Soziale Medien: Nur 3% der Nutzer verbreiten toxische Inhalte – Wissen

Die sozialen Medien gleichen oft einer trüben Suppe aus giftigen Zutaten. Wer davon kostet, kann schnell den Glauben an das Gute im Menschen verlieren. Auf X, ehemals Twitter, rührt der Besitzer der Plattform und so etwas wie der größte Troll der Welt, Elon Musk, eifrig an seinem toxischen Brei.

Und auch sonst geht es dort oft so ruppig zu, dass in der jüngsten Zeit viele Nutzer das Netzwerk verlassen haben. Viele sind zum Netzwerk Bluesky gewechselt – und auch dort gilt, dass giftige Inhalte besonders sichtbar sind. Kürzlich feierten dort etwa Nutzer den Krebstod des Dilbert-Schöpfers Scott Adams, weil der Comic-Zeichner vor nicht allzu langer Zeit seinerseits ein paar hässliche, rassistische Sachen gesagt hatte.

Kommunikationswissenschaftler und Psychologen haben nun kürzlich im Fachjournal PNAS Nexus eine Arbeit veröffentlicht, die vielleicht doch ein wenig Hoffnung an das Gute in den meisten Menschen wecken kann. Für die giftigen, scheußlichen, hasserfüllten und anderswie grässlichen Inhalte in den sozialen Netzwerken scheint nämlich nur ein winziger Anteil der Nutzer verantwortlich zu sein.

Aber weil diese Giftspritzen durch ihre Provokationen so viele Reaktionen wecken und dies durch die Algorithmen der Netzwerke belohnt wird, entsteht ein falscher Eindruck. So überschätzten die Teilnehmer der Studie der Forscher um Angela Lee und Jeffrey Hancock von der Stanford University den Anteil jener Nutzer teils dramatisch, die in den sozialen Medien giftige Inhalte posten.

Die Probanden überschätzten auch den Anteil der Nutzer, die Fake News verbreiten

Die Wissenschaftler rekrutierten für ihre Studie insgesamt 1090 Teilnehmer aus den USA für eine Befragung. Darin bezifferten die Probanden den Anteil jener Nutzer auf der Plattform Reddit, die giftige Inhalte posten, auf 43 Prozent, also beinahe die Hälfte. Mit dieser Schätzung lagen sie dramatisch weit daneben: Tatsächlich stammen die aggressiven, bösen Posts von nur etwa drei Prozent der Reddit-User.

Diese Hassschleudern sind jedoch enorm aktiv und posten sehr viele Inhalte: Jene 3,1 Prozent der User, die den Namen Troll verdienen, waren für fast ein Drittel aller Inhalte auf der Plattform verantwortlich. Und auf Twitter beziehungsweise X, so schreiben die Forscher um Lee mit Verweis auf Studien, sei ein kleines rechtes Netzwerk die Quelle von etwa 60 Prozent der dortigen Hass-Postings.

Die Probanden überschätzten auch den Anteil der Nutzer, die Fake News verbreiten. Sie glaubten, dass 46,8 Prozent der Facebook-Nutzer bereits Fehlinformationen geteilt hätten. Der tatsächliche Wert liegt jedoch bei 8,5 Prozent. 36,5 Prozent der Facebook-Mitglieder hielten die Befragten sogar für sogenannte Fake-News-Super-Sharer, also für User, die höchst eifrig und in großem Umfang Falschnachrichten verbreiten. Der wirkliche Wert ist jedoch kleiner als 0,5 Prozent.

Diese Fehleinschätzung trübte die Stimmung der Teilnehmer und verleitete sie dazu, einen besonderen Verfall von Moral und Sitten in ihrem Land zu vermuten. Zudem glaubten viele Probanden, dass die Mehrzahl der Nutzer sozialer Netzwerke genau solche giftigen Inhalte sehen wollten. Die Ansichten konnten die Wissenschaftler um Lee und Hancock zumindest kurzfristig ändern, indem sie Probanden über die wahren Zahlen der Negativ-Posting-Schleudern aufklärten. Das Fazit also lautet: In den sozialen Medien tobt zwar oft der Mob, doch dabei handelt es sich eher nur um einen lauten, krawalligen Scheinriesen.