Hätte sich ein Drehbuchschreiber die Verbrechen von Jeffrey Epstein ausgedacht, wäre das Projekt vermutlich irgendwo zwischen Psychothriller und Dystopie verbucht worden. Oder direkt abgelehnt: Eine Insel voller Superreicher, die über Jahre Mädchen und junge Frauen missbrauchen? Die Gäste sind Adelige und US-Präsidenten? Viel zu unrealistisch. Nun ist Epsteins Geschichte aber nicht erfunden. Sie ist real, und genauso sind es auch die Frauen, die sein System erlebt und überlebt haben.
Genau weil all das aber so unglaublich erscheint, war es nur eine Frage der Zeit, bis aus dem Material die ersten Filme und Serien entstehen. Dokumentationen über Epsteins Machenschaften gibt es bereits, nun soll unter dem Schirm von Sony Pictures Television die erste Drama-Miniserie entstehen, berichten die Hollywood-Branchenmagazine Variety und Deadline. Wann und auf welcher Streamingplattform die Serie zu sehen sein wird, ist noch nicht bekannt.
Dank Browns Arbeit kam es 2019 zur erneuten Festnahme von Jeffrey Epstein
Im Mittelpunkt steht die Investigativjournalistin Julie K. Brown, gespielt von Oscarpreisträgerin Laura Dern, zuletzt zu sehen in „Is This Thing On?“. Die Reporterin Brown gibt es wirklich, sie hatte jahrelang für den Miami Herald zu Epsteins Machenschaften recherchiert, Opfer seines Missbrauchs ausfindig gemacht und vier von ihnen überzeugt, öffentlich von ihren Erlebnissen zu berichten. Auch dank ihrer Arbeit kam es schlussendlich 2019 zur erneuten Festnahme von Jeffrey Epstein und auch von Ghislaine Maxwell. Ein besonderes Augenmerk von Browns Arbeit lag außerdem auf der Rolle von Alexander Acosta. Während Epsteins ersten Verfahrens 2007 war er als Staatsanwalt in Miami verantwortlich für die außergerichtliche Einigung mit dem Sexualstraftäter. Später wurde Acosta unter Trump zum US-Arbeitsminister ernannt. Die Recherche führte zu seinem Rücktritt.

2021 veröffentlichte Brown das Buch „Perversion of Justice. The Jeffrey Epstein Story“, in dem sie ihre Arbeit beschreibt. Auf Deutsch ist es bisher nicht erschienen. Das Buch dient nun als Grundlage für die Miniserie. Laura Dern wird die Serie außerdem koproduzieren, gemeinsam mit Brown selbst, Kevin Messick und Adam McKay („Succession“) sowie den beiden Showrunnerinnen Sharon Hoffmann („House of Cards“) und Eileen Myers.
Insbesondere bei so schrecklichen Taten ist es heikel, Teile der Geschichte zu fiktionalisieren. Die Millionen Files mögen den Eindruck erwecken, man könne daraus ein vollständiges Bild von Epsteins Alltag und seinen kranken Gedanken zeichnen, aber so ist es nicht. Insofern ist es schlau, die Perspektive einer Person wie Julie K. Brown einzunehmen, die selbst von außen auf den Fall blickt und sich gemeinsam mit dem Publikum auf die Suche nach Antworten macht.
Browns Recherchen erschienen bereits 2019
Dass eine filmische Umsetzung solcher Investigativgeschichten hervorragend funktionieren kann, ist spätestens seit „Spotlight“ bekannt. Auch damals ging es um sexuellen Missbrauch (allerdings in der Kirche), auch damals folgte der Film einem Team aus Journalistinnen und Journalisten. 2016 erhielt „Spotlight“ den Oscar in der Kategorie „Bester Film“. Auch Maria Schraders Film „She Said“ über den Skandal um Harvey Weinstein und die daraus entstandene „#MeToo“-Bewegung folgt den Journalistinnen, die das Thema in die Öffentlichkeit gebracht haben.
Nur warum kommt diese Serie erst jetzt? Die Epstein-Überlebenden haben den Missbrauch seit Jahren angeprangert und Gehör eingefordert. Julie K. Browns Recherchen erschienen 2019, ihr Buch 2021. Anscheinend brauchte es erst die Veröffentlichung der Epstein Files, also der Akten rund um den Fall, um ihnen tatsächlich zu glauben. Oder um den Fall für Streamingkonzerne markttauglich zu machen.
