Wer hat Alexander McQueen entdeckt? Wo arbeitete der Designer in den Neunzigern? Wer folgte ihm nach seinem Tod bei seiner Marke nach? Was war der provokante Titel seiner Schau für Frühjahr und Sommer 1998, bevor er sie in „Untitled“ („Ohne Titel“) umbenannte?
Fragen über Fragen. In Deutschland gäbe es nun die Gegenfrage: Wer ist Alexander McQueen? Hier im Théâtre du Châtelet mitten in Paris kennen viele der 2000 Gäste die Antworten. Kein Wunder, denn erstens ist das hier die Hauptstadt der Mode, und zweitens ist das hier „La Watch Party“: Public Viewing der Modenschau des Labels Alexander McQueen, die bald ein paar Kilometer entfernt für nur wenige 100 Auserwählte beginnt.

Im Parkett und auf den Rängen des Theaters aus der Belle Époque herrscht eine herrliche Atmosphäre. Viele Modestudenten sind gekommen, der Eintritt ist frei, die Gäste trinken Bier, rufen dazwischen, laufen raus und wieder rein. Der Impresario auf der Bühne ist Elias Medini, genannt Lyas, was wie „lie ass“ („Lügenarsch“) klingt. Seine neue Frisur: Irokesenschnitt. Ironie der Geschichte: Medini, der „La Watch Party“ gründete, weil er keine Einladungen zu Modenschauen bekam, bekommt jetzt wegen seines Ruhms durch „La Watch Party“ viele Einladungen.
Und wenn er dann wirklich zu einer Modenschau geht, jubeln die meist jungen Zaungäste lauter als bei Naomi Watts oder Oprah Winfrey. Aber es ist ohnehin lustiger, gemeinsam die Liveaufnahmen anzuschauen, die von den Marken aufwendig produziert werden.
Junge Talente kommen in der Szene schnell hoch
Lyas ist ein Beispiel dafür, wie schnell in der Modeszene Trends entstehen, wie schnell junge Talente hochkommen können – schon weil die großen Labels inzwischen reichlich abgehoben wirken. So hat im Herbst die EU-Kommission gegen Gucci, Chloé und Loewe wegen wettbewerbswidriger Preisvorgaben Millionenstrafen verhängt. Louis Vuitton verbietet Managern, mit bestimmten kritischen Journalisten zu reden. Unter dem Label „Made in Italy“ werden Taschen unter unwürdigen Bedingungen zusammengenäht. Über Drittländer verkaufen Luxusmarken ihre Waren als Graumarktimporte noch immer in Russland, trotz der Sanktionen.

Und die Großen übernehmen fröhlich Ideen von den Kleinen: So wundert sich die Berliner Designerin Mira von der Osten, dass sie in der Schiaparelli-Kollektion ein Oberteil aus verstricktem Videoband entdeckte – es sah so aus wie das Kleid aus schillerndem VHS-Magnetband, das sie Donata Wenders für die Oscars vor zwei Jahren angepasst hatte. Und Lyas fühlt sich von der französischen „Vogue“ bestohlen: Auch sie macht nun ein Event zum gemeinsamen Mode-Schauen.
Die Jüngeren informieren sich über kritische Accounts
Eine neue Generation geht nicht mehr einfach über Modelügen hinweg. Viele informieren sich heute bei kritischen Accounts wie „boringnotcom“ oder „Diet Prada“. Und bekommen Lust auf neue Erzählungen wie die von Lyas – oder die von Bhavitha Mandava, die ebenfalls erst Mitte zwanzig ist. Die indische Studentin wurde vor anderthalb Jahren von einem Modelagenten an der Atlantic Avenue in Brooklyn entdeckt. Gerade hatte sie eine Jobabsage von einem Techunternehmen bekommen, so erzählte sie kürzlich, und nun stellte ihr jemand in Aussicht, mit Modeljobs ihr Studiendarlehen zurückzahlen zu können. Als Markenbotschafterin von Chanel sollte sie das nun recht schnell schaffen.

Oder die Geschichte von Matthieu Blazy, dem neuen Chanel-Designer, der Bhavitha im Dezember als erstes indisches Model eine Schau der Marke eröffnen ließ und sie auch für die aktuelle Schau buchte. Blazy war ebenfalls nicht sonderlich bekannt, als er vor einem Jahr mit gerade einmal 40 Jahren an die Rue Cambon kam. Vor ein paar Tagen standen dort vor der Chanel-Zentrale viele Kundinnen an, um bei seiner ersten Kollektion zuzugreifen. Die Preise schreckten sie nicht. Dabei verlangt Chanel doch wirklich für ein offen zu tragendes weißes Smokinghemd mit schönem Perlenknopf und beschwerendem Kettchen 3900 Euro. Am Tag darauf zeigte Blazy seine zweite Kollektion, mit tieferer Taille und lockeren Kleidern. Ein leichter Look – und doch typisch für Chanel, weil die Markengründerin in den Zwanzigerjahren die Ära der Flapper mit anstieß, der selbstbewussten modernen Frauen mit dem ungezwungenen Lebensstil.
Oder die Geschichte von Florentina Leitner. Die Österreicherin, die mit Max Krechel in Antwerpen ihr Label Florentina Leitner betreibt, setzte ihre Schau am Dienstag gleich nach der Miu-Miu-Schau in der Nähe an – so gingen viele wirklich hin. Im herrlichen Hôtel Kergorlay Langsdorff flossen den Gästen die Augen über. Die Kollektion setzt die Pyjama-Szene aus „The Princess Diaries“ fort: Aus der schüchternen Außenseiterin wird die selbstbewusste Prinzessin.
Und die trägt Boxershorts, Dessous, Krönchen, Sternapplikationen und Taschen in Form von Lämmern. Verspielt, absurd, witzig. In dieser Mode findet man all das, was vorher in der doch recht minimalistischen Miu-Miu-Kollektion fehlte – die wiederum ihren Reiz daraus bezog, dass Schauspielerinnen wie Chloë Sevigny und Gillian Anderson über den Laufsteg gingen.

Noch so ein Talent könnte Seán McGirr sein, der neue Designer der Marke Alexander McQueen. Weil aber noch eine halbe Stunde vergeht, bis seine Models auf dem Laufsteg zeigen, was er kann, veranstaltet Lyas im Théâtre du Châtelet ein kleines Quiz. Die drei Kandidaten auf der Bühne drücken schneller auf den Buzzer, als man denken kann. Wer also hat McQueen entdeckt? Richtig: Isabella Blow. Gearbeitet hat er in den Neunzigern bei, richtig: Givenchy. Seine direkte Nachfolgerin war, richtig: Sarah Burton. Der provokante Titel seiner Schau, richtig: Golden Shower. Dann beginnt auf einem riesigen Schirm die Übertragung der Show des McQueen-Nachnachfolgers Seán McGirr für Herbst und Winter 2026.
Backstage zeigt sich die Nervosität
So viel vorab: Es ist nicht die stärkste Präsentation der Prêt-à-porter-Woche. Mit der Krise der Luxusbranche geraten auch etablierte Labels in Schwierigkeiten. Über McQueen heißt es sogar, womöglich werde die Marke verkauft oder geschlossen. Die Nervosität zeigt sich backstage: Bei Balenciaga, das ebenfalls zum Kering- Konzern gehört, versucht der neue CEO Luca De Meo Zuversicht zu verbreiten, denn die Kollektion seines Designers Pierpaolo Piccioli war durchwachsen; bei Celine hingegen ist Pietro Beccari, der neue CEO der LVMH Fashion Group, optimistisch – die Kollektion von Michael Rider war brillant. Mimik und Gestik der Geschäftsmänner verraten: Nicht nur auf sie kommt es an, sondern vor allem auf die Stärke der angeheuerten Modemacher.
Das zeigt sich auch bei einem weiteren jungen Talent. Duran Lantink, seit 2025 Chefdesigner der Marke Jean Paul Gaultier, lässt seiner Phantasie freien Lauf. Angeregt wurde der Achtunddreißigjährige von Marlene Dietrich, die auch gleich mit ihrem Lied „Peter, Peter, komm zu mir zurück“ eingespielt wird: „Wie konnte mich ein Mann nur so berauschen?“ Lantink findet die Aura der Sängerin „süß und dominant, sexy und anmutig“. So hält er es auch mit seiner Mode: mal lieblich, mal stark, mal abgedreht, mal ausgebeult – fantastique! Gaultier ist gerührt.

Im Théâtre du Châtelet ist nach der McQueen-Schau der Applaus groß. Die 2000 Gäste gelangen über einen QR-Code auf eine Voting-Seite – und geben der Kollektion die Note 3,6 von 5. Noch lange wird darüber debattiert. Und wer diese Mode für unbrauchbar artifiziell hält, hat immerhin einen schönen Abend im Modewelttheater verbracht, dank Lyas.
Lesen Sie auch an diesem Samstag im F.A.Z.-Magazin: Das Interview mit Elias Medini („Lyas“)
