Felix Hoffmann sprang am Sonntagabend in der Dunkelheit von Lillehammer bei der Siegerehrung hoch aufs Podest, er lächelte kurz, ein wenig schüchtern wirkte er noch. Und viele Fernsehzuschauer sowie die wenigen Skisprung-Aficionados, die am Lysgårdsbakken bei Schneefall ausgeharrt hatten, dürften sich am Ende des Auftaktwochenendes gefragt haben: Felix wer? Dieser 1,70 Meter große Springer vom Ski- und Wanderverein Goldlauter-Heidersbach aus Suhl war gerade Dritter geworden, sein erster Podiumsplatz im Weltcup, sein bislang größter Erfolg.
Der 28-Jährige, der in Duktus und Physis ein wenig an den einstigen Skisprung-Floh Jens Weißflog erinnert, ist bislang tatsächlich kaum in Erscheinung getreten, seit er vor neun Jahren in den Weltcup-Zirkus einstieg. Lange Zeit landete der Bundespolizist in den Wettbewerben des Continental Cups, im Weltcup und bei der Vierschanzentournee eher auf den hinteren Plätzen. Doch als er vor drei Wochen vor Philipp Raimund, 25, und Pius Paschke in Oberhof deutscher Meister wurde, ahnte man schon: Da wird demnächst auch auf höherer Ebene ein neues, wenn auch nicht mehr ganz junges Gesicht in die Kameras blicken. „Es war sehr cool, das freut mich sehr. Es ging jetzt doch ganz schnell, aber die Einzelsprünge, die Quali, das ging schon in die Richtung“, sagte Hoffmann nun in Lillehammer vor der Siegerehrung in der ARD – er sprach von zwei Sprüngen, „die gut gepasst haben“.

:„Noch mal richtig verausgaben“, dann ist Schluss
Zu Beginn der Skisprungsaison gibt Bundestrainer Stefan Horngacher seinen Rücktritt im Frühjahr bekannt. Er spricht von einem zehrenden Job – und überrascht damit den Verband.
Hofmann war noch vor dem viertplatzierten Raimund gelandet. Den Sieg sicherte sich der Japaner Ryoyu Kobayashi, Rang zwei ging an Domen Prevc aus Slowenien. Die Österreicher, die tags zuvor beim ersten Springen von der Großschanze mit ihrem Dreifachsieg noch Erinnerungen an ihre Dominanz bei der jüngsten Vierschanzentournee geweckt hatten, waren am Sonntag zu fehlerhaft beim Absprung und in der Flugphase.
Wellinger fühlt sich „wie ein abgestochener Vogel“
Natürlich ist es zu früh, von einer Wachablösung im deutschen Skispringen zu sprechen, nach der ersten Weltcup-Station dieses Olympiawinters in einem ohnehin höchst volatilen Sport. Doch die Frage darf schon gestellt werden: Wo waren eigentlich jene deutschen Namen, die normalerweise seit Jahren im Schaufenster stehen: Karl Geiger, 32? Andreas Wellinger, 30? Pius Paschke, 35? Das Trio war beim ersten Springen (bei dem Raimund und Hoffmann Sechster und Zehnter wurden) auf die Plätze 40, 51 und 56 abgestürzt, besonders Wellinger kasteite sich nach seinem Qualifikations-Aus selbst: „Ich hänge über dem Eck wie ein abgestochener Vogel.“ Am Sonntag verpasste Wellinger als 40. den zweiten Durchgang, Geiger belegte Platz 23, Paschke wurde 27.„Es ist weit weg von irgendeiner Leichtigkeit oder Selbstvertrauen“, sagte Wellinger: „Ich habe gewusst, dass ich nicht in der besten Form bin. Aber dass es so zarch geht, hätte ich auch nicht erwartet.“
Angedeutet hatte sich die Formkrise schon beim Sommer-Grand-Prix, auch bei den Tests mit neuem Material und den engeren Anzügen, die die Springer seit dem Skandal um Norwegens Team bei den Weltmeisterschaften in Trondheim im Februar tragen müssen. Es kann an vielem akribisch herumgedoktert werden, Ski, Schuhe, Anzug, Bindung, all das sind Teile des Flugsystems. „Es gäbe ausreichend Optionen, aber alles auf einmal macht auch wieder keinen Sinn“, sagte Wellinger. Die Änderungen würden ohnehin oft erst nach Tagen oder Wochen Wirkung zeigen, „da ist der schleichende Prozess ein Sauhund“. Und so geht der Olympiasieger von 2014 und 2018 als eines der größten Sorgenkinder des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) in diese Saison, an deren Ende wieder Winterspiele stehen.

Wellinger war im Zuge des Anzugskandals als ein meinungsstarker Kritiker der Norweger aufgetreten. Noch während der WM und auch im Sommer, als die involvierten Springer Marius Lindvik und Johann André Forfang zu einer eher überschaubaren Sperre von drei Monaten und 2000 Schweizer Franken Geldbuße verurteilt wurden. Ende Oktober sagte Wellinger bei der DSV-Einkleidung in einer Nürnberger Messehalle: „Was in Trondheim passiert ist, war scheiße für unseren Sport und scheiße für alle Athleten. Die Gesamtsituation ist eher fragwürdig, auch in der Aufarbeitung. Wir haben einen sehr großen Einbruch in der Glaubwürdigkeit unserer Sportart gehabt.“ Dann fragte Wellinger rhetorisch: „Haben wir diese Glaubwürdigkeit zurückgewonnen?“ Nicht wirklich. Er glaube eher, „es wird uns noch länger beschäftigen“. Und ist froh, wenn er Lindvik und Forfang möglichst aus dem Weg gehen kann. Aber schon in Lillehammer war das kaum möglich, denn auch die Norweger flogen von ihrer Heimschanze, aber weder Lindvik noch Forfang landeten unter den besten Fünfzehn.
Wellinger gilt als Gewohnheitsspringer: Wenn sein System verändert wird, braucht er länger als manch andere, um sich umzustellen. Die neuen Regeln und der unruhige Sommer dürften daher zu einem guten Teil hineinspielen in seine Formschwankungen. „Eine konkrete Baustelle war die Balance, und die Technik zu finden in der Luft zwischen Körper und Ski, da gab es beim Anzugreglement viele Änderungen“, sagte Wellinger bei der DSV-Einkleidung.
Für den Schnitt der Anzüge gelten inzwischen als Konsequenz des WM-Dramas von Trondheim strengere Vorgaben bei Form und Schnitt an Armen, Beinen und im Schritt, die Gesamtfläche ist kleiner. Das Material und die Springer werden nun vor, zwischen und nach den Wettkämpfen von mehreren Kontrolleuren inspiziert. Bei Verstößen werden gelbe und rote Karten verteilt und der entsprechende Springer disqualifiziert oder für weitere Wettkämpfe gesperrt. Als neuen Chefkontrolleur verpflichtete der Ski-Weltverband Fis den ehemaligen österreichischen Skispringer Mathias Hafele, den auch Wellinger lobt als „einen guten Mann, der extreme Expertise hat, was unseren Sport betrifft“.
Für die Skispringer steht bereits am Dienstag im schwedischen Falun der nächste Weltcup an. Dort ist für Bundestrainer Stefan Horngacher, der Ende Oktober seinen Rücktritt zum Saisonende angekündigt hat, das Ziel klar: „Wir haben Zwei, die sehr gut performen, und müssen schauen, dass wir den Rest langsam heranholen“, sagte der 56-Jährige in Lillehammer. Die Zeit wäre reif, fünf Wochen vor dem Start der Vierschanzentournee, die diesmal nur eine Art Generalprobe für die Olympischen Winterspiele ist.
