So gut ist die Berlin Fashion Week 2026

Diese Mode regt die Kreativität an: Esther Perbandt hat ihre Kollektion dem Kreis gewidmet. In der Ausstellung „Dark Matter“ im Museum für moderne Kunst in Berlin saß die Designerin vor einer Installation aus vielen Kreisen und „war wie zur Salzsäule erstarrt“. Und sie fragte sich: „Kann man das einfachste Symbol, das es gibt, für eine Kollektion einsetzen?“

Offenbar kann man das. Perbandt hat Kreise ausgeschnitten, aufgenäht und integriert – und stößt auf diese Art mit ihren Entwürfen, die in typischem Schwarz gehalten sind, in ganz neue Dimensionen vor.

Mit Stiften malen nun die Gäste hunderte Kreise an die Wände von RAUM.Berlin, einer Marken-Plattform. Die Berliner Modemacherin lässt sich gerne davor abbilden. „Der Kreis ist auch eine perfekte Beschreibung für mich“, meint Perbandt. Schließlich ist der Kreis ein Symbol für die Unendlichkeit. Das passt zu einer Frau, die in der Berliner Mode schon so lange durchhält wie kaum eine andere. Je länger man hinschaut, desto runder wird auch die Krempe ihres Huts, der wie immer von der Hutmacherin Fiona Bennett stammt.

Diese Mode dreht sich nicht im Kreis

So gerne sich manche über die Szene lustig machen – so dynamisch zeigt sie sich bei der „Berlin Fashion Week“, die am Freitag begann und mit Dutzenden Schauen und Präsentationen bis zum Montag dauert. Zu den vielen Höhepunkten gehört zum Beispiel Haderlump, die Marke des Designers Johann Ehrhardt.

Am Samstagabend zeigt er seine Kollektion „Varius“ im Wintergarten-Varieté. Alte Bühnenrequisiten und ein Bildnis von Josephine Baker zieren die Wände, zwischen Samtvorhängen und Spiegeln treten Models in eleganten Abendkleidern auf den Laufsteg, andere tragen weite Marlene-Hosen. Zum ersten Mal wagt sich das Label an das Material Spitze, kombiniert mit Leder, Denim und Wolle. Aus Deadstock, also überschüssigem Material großer Firmen, wird Berliner Glamour.

DSGVO Platzhalter

Und der kommt international an. Stars wie Rihanna und Kali Uchis tragen inzwischen Mode des Berliner Labels Ioannes von Designer Johannes Boehl Cronau. Mit Kylie Jenners Label „Khy“ hat er sogar schon zusammengearbeitet. In seiner Herbst-Winter-Kollektion „Apokalypsis“ befragt sich der Central-Saint-Martins-Absolvent selbst. Nach sieben Jahren Ioannes sei es seine finale Modepräsentation, so die rätselhafte Ankündigung, „nicht das Ende, aber ein Moment der Enthüllung“. Jedenfalls greift er auf sein eigenes Archiv zurück. Das Ergebnis ist Eleganz in Neunziger- und 2000er-Ästhetik: enganliegende Schlauchtops, Zweiteiler, asymmetrische Oberteile und Rollkragen, mit den für Ioannes typischen Schnürungen.

Handarbeit wie in der Pariser Couture

Im besten Fall kommen Handarbeit wie in der alten Pariser Couture und Wiederaufbereitung wie in der neuen Berliner Recyclingkultur zusammen. Die alte Unterwäsche, Strümpfe, Spitze, Strickwaren und Leder, die Lou de Bètoly neu zusammensetzt, stammen von Flohmärkten wie dem vor dem Rathaus, an dem sie ihre Entwürfe ausstellt. Die französische Designerin will „abgenutzte Objekte und angesammelte Geschichten in neue Formen verwandeln“.

Schon in den Sommerferien ihrer Kindheit hat de Bètoly Knöpfe gesammelt. Im Sommer 2025 tat sie es wieder, diesmal mithilfe ihrer vierjährigen Tochter. Und nun zeigt sie ein Kleid, das vollständig aus zusammengehäkelten Knöpfen besteht, ein Kleid von gestern, teils hundert Jahre alt, für morgen.

Aus Hunderten Knöpfen: Lou de Bètoly häkelt solche Kleider mit der Hand.
Aus Hunderten Knöpfen: Lou de Bètoly häkelt solche Kleider mit der Hand.Hersteller

Solche Kunstwerke aus Geduld, Handwerk und Liebe können nur entstehen, wenn jemand hilft. Die Firma Hunkemöller unterstützt Lou de Bètoly mit Lingerie, und der Berliner Wirtschaftssenat bezuschusst in Zusammenarbeit mit dem Fashion Council Germany (FCG) viele Modemacher. Senatorin Franziska Giffey (SPD) berichtet beim FCG-Dinner zum Auftakt der Modewoche am Freitagabend im Restaurant Borchardt, dass der Senat auch in diesem und im nächsten Jahr die Szene mit jeweils vier Millionen Euro unterstütze. Die „internationale Strahlkraft“, die der Senat beschwört, muss eben erkauft werden.

Immerhin: Mark Holgate von der amerikanischen „Vogue“ schaut sich wieder viele Schauen an. Und dieses Mal ist auch Tim Blanks von „Business of Fashion“ gekommen, einer der wichtigsten Modekritiker überhaupt. Entsprechend herzlich wird er zur Begrüßung im Borchardt von FCG-Präsidentin Christiane Arp gedrückt.

Vor dem Eröffnungsdinner: Scott Lipinski und Christiane Arp vom Fashion Council Germany (links und Dritte von links) mit Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) und ihrem Staatssekretär Michael Biel
Vor dem Eröffnungsdinner: Scott Lipinski und Christiane Arp vom Fashion Council Germany (links und Dritte von links) mit Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) und ihrem Staatssekretär Michael BielAlfons Kaiser

Die Unterstützung ist auch für den Kölner Designer Mario Keine wichtig. „Marke“ heißt sein Label, nach seinen Anfangsbuchstaben. Es ist zugleich alltagstaugliche und avantgardistische Männermode, mit Haremshosen und toll geschnittenen Jacken und Mänteln. Ohne die 25.000 Euro Finanzhilfe, die er bekommen hat, wäre seine schöne Schau am Halleschen Ufer vielleicht gar nicht möglich gewesen. Kilian Kerner, der Meister der Kooperationen, lässt sich wiederum seine Schuhe von Tamaris zuliefern.

Meister der Zusammenarbeit: Kilian Kerner hält seine Marke auch mit Kooperationen am Laufen.
Meister der Zusammenarbeit: Kilian Kerner hält seine Marke auch mit Kooperationen am Laufen.dpa

Eine dunklere 2000er-Ästhetik treibt SF1OG um: Die Marke beschäftigt sich für Herbst und Winter mit Trauerritualen von Frauen im viktorianischen Zeitalter. Schwarz und Grau dominieren, viel Layering. Interessante Idee dabei: Ausgewählte Teile werden später auf der Plattform Vinted erhältlich sein, auf der Mode aus zweiter Hand verkauft wird, zumeist von Privatanbietern. Das soll zeigen, dass Designermode und Secondhand nicht konkurrieren, sondern zusammengehören. Insbesondere Jüngere würden neue Stücke und Secondhand-Mode kombinieren. Das Credo: „Mode so abbilden, wie sie heute tatsächlich getragen und erlebt wird.“

Großer Auftritt: Marc Cain präsentiert sich im Funkhaus.
Großer Auftritt: Marc Cain präsentiert sich im Funkhaus.Helmut Fricke

Solche Ideen liegen der Marke Marc Cain fern. Dem Gründer und Chef Helmut Schlotterer kommt es auf die große Öffentlichkeit seines Auftritts  an. „In Düsseldorf wäre es eine Schau für Einkäufer“, sagt er vor dem Defilee im phantastischen Großen Aufnahmesaal 1 des Funkhauses Nalepastraße, in dem einst der DDR-Rundfunk seinen Sitz hatte. „Hier ist es eine Presse-Schau.“ An Aufmerksamkeit mangelt es nicht: Die Fotografen reißen sich um Jerry Hall und ihre Tochter Elizabeth Jagger.

Vor der Schau: Jerry Hall und ihre Tochter Lizzy Jagger ziehen die Fotografen an.
Vor der Schau: Jerry Hall und ihre Tochter Lizzy Jagger ziehen die Fotografen an.dpa

In Amerika ist das Geschäft für den charismatischen Firmengründer wegen der hohen Zölle schwieriger geworden. „Donald Trump versaut mir meine Kalkulation“, sagt Schlotterer, der vor zweieinhalb Jahren das fünfzigjährige Jubiläum seiner Marke am Stammsitz in Bodelshausen bei Tübingen groß gefeiert hat. Seinen Traum von einer New Yorker Schau schiebt er erstmal auf.

Also lässt er es in Berlin mit einer überschwänglichen Kollektion in Farb- und Musterfülle krachen. Allein die Schau vor anderthalb Jahren im Neuen Palais im Park Sanssouci habe ihn „rund eine Million Euro“ gekostet, erzählt er freimütig. „Aber die Medienaufmerksamkeit ist es wert.“ Die vielen Fotos, die von der After-Show-Party im alten DDR-Gemäuer um die Welt gehen, beweisen es: Berlin ist auch für den Mann aus Bodelshausen eine Reise wert.