblauer Eisenbahnwaggon. Sie haben ihn auf den Berg bringen lassen und hergerichtet, sodass man darin übernachten kann – mit Blick hinauf auf das Dorf und die blühende Umgebung. Der Frühling ist verspätet in diesem spanischen Dorf angekommen.