Sollten wir über den Körper von Constantin Schreiber reden?

Im Moment wird viel über Doppel­moral debattiert, Beispiel Verbindlichkeit des Völkerrechts. Zu Recht! Doch wie sieht es mit der Doppelmoral im Umgang der Geschlechter aus? Con­stantin Schreiber, früher „Tagesschau“, heute Springer, hat da zuletzt den Finger in die Wunde gelegt.

In der „Süddeutschen Zeitung“ erschien eine Kritik der Sendung „Maischberger“, in der Schreiber zu Gast war. Überschrift: „Sie sind so klug und so hübsch.“ Der Autor des „SZ“-Texts, ein ziemlich attraktiver, gut gebauter Mann, hebt darin mehrfach auf Schreibers durchtrainierten Body ab – „Sein weißer Slim-Fit-Pullover sitzt wie maßgeschneidert“, „Toned arms aus dem Bilderbuch“.

Schreiber reagierte souverän

Schreiber reagierte auf Social ­Media souverän („Ich fand den Text ziemlich lustig“), kritisierte aber, dass sein „Maischberger“-Auftritt „im Kern auf sein Äußeres“ reduziert worden sei und dass in der Berichterstattung über Männer und Frauen unterschiedliche Maß­stäbe gälten: „Nennt mir eine Frau im deutschen Journalismus, bei der ein Talkshowauftritt primär über Kleidung oder Körper verhandelt wird.“ Hat er da „einen Punkt“, wie Jens Spahn sagen würde?

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Dieser Tage ging im Hause F.A.Z. ein Feldversuch zu Ende, der im November mit einem Interview mit Luisa Neubauer begann. Der Interviewer, zugleich Autor dieses Texts, hatte sich überlegt, wie die Klimaaktivistin in eine fürs Gespräch günstige Stimmung zu versetzen sei. Also sagte er zu ihr, wertschätzend: „Sie könnten Ihre Attraktivität noch stärker fürs Klima in die Waagschale werfen.“

Obwohl ein klarer Sachbezug („Klima“) da war, obwohl Neubauer selbst schon mit ihrem Äußeren gearbeitet hatte (Kleid mit der Aufschrift „hot, hotter, dead“), war das Leserecho verheerend. Eine Barbara B. (Barbara Becker?) schrieb auf ­Instagram: „Hiermit möchte ich meine Bestürzung darüber ausdrücken, dass eine Frau, die für ihr gesellschaftliches – wenn auch umstrittenes – Engagement bekannt ist, (…) ernsthaft nach der Nutzung ihrer Attraktivität gefragt wird.“

Offenbar geht bei Carpendale und Schreiber, was bei Neubauer ein No-Go ist

Um ­herauszufinden, was genau das Problem war, machten wir die Gegenprobe. In einem Interview mit Howard Carpendale lobten wir ihn für sein „tolles volles Haar“. Seither sind zwei Monate vergangen: kein Funken von Empörung. Offenbar geht bei Carpendale und Schreiber, was bei Neubauer ein No-Go ist. Warum? Sind die Körper von Männern und Frauen unterschiedlich sakrosankt? Oder liegt es an der jeweiligen journalistischen Konstellation: Mann-Mann oder Mann-Frau? Im letzteren Fall scheint die Phantasie der Leser deutlich zu weit zu gehen – und im ersten nicht weit genug.

Der ­Westen gibt sich immer so progressiv und divers, aber die Heteronormativität hält sich hartnäckig. Auf derlei blinde Flecken hat Schreiber bei „Maischberger“ am Beispiel des Völkerrechts durchaus hin­gewiesen. Aber seine toned arms – laut dem Magazin „Time“ das neue Statussymbol – machten es in der Tat schwer, sich ­darauf zu konzentrieren.