
Schon Monate vor dem Super Bowl machte in den sozialen Medien ein Video die Runde, das in wenigen Sekunden deutlich machte, was alles nicht stimmt mit einem Land, in dem der Auftritt eines puerto-ricanischen Musikers ernsthaft politische Unruhe stiftet. Die konservative Fox-News-Moderatorin Tomi Lahren interviewt darin eine andere Moderatorin, Krystal Ball, und fragt sie mit erkennbar kritischem Unterton, was sie denn von diesem Bad Bunny als Künstler in der Super-Bowl-Halftime-Show halte. „Ich weiß nicht, warum darum so ein Theater gemacht wird“, antwortet die Gesprächspartnerin sinngemäß. „Soweit ich weiß, ist er ein großartiger amerikanischer Künstler.“ Tomi Lahren hakt ein: „Er ist aber ja kein amerikanischer Künstler.“ Die Gesprächspartnerin stutzt und antwortet: „Er ist Puerto-Ricaner. Das ist ein Teil von Amerika, meine Liebe.“
Mit dem ausdruckslosen Gesicht der Moderatorin steigt der Clip aus, zeigt aber gleich, was los ist, wenn ein Künstler, dessen Muttersprache Spanisch ist, die größte amerikanische Bühne überhaupt betritt: Die MAGA-Bewegung ist not happy. Tatsächlich haben sich Anhänger des US-amerikanischen Präsidenten eine eigene Super-Bowl-Halftime-Show organisiert: „The All-American Halftime Show“ für Turning Point USA, die der Musiker Kid Rock mit den Worten „Das hier ist für dich, Charlie“ dem getöteten Charlie Kirk widmete. 6,1 Millionen Zuschauer zog das MAGA-freundliche Alternativprogramm auf Youtube an, Musikliebhaber dürften nicht darunter gewesen sein.
Die Kulisse ist eine Hommage an die Arbeiter
Und bei Bad Bunny? Die Show begann in einer beeindruckenden Kulisse: auf einem Zuckerrohrfeld, wohl als Hommage an die Arbeiter, die im 19. Jahrhundert auf den damals zahlreichen Zuckerrohrfeldern des Landes schwitzten. Auf diesem Feld singt er „Tití Me Preguntó“, was so viel bedeutet wie „Tantchen hat mich gefragt“, dabei passiert er auf dem Feld diverse Stationen, die mal mehr, mal weniger klischeehaft das Leben in Puerto Rico darstellen: Ältere Herren sitzen beim Brettspiel zusammen, ein Schmuckhändler will dem Rapper einen Ring andrehen, junge Menschen treffen sich am Kokosnussstand und schlürfen mit Strohhalmen den Saft aus den Früchten, zwei junge Frauen im Nagelstudio. Bad Bunny holt sich eine Piragua ab, eine puerto-ricanische Leckerei: zu einem Eisberg gefrorener Sirup, und hält damit zumindest kurz eine Art Drink in der Hand – etwas, das er sonst oft bei Auftritten tut, wie bei einer Hausparty, auf der er für ein paar Freunde singt.
Auch auf der Super-Bowl-Bühne hat der Rapper nun eine „Casita“ aufbauen lassen, was so viel heißt wie „kleines Haus“. 30 Tage lang hatte Bad Bunny im vergangenen Jahr in einer puerto-ricanischen Arena residiert, dort seine inzwischen legendäre „Casita“ aufbauen lassen, ein traditionelles, rosa-gelbes Haus, um dort mit diversen prominenten Gaststars Musikpartys und sein neues Album zu feiern. So hat Bad Bunny das puerto-ricanische Leben, das auch US-amerikanisches Leben ist, auf die Weltbühne gehoben.
Bad Bunny wurde zunächst hauptsächlich als lateinamerikanischer Künstler wahrgenommen, er rappt auf Spanisch, manchmal singt er auch, bedient sich im Reggaeton ebenso wie im Trap und Hip-Hop. Gerade für einen nicht englischsprachigen Künstler ist ihm ein kometenhafter Aufstieg gelungen: Er veröffentlichte seit 2018 acht Alben, sein 2020 erschienenes Album „El último tour del mundo“ war das erste vollständig spanischsprachige Album, das es jemals an die Spitze der Billboard-Charts schaffte. Und sein 2025 erschienenes Album „Debí tirar mas fotos“, zu Deutsch: Ich hätte mehr Fotos machen sollen, wurde bei der Grammy-Verleihung vor wenigen Tagen nicht nur als „Bestes Música-Urbana-Album“ des Jahres ausgezeichnet, sondern auch noch als bestes Album des Jahres überhaupt, genreübergreifend. Bad Bunny spielt darauf mit vielen Einflüssen der „música urbana“, dem Genre also, unter dem grob die lateinamerikanische Musik mit ihren zahlreichen Windungen und Stoßrichtungen zu verstehen ist.
Dass Bad Bunny, bürgerlich Benito Antonio Martínez Ocasio, bei den Grammys zu Tränen gerührt da saß, liegt auch daran, dass er wieder einen Meilenstein erreicht hatte: Sein Album war das erste rein spanischsprachige, das mit dem wichtigsten Musikpreis geehrt wurde. Ganz ähnlich erging es im Übrigen den K-Pop-Künstlerinnen, die als Songwriter für den Song „Golden“ ausgezeichnet wurden und damit die ersten K-Pop-Musiker mit einer Grammy-Auszeichnung wurden. Es gibt eben selbst im Showbusiness, das eigentlich vom ewigen Wiederholen und Kopieren und daraus entstehenden Neuschöpfungen lebt, immer noch erste Male.
Bad Bunny mobilisiert zahlreiche Prominente
Beim Super Bowl zeigt Bad Bunny dann noch, wie viele Prominente er, der Puerto-Ricaner, den manche für zu unamerikanisch für den Super Bowl halten, mobilisieren kann. Unter die Armada von Tänzern hat sich etwa Rap-Superstar Cardi B gemischt, da tanzt außerdem Schauspielerin Jessica Alba ebenso wie Hollywoodstar Pedro Pascal und die kolumbianische Sängerin Karol G. Bad Bunny performt unterdessen seinen feministisch angehauchten Hit „Yo Perreo Sola“, zu Deutsch etwa: Ich twerke allein. Darin singt Bad Bunny aus der Sicht einer Frau, die im Klub nicht belästigt werden will – und auf der Tanzfläche lieber allein sein will.
Der Song geht unter im Ende eines anderen Songs, „Party“, gefolgt von „Eoo“ – und schließlich einem großen Gastauftritt. Keine Geringere als Lady Gaga trägt ihren sonst mit Bruno Mars gemeinsam gesungenen Hit „Die With A Smile“ vor, in einer Salsa-Version. Anschließend tanzt die Gaga mit dem Bunny, alles geht in den nächsten Song über, „Baile Inolvidable“, und schließlich gibt es einen weiteren Gastauftritt: Ricky Martin singt Bad Bunnys Song „El Apagón“.
Nun wird es etwas ernster in Bad Bunnys Super-Bowl-Casita: Seine Tänzer bewegen sich auf Strommasten, die wohl die vielen dortigen Stromausfälle und Störungen in der Stromversorgung symbolisieren sollen. Im Anschluss dann die schon viel beschriebene Szene, in der Bad Bunny sämtliche Länder des amerikanischen Kontinents aufzählt, wohl als Erinnerung an die Fans der „All-American Halftime Show“: Ja, es gibt auf diesem Kontinent noch mehr Leben als das in den USA. In den Kommentarspalten auf Youtube zeigen sich selbst die zuletzt genannten Kanadier begeistert. Auf einem Football, den Bad Bunny in der Hand hält, steht: „Together, we are America“.
Eine der schönsten und fulminantesten Halftime Shows
Das Set endet mit Bad Bunnys vielleicht schönstem Song, der seinem Erfolgsalbum den Titel gegeben hat: „Debí Tirar Más Fotos“, kurz und prägnant für all jene, die des Spanischen nicht mächtig sind oder sein wollen: DTMF. Ich hätte mehr Fotos machen sollen, singt Bad Bunny in diesem melancholischen Partylied, in dem er sich an eine alte Liebe erinnert, die ihn süchtig machte. Er hätte mehr Fotos von der gemeinsamen Zeit machen sollen, singt Bad Bunny, und alle tanzen. „Die einzige Sache, die stärker ist als Hass, ist Liebe“, steht auf einem Banner oben auf der Bühne, als letzte Message eines großen Künstlers, der gerade wohl eine der schönsten und fulminantesten Super-Bowl-Halftime-Shows hingelegt hat.
Das hatte er auch schon bei den Grammys gesagt. Und statt zu provozieren (als wäre nicht das Spanische für manche schon Provokation genug), statt politisch zu kommentieren, hat Bad Bunny einfach die Menschen seiner Heimat gezeigt, mit dickem kulturellem Kontext. An einer Stelle überreicht er gar einem kleinen Jungen, der mit seinen Eltern vorm Fernseher sitzt und die Grammy-Rede Bad Bunnys schaut, einen Grammy: ein Symbol dafür, dass einst Bad Bunny, Benito, dieser kleine Junge war, der mit der Familie fernsah, in seiner Heimat. Und nichts anderes war dieser Auftritt: eine Liebeserklärung an die Heimat, eine Liebeserklärung an Puerto Rico.
