Australien, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Spanien – immer länger wird die Liste der Länder, die gegen die Macht der sozialen Medien ankämpfen wollen. Das Anliegen selbst ist nicht neu: In Amerika hatte bereits die Biden-Regierung versucht, gegen die marktbeherrschende Stellung von Tech-Riesen wie Facebook vorzugehen. In Brüssel ist man schon seit gut fünf Jahren bemüht, die großen Plattformen zu bewegen, die Daten ihrer Nutzer besser zu schützen, rechtswidrige Inhalte konsequent zu löschen und halbwegs angemessene Steuern abzuführen.
Neu aber ist das Besteck, zu dem die Politik greift. Nicht nur strengere Regularien werden diskutiert, viele westliche Staaten liebäugeln mit handfesten Verboten. Zumindest Kinder und Jugendliche sollen so aus dem endlosen Content-Strom herausgezogen werden, in dem neben allerlei Witzigem und Interessantem auch Gefährliches und Schädliches herumtreibt. Erst ab einem gewissen Alter – meist wird das sechzehnte Lebensjahr genannt – dürften sie sich dann auf Plattformen wie Instagram, Snapchat oder Tiktok aufhalten.
Tiktok, Instagram, Youtube: Ein Leben vor dem Bildschirm
Weniger auffällig, aber ebenfalls neu sind die Begründungen, die angeführt werden, um solche Eingriffe zu rechtfertigen. Viele Politiker verweisen neuerdings nicht nur auf Marktmacht, Datenschutz oder Desinformation, wenn sie Verbote fordern. Sie berufen sich auf etwas, das höher steht und viel schwieriger zu fassen ist: auf das Innere, das Seelenleben der Kinder selbst.

Ihre Sorge ist nicht unbegründet. Fast vier Stunden pro Tag verbringen Zwölf- bis Zwanzigjährige durchschnittlich vor ihrem Smartphone. Einen Großteil dieser Zeit verwenden sie, um mit Freunden zu chatten; gleich danach rangieren aber mittlerweile von „Shorts“ und „Reels“ dominierte Plattformen wie Instagram, oder Tiktok, bei denen der persönliche Austausch nur noch am Rande eine Rolle spielt. Zieht man acht Stunden Schlaf und acht Stunden Unterricht ab, bleiben an manchen Tagen noch vier Stunden übrig, die mit analoger Freizeit verbracht werden könnten. Ob diese Verkürzung des analogen Lebens der Psyche schadet, ist nicht zweifelsfrei zu beantworten. Doch mittlerweile liegen viele Belege dafür vor, dass soziale Medien die Impulskontrolle und Konzentrationsfähigkeit erheblich schwächen. Wahrscheinlich lässt sich so auch ein Teil jener Angststörungen und Depressionen erklären, die sich bei jungen Menschen seit einigen Jahren häufen.
Tiktok und Co. scheinen es geradezu darauf abgesehen zu haben, die menschliche Aufmerksamkeitsspanne auf den Takt von fünfsekündigen Videoclips zusammenzustauchen. Denn wer endlos am Bildschirm klebt, ist der ideale Werbekonsument. Kindern den Zutritt zu den Plattformen zu verwehren, liegt also nahe, selbst wenn ein Verbot mit Umgehungsversuchen zu kämpfen hätte. Der Staat übernähme dann ein „Wächteramt“ – so formulierte es einmal das Bundesverfassungsgericht –, weil der Heranwachsende des „Schutzes und der Hilfe bedarf, um sich zu einer eigenverantwortlichen Persönlichkeit zu entwickeln“.
Auch Erwachsene müssen vor Social Media geschützt werden
Doch endet dieses Wächteramt wirklich mit dem Tag, an dem ein Kind das sechzehnte Lebensjahr erreicht? Wie steht es um junge Erwachsene, die inzwischen einen Großteil ihrer Kindheit mit Social Media verbracht haben? Wie steht es um all diejenigen, deren Leben von den Algorithmen bestimmt wird, obwohl das Gesetz sie längst für volljährig und damit zu „eigenverantwortlichen Persönlichkeiten“ erklärt hat?
Eine naheliegende Antwort lautet: Wer erwachsen ist, entscheidet für sich selbst. Wer seine Lebenszeit verschwendet, tut dies also aus freien Stücken. Für die allermeisten Konsumgüter mag dies richtig sein – doch wer so argumentiert, unterschätzt die Neuartigkeit des Plattformkapitalismus. Das zeigt schon ein Blick auf die Zahlen: 70 Prozent der jungen Erwachsenen verbringen mehr Zeit am Handy, als ihnen selbst lieb ist, zwei Drittel befürchten sogar, andere Dinge deshalb zu vernachlässigen; mehr als die Hälfte will ihren Social-Media-Konsum reduzieren, schafft es aber nicht. Offenbar stößt das Ideal der Selbstbestimmung in der digitalen Welt an eine Grenze. Kein Wunder: Tech-Konzerne beschäftigen ganze Bataillone von Entwicklern, die daran arbeiten, die Screentime ihrer Kunden zu maximieren. Hunderte Millionen Dollar fließen jährlich in den Versuch, die Menschheit scrollingsüchtig zu machen.

Probleme dieser Art sind grundsätzlich auch aus der analogen Welt bekannt. Auch im Fall von Drogen, Spielsucht oder Zigaretten kämpft der gute Wille des Konsumenten gegen seine Begierden an – und gegen eine überaus mächtige Industrie. Im Digitalen kommt jedoch noch etwas hinzu: die Kraft der Netzwerke. Das zeigt eine Studie aus dem Jahr 2023, für die ein Team aus Ökonomen amerikanische Studenten gefragt hat, wie viel Dollar sie zu zahlen bereit wären, um ihre Instagram- und Tiktok-Konten zu behalten. Viele kreuzten erstaunlich hohe Summen an. Doch bemerkenswerterweise erklärten sich die Befragten bereit, noch erheblich mehr Geld abzugeben, wenn das zur Folge hätte, dass alle anderen ihre Accounts löschten.
Die Mehrheit würde soziale Medien am liebsten abschaffen
Wie kann das sein? Nach volkswirtschaftlichem Lehrbuch dürften eigentlich nur solche Konsumgüter angeboten werden, die den Präferenzen zahlungsbereiter Abnehmer entsprechen. Was nicht gefällt, wird nicht gekauft. Instagram, Tiktok und Co. sind jedoch ungewöhnliche Produkte: Sie stellen eine neue, digitale Form der Vergesellschaftung zur Verfügung, die von möglichst großer Teilnahme lebt. Ein soziales Netzwerk mit ein paar hundert Nutzern ist wertlos, weil dort nichts Nennenswertes passiert. Ist es aber einmal groß genug, kann man sich ihm nicht mehr entziehen, ohne etwas zu verpassen. Deshalb verschwenden die befragten Studenten einen Großteil ihrer Zeit mit Kurzvideos: Nicht weil sie sich selbst gern auf den Plattformen aufhalten, sondern weil alle anderen dort sind. So entsteht das Paradox eines Produkts, das die Welt erobert, obwohl eine Mehrheit es am liebsten abschaffen würde.

Das von Instagram, Tiktok und Co. verkörperte Problem wäre mit einem Verbot für Kinder und Jugendliche also keineswegs gelöst – zu weitreichend sind inzwischen seine Auswüchse. Längst klagen auch Studenten, sie könnten sich kaum noch auf lange Fachtexte oder Romane konzentrieren; Netflix-Filme werden inzwischen so geschnitten, dass die Zuschauer nebenbei aufs Smartphone schauen können. Müsste man nicht auch in ihrem Namen gegen die Macht der sozialen Medien vorgehen? Und wäre das überhaupt möglich?
Eine Schwierigkeit besteht darin, dass ein solcher Paternalismus dem herrschenden Staatsverständnis widerspräche. Meist werden Eingriffe in den Markt damit gerechtfertigt, dass ein Produkt Dritte schädigt, die nicht gefragt wurden: Luftverschmutzung, Lärmbelästigung, verseuchtes Leitungswasser. Soziale Medien gefährden aber keine Unbeteiligten, sondern ihre eigenen Kunden. Der Fall lässt sich am ehesten vergleichen mit dem staatlichen Kampf gegen das Rauchen, wie der amerikanische Bürgerrechtsanwalt Joel Wertheimer vor Kurzem anmerkte: Hier wie dort werde gewissermaßen das „höhere Selbst“, das ein besseres Leben führen möchte, vor dem „niedrigen“ geschützt, das an seinen Lastern klebt. Auch den Tabakkonsum versucht man seit Jahrzehnten unattraktiv zu machen – mit mäßigem Erfolg.
Kein liberaler, sondern ein am Gemeinwohl orientierter Staat
Soziale Medien richten, anders als Zigaretten, viel diffuseren Schaden an, der sich nicht in Lebensjahren beziffern lässt. Ihre Folgen sind aber womöglich ähnlich gravierend. Die Atomisierung, die sich in der Gesellschaft ohnehin abzeichnet, könnte sich durch sie noch verschlimmern: Schon jetzt verbringen Zwanzigjährige fast sechs Stunden des Tages allein daheim – teilweise mehr als Rentner. Fast ein Viertel gibt an, sich nicht ein einziges Mal pro Woche mit Freunden in der analogen Welt zu treffen. Jubelmeldungen über rückläufigen Alkoholkonsum und darüber, dass Jugendliche sexuell immer später aktiv werden, haben hier ihre traurige Ursache: Vereinsamung droht zum Massenphänomen zu werden.
Die Tech-Konzerne selbst würden diese Entwicklung am liebsten noch weiter vorantreiben: „Der durchschnittliche Amerikaner hat weniger als drei Freunde“, erklärte Mark Zuckerberg vor knapp einem Jahr in einem Podcast; die „durchschnittliche Nachfrage nach Freunden liegt aber viel höher, bei fünfzehn oder mehr“. KI-Chatbots, die etwa auf Facebook integrierbar sind, deutete er an, könnten das Problem beseitigen.
Sollte eine Mehrheit der Bürger vor dieser Vision zurückschrecken, dann ist der Staat aufgefordert, sein Wächteramt auch gegenüber Volljährigen auszuüben. Er müsste sich von seiner liberalen Prämisse, jeder wisse schon, was er wolle, verabschieden und stattdessen ein starkes Gemeinwohlkonzept vertreten. Er dürfte nicht davor zurückschrecken, offen auszusprechen, was ein gutes Leben ausmacht – und was nicht. Allein dies bedeutete einen Bruch mit den großen Liberalisierungstendenzen der vergangenen Jahrzehnte und die Rückkehr zu einem älteren, klassischeren Begriff von Politik, der den guten Staat nicht nur metaphorisch der tugendhaften Seele zuordnet.
Eine wirksame Strategie muss ins Herz der Plattformen vordringen
Schwer wiegt aber auch das praktische Problem. Anders als beim Rauchen oder beim Glücksspiel reicht das Instrumentarium moderner Staaten wahrscheinlich nicht aus, um der sozialen Medien Herr zu werden: Ein Verbot auch für Erwachsene verstieße höchstwahrscheinlich gegen die verfassungsmäßig garantierte Handlungsfreiheit; Haftungsregeln und Zensurvorschriften betreffen nur unrechtmäßige Inhalte, nicht den zahllosen erlaubten Unsinn. Schon ambitionierter, aber dennoch höchstens bremsend wirkte sich ein Steuersatz auf Digitalwerbung aus, der das Geschäft mit der Aufmerksamkeit unrentabler macht. Das Zerschlagen der Tech-Oligopole wiederum steigerte den Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit nur weiter. Öffentlich-rechtliche Plattformen – ein Modell, dessen Vorbilder der vorletzten Medienrevolution entstammen – sind dagegen nur schwer vorstellbar, ganz abgesehen von den politischen Manipulationsmöglichkeiten, die sich daraus ergäben.
Eine vielversprechende Strategie müsste bis zum Herzen der Plattformen vordringen und die Algorithmen, die bislang als Geschäftsgeheimnis gehütet werden, Gemeinwohlkriterien unterwerfen. Wie genau das aussehen könnte, ist eine immer noch offene Frage. Bis eine Antwort gefunden ist, läuft die Menschheit wohl auf eine Welt zu, die sie zwar eigentlich nicht will, aber dennoch aktiv herbeiführt. Hoffen darf man wenigstens, dass das Unbehagen, das sich in den neuen Jugendschutzbemühungen artikuliert, sich zu einer größeren Reformbewegung auswächst.
