Sneaker ohne Logo – wie die Marke Vor erfolgreich wurde

Es ist lange her, dass ein Turnschuh einfach nur ein Turnschuh war, mit dem man Sport machte. Heute ist ein Turnschuh ein Sneaker. Und ein Lifestyle. Für einen großen Teil der Menschen das wichtigste Stück in der Garderobe. Entsprechend bedeutend sind die Marken. Sag mir, was du trägst, und ich sage dir, wer du bist. Adidas oder Nike? Puma oder Asics? Wer aber bin ich, wenn ich Vor trage? Kein Logo, keine Streifen, kein Muster. Bin ich ein Nichts?

Es ist ein regnerischer Tag in Mailand. Die Besucher der Fashion Week hetzen mit ihren Schirmen von Show zu Show und Showroom zu Showroom. Andreas Klingseisen und Jörg Rohwer-Kahlmann stehen in einem Hinterhof zwischen den Turnschuhen ihrer Marke Vor. Die beiden Münchner präsentieren ihre Kollektion das erste Mal in der italienischen Modestadt, im Showroom der deutschen Taschendesignerin Tina Lutz Morris. Das Interesse ist groß an den deutschen Leder-Sneakern, die hochwertig verarbeitet sind und kein Erkennungsmerkmal tragen. Oder vielleicht erkennt man sie auch gerade daran, dass sie kein Logo haben. „Wenn man so will, ist das der Wiedererkennungseffekt“, sagt Klingseisen. Die beiden Münchner sehen sich in der deutschen Designtradition, die weniger auf Effekte und Dekoration als auf Purismus und Schlichtheit setzt und gleichzeitig auf hochwertige Verarbeitung.

„Sneaker waren Ausdruck unserer Identität“

Gegründet haben Klingseisen und Rohwer-Kahlmann Vor 2010. Aber die Vorgeschichte reicht bis in ihre Kindheit zurück, als sie sich in der Schule eines Münchner Vororts kennenlernten und Freunde wurden. Sie saßen im Unterricht zusammen, gingen nachmittags skateboarden, hörten Hip-Hop und trugen die gleichen Turnschuhe. „Sneaker waren damals mehr als nur Schuhe für uns, sie waren Ausdruck unserer Identität“, erzählt Klingseisen. Es habe das Motto geherrscht: Make it or break it. „Ein Sneaker konnte ein Outfit gut machen, er konnte es aber auch zerstören.“

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Nach dem Abitur zogen die beiden Mitte der Neunzigerjahre in eine WG in München-Bogenhausen. Die Sneaker-Leidenschaft blieb. Damals konnte man die neuesten Modelle noch nicht im Internet bestellen. Sammeln sah so aus, dass man Freunde, die in die USA flogen, beauftragte, die neuesten Modelle mitzubringen. Klingseisen beispielsweise liebte die Schuhe des New Yorker Basketballstars Patrick Ewing, der noch vor Michael Jordan eigene Sneaker herausbrachte, unter anderem ein senfgelbes Modell aus Wildleder, das Klingseisen in seine Sammlung aufnahm. Die Freunde bauten sich im WG-Flur eine Art Privatmuseum, ein riesiges Regal mit 120 Sneakern.

Rohwer-Kahlmann beschäftigte sich bald darauf auch beruflich mit Sportschuhen und arbeitete mehrere Jahre als Designer bei der Sportmarke Puma in Herzogenaurach. Klingseisen wurde Sportwissenschaftler und gründete in München ein Fitnessstudio, das er heute noch betreibt. Die Leidenschaft für Sneaker blieb. Irgendwann kam die Idee auf, selbst an die Sache heranzugehen. „Unser Ziel war es, Sneaker zu entwickeln, die gutes Design mit Handwerkskunst vereinen“, sagt Klingseisen. Ihre ersten Skizzen zeichneten sie abends in ihrer Wohnung. Die Modelle sollten schlicht, bequem und aus Leder sein, ohne Logo. Heute nennen sie das Konzept „progressive Zurückhaltung“.

Mit einem Sneaker ganz in Weiß ging es los

Unser Anspruch war schon das German Engineering“, sagt Klingseisen. Eine Mischung aus Konstruktion und Klarheit. Wenn man so will, auch ein bisschen Bauhaus. Das erste Modell, das sie entwickelten und das es noch heute zu kaufen gibt, war ein komplett weißer Sneaker mit flacher, glatter Sohle. Sie nannten ihn: „1 A Reinweiss“. Die 1 steht für Generation, A für einen flachen Schuh. „Mid top“-Modelle, die höher geschnitten sind, bekamen die Bezeichnung B. Nach und nach kamen neue Modelle hinzu. „Wir arbeiten uns in den Generationen hoch“, sagt Klingseisen, während er das jüngste Modell in der Hand hält. „Der hier ist Generation . . . äh, wir streiten gerade noch, ob Generation acht oder neun.“ – „Neun!“, ergänzt Rohwer-Kahlmann. „Das ist ein Hybrid, ein Loafer, der wie ein Turnschuh gefertigt ist. Wir wollten diese glatte, flache Sohle haben, aber oben sollst du dich in dem Loafer-Universum wohlfühlen.“

Nach den ersten klassischen Modellen fingen die beiden an, zu experimentieren. Einer ihrer neueren Entwürfe ist ein Laufschuh. „Unser Anspruch ist, dass wir einfach jedes Schuhgenre für uns interpretieren“, sagt Klingseisen. „Wir sind in den Neunzigerjahren aufgewachsen, deshalb haben wir immer gesagt: Der Runner ist ein Style, den wir definitiv auch haben wollen.“ Aber auch hier: kein Schnickschnack.

Jörg Rohwer-Kahlmann und Andreas Klingseisen von Vor im Mailänder Showroom
Jörg Rohwer-Kahlmann und Andreas Klingseisen von Vor im Mailänder ShowroomHelmut Fricke

Wer sich einen Schuh von Vor kauft, trägt ihn nicht nur eine Saison. Die Schuhe sind zeitlos und klassisch. Das sehen die beiden auch als Teil der Nachhaltigkeit, denn es sind Schuhe, die länger halten und seltener ersetzt werden. Auch weil beide Wert auf hochwertige Materialien legen, unter anderem verarbeiten sie schadstofffrei gegerbtes Leder.

Nachdem sie einige Jahre ihre Schuhe in Deutschland produzieren ließen, werden die Sneaker mittlerweile in Portugal gefertigt, in einem kleinen Betrieb in der Nähe von Porto, den der Sohn kürzlich von seinem Vater übernommen hat. Er habe das gleiche Verständnis von Qualität. „Er versteht, wenn wir akribisch auf die Ausarbeitung einer bestimmten Naht bestehen“, sagt Klingseisen. „Masse ist wirklich ganz weit weg von dem, was wir machen“, ergänzt Rohwer-Kahlman. Menschen, die Schuhe von Vor kaufen, suchen nach dem Individuellen. „Unsere Zielgruppe sind nicht die, die sich den fünften Adidas- oder Nike-Schuh kaufen. Sie suchen nach dem Besonderen.“ Und dann seien viele ihrer Kunden sehr treu und kauften immer wieder Sneaker von Vor. Anfragen kommen aus allen Teilen der Welt, auch wenn das kleine Label mit vier Mitarbeitern über keine große Marketingmaschinerie verfügt.

Eine Marke in der Liebhaber-Liga

Im Vergleich zu den Global Playern des Marktes sind die Macher von Vor ein kleines Licht. Adidas verkauft jährlich um die 400 Millionen Paar Schuhe, Nike weit über eine Milliarde. Die Umsätze sind entsprechend. Vor spielt in der Liebhaber-Liga. Dafür haben sich Klingseisen und Rohwer-Kahlmann, die gerade die 50 überschritten haben, ihre kreative Freiheit bewahrt. Stundenlang tüfteln sie an neuen Modellen. Und noch immer haben sie etwas Jungenhaftes an sich, wenn sie im Mailänder Showroom gemeinsam rumalbern. Ihre Zusammenarbeit funktioniert noch immer gut.

Während sein Partner eher analytisch an das Thema rangehe und die technische Umsetzung im Blick habe, sei er derjenige, der die Trends und Entwicklungen auf dem Markt beobachte, sagt Klingseisen. „lch lasse mich eher von meinem Herzen leiten, was bei den kleinen, aber feinen Nuancen schon mal zu hitzigen Diskussionen führen kann.“ Manchmal seien sie auch wie ein altes Ehepaar, ergänzt er. Der eine wüsste schon immer im Voraus, was der andere denkt. Wenn sie etwa stundenlang über eine Naht oder über Farben sprechen. Allein bei dem Thema Weiß haben sie eine ganze Palette im Angebot, von Reinweiß über Antikweiß bis zu Champagnerweiß. Ein Klassiker ist auch das Modell 2A Neurosa, das besonders gerne von Männern geordert wird. Alle Sneaker sind im Übrigen unisex.

Die jüngsten Vor-Modelle, die auch im eigenen Münchner Store und in ausgewählten Läden zu kaufen sind, tragen den Namen Perle. Eine limitierte Kleinstserie, gefertigt aus Musterledern, für die keiner mehr Verwendung hatte. „Anstatt zu verstauben, erhalten sie bei uns eine neue Bestimmung“, heißt es im Pressetext. Manche sind einfarbig, manche ein Mix aus verschiedenen Ledern. Die Perlen, heißt es weiter, seien Schuhe mit Charakter. Und vielleicht lässt sich das auch auf die Träger der Sneaker ohne Logo übertragen.